Newsletter „What’s up, America?“

Nikki Haley ist Amerikas neuer Rising Star

„Gewöhnt euch schon mal an das Gesicht“: Die Republikanerin Nikki Haley will am 5. November 2024 zur ersten Präsidentin der USA gewählt werden.

Liebe Leserinnen und Leser,

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wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Diesen Spruch kennt man auch in den USA: „He who digs a pit for others falls into it himself.“ Wie so etwas geht, führte Donald Trump (77) soeben in peinlicher Weise vor, in einer Rede beim „Pray Vote Stand Summit“, einem Treffen von Evangelikalen.

Sein 80 Jahre alter Nachfolger Joe Biden, hob Trump an, sei inzwischen in dessen geistiger Auffassungskraft behindert („cognitively impaired“). Das müsse man sich mal vorstellen. Schlimm sei das und gefährlich, schimpfte Trump, weil Biden es zum Beispiel mit Russland zu tun habe und mit dem Risiko eines Atomkriegs: „Wenn wir uns auf diesen Mann verlassen, können wir uns sehr schnell in einem zweiten Weltkrieg wiederfinden.“

Den Zweiten Weltkrieg aber hatten wir schon. Willkommen zur neuen Ausgabe unseres US-Newsletters „What’s up, America?“.

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„Gaffes“ wie im Fall Trump – Versprecher, Aussetzer, Pannen – sind ein parteiübergreifendes Phänomen. Oft liefert auch Biden solche „gaffes“, mitunter gar serienmäßig. Eine durch und durch missratene Pressekonferenz in Vietnam etwa beendete dieser jüngst mit dem Hinweis an die verstörten Reporter, für ihn sei es nun aber wirklich Zeit, ins Bett zu gehen.

Das Alter wird nun doch zum Thema

Washington könnte, um es milde zu sagen, eine gewisse Verjüngung des politischen Führungspersonals gut gebrauchen. Dass dieser Gedanke immer mehr um sich greift in den USA, liegt an den Alten selbst. Sie geben dazu in jüngster Zeit immer neue Anstöße.

  • Mitch McConnell (81), republikanischer Fraktionschef im Senat, unterbrach in diesem Sommer zweimal Auftritte vor Kameras, um wortlos in eine seltsame Starre zu verfallen. 30 Sekunden lang kamen von ihm kein Wort und keine Geste, Mitarbeiter führten ihn zurück in sein Büro. Später verkündete McConnell: „Es geht mir gut.“ An seinem Amt, einer Schlüsselposition in Washington, hält er fest.
  • Dianne Feinstein (90), Senatorin der Demokraten aus Kalifornien, erschien verwirrt oder mindestens vorübergehend abwesend, als sie jüngst bei einer Abstimmung mehrfach aufgefordert werden musste, nun entweder „Ja“ oder „Nein“ zu sagen. Es ging um den 823 Milliarden schweren Etat des Verteidigungsministeriums.
  • Nancy Pelosi (83), frühere Chefin des US-Repräsentantenhauses und demokratische Abgeordnete aus Kalifornien, überlegte eine Weile, ob sie bei den Wahlen 2024 erneut antreten will. Inzwischen steht fest: Ja, sie will es noch einmal wissen. Neben jenen Parteifreunden, die ihr jetzt applaudieren, stehen stumm auch manche, die die Augen rollen.
Plötzlich verschlug es ihm die Sprache: Mitch McConnell (81), Fraktionschef der Republikaner im US-Senat, bei einem Auftritt vor Journalisten in Washington im Juli dieses Jahres.

Lange galt das Alter von Politikern als Non-Thema in den USA. Denn erstens ist generell jede Form von Herabsetzung älterer Leute verpönt; im Arbeitsalltag kann dies sogar Schadensersatzansprüche wegen „Ageism“ auslösen. Zweitens hackte, bislang jedenfalls, in Amerikas „political class“ keine Krähe der anderen in der Altersfrage ein Auge aus: Gewisse gerontokratische Strukturen gibt es bei Republikanern und Demokraten schon seit Jahrzehnten.

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Haley könnte 2024 gegen Biden gewinnen

Einen neuen Ton schlug erstmals die 51 Jahre alte Nikki Haley an. Sie war zuvor Gouverneurin von South Carolina und diente der Trump-Administration zeitweilig als Botschafterin der USA bei den Vereinten Nationen. Als Haley im Februar dieses Jahres ihre Präsidentschaftskandidatur ankündigte, wurde sie auf ihre Außenseiterrolle angesprochen – und auf die fortwährende Dominanz der Älteren in Washington. Daraufhin senkte sie demonstrativ die Hörner zum Kampf und sagte, es gehe ihr nicht zuletzt um einen Generationswechsel. Land und Leute hätten genug von Politikern, die auch im Alter von der Macht nicht lassen könnten und sich selbst für etwas Ewiges hielten.

Haleys Kurs erschien gewagt. Als sie auch noch eine Altersgrenze von 75 ins Gespräch brachte, von der an Politiker kognitive Tests ablegen sollten, um ihre Amtsfähigkeit zu beweisen, glaubten manche, nun sei Haley zu weit gegangen.

Inzwischen aber scheint sich das Blatt zu wenden. Immer mehr Amerikanerinnen und Amerikanern stößt das hohe Alter ihrer führenden Politiker unangenehm auf.

  • Anfang September ergab eine Umfrage des „Wall Street Journal“, dass Biden nach Meinung von 73 Prozent der Befragten zu alt ist, um für das Amt des Präsidenten zu kandidieren.
  • Kurz zuvor hatte eine Umfrage von Associated Press-NORC gezeigt, dass 77 Prozent der Amerikaner insgesamt und 69 Prozent der Demokraten sagten, Biden sei „zu alt, um eine weitere vierjährige Amtszeit effektiv abzuleisten“.
  • Biden werden in weit höherem Maß altersbedingte Probleme zugeschrieben als Trump. Doch auch Trump ist nach Meinung einer knappen Mehrheit von 51 Prozent bereits zu alt für eine Präsidentschaftskandidatur.
Bittere Zahlen für Biden: Umfrage von P-NORC
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Zugleich legt Haley in den Umfragen plötzlich zu. Lange sah man sie im Feld der Republikaner weit abgeschlagen, mit erbärmlichen Zustimmungswerten im einstelligen Prozentbereich, weit hinter Donald Trump und Ron DeSantis. Seit einigen Tagen aber kursieren neue Umfragedaten, die Republikanern wie Demokraten zu denken geben: Nach einer CNN/SSRS-Umfrage wäre Haley die einzige republikanische Kandidatin, die in einem hypothetischen Duell einen Vorsprung vor Biden hätte – mit 49 gegenüber 43 Prozent.

Für Trump und DeSantis sind das verwirrende und schädliche Zahlen. Beide sind Männer mit breitbeinigem Gang, beide können sich wohl leichter durchsetzen als Haley, solange es um Debatten innerhalb der Republikaner um die Kandidatenfrage geht. Die zweite Frage ist aber, wer am Ende bei den eigentlichen Wahlen am 5. November 2024 mehr Wählerinnen und Wähler anzieht.

Schlechte Nachricht für Putin und Xi

Haley, so zeigt sich jetzt, ist für Menschen aus der politischen Mitte attraktiver als Trump oder DeSantis. Eher als diese beiden wäre sie vermutlich in der Lage, die Präsidentschaftswahl tatsächlich zu gewinnen. Man könnte von einem Merkel-Effekt sprechen: In Deutschland hofften die Unionsparteien auf ähnliche Wirkungen, als sie zur Bundestagswahl 2005 erstmals mit einer Frau ins Rennen gingen. Die Sache hatte, wie man weiß, Erfolg – und das nicht nur einmal.

Haley ist inzwischen up and coming. Schon im Juni hinterließ sie bei einem Townhall-Event auf CNN einen guten Eindruck auf Freunde, Feinde und Unentschlossene. Die Anfang September veröffentlichte Umfrage gibt ihr jetzt zusätzlichen Schub. Als Außenseiterin wird sie nicht mehr einsortiert. Anerkennend berichtete der Fernsehsender ABC dieser Tage, aus „Nikki who?“ sei eine Frau geworden, die sich ernsthaft anschicke, die erste Präsidentin der USA zu werden.

„Gewöhnt euch schon mal an das Gesicht“, scherzte Haley bei Vorwahlterminen in Iowa. Ihr Selbstbewusstsein stützt sie nicht nur auf die aktuellen Trends, sondern auch auf einige unverlierbare Pluspunkte, die sie schon als Person auf Schritt und Tritt mitbringt. Einerseits spricht sie das konservative Amerika an. Als frühere Gouverneurin von South Carolina agierte sie betont wirtschaftsfreundlich; sie ist für niedrige Steuern und für eine Gesellschaft, die nicht immer gleich nach dem Staat ruft. Zugleich aber setzt sie als Migrantentochter auch unerwartete soziale und integrative Akzente.

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„Gewöhnt euch schon mal an das Gesicht“: Wahlkämpferin Nikki Haley bei einem Auftritt im September 2023.

Nikki Haley wurde 1972 in Bamberg, South Carolina, als Nimrata Nikki Randhawa geboren. Sie ist das Kind indischer Einwanderer. 1996 heiratete sie den Soldaten Michael Haley. 1997 nahm sie auch dessen christlichen Glauben an.

In der Außenpolitik ist sie klarer sortiert als Trump, DeSantis und viele andere in ihrer Partei. Für die Diktatoren Wladimir Putin und Xi Jinping wäre ein Wahlsieg Haleys eine schlechte Nachricht. Haley sagt klipp und klar Nein zum russischen Vormachtstreben und Nein zu jeder Form von Naivität gegenüber China. Die Ukraine, sagt sie, müsse den Krieg gegen Russland gewinnen – allein schon, um Xi von dummen Gedanken mit Blick auf Taiwan abzuhalten. Für Europa läge in all dem eine gute Nachricht: Ein außenpolitisches Chaos wie in den Trump-Jahren wäre mit Haley im Weißen Haus nicht zu erwarten.

POPPING UP: „Tipflation“ macht alles teurer

Die eigentliche Inflation lässt in den USA inzwischen nach. Im August 2022 lag die Teuerungsrate noch bei mehr als 8 Prozent, inzwischen sind es weniger als 4 Prozent. Dass dennoch rundum alles immer mehr kostet, liegt an einer neuen amerikanischen Unart: der „Tipflation“. Mit diesem Wort beschreiben Amerikanerinnen und Amerikaner den Trend zu immer höheren „Tips“ (Trinkgeldern).

Oft ergibt erst die Addition aus Gehalt und Trinkgeld ein ausreichendes Einkommen: eine Barista in einer Kaffeekette.
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Die früher eher geringen Zusatzzahlungen sind heute happiger denn je. Früher galt ein „Tip“ von rund 15 Prozent für die Kellnerin oder den Kellner im Restaurant als ausreichend. Heute findet sich der Gast beim Bezahlen oft vor Terminals wieder, die ihm nur eine Dreierauswahl von 22, 25 oder 30 Prozent bieten. Und während man noch überlegt, blicken einem andere Gäste über die Schulter.

„Tips“ werden zudem nicht mehr nur im Restaurant erwartet, sondern auch von Handwerkern, Masseuren und sogar beim Bäcker. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner empfinden die ausufernde „Tipflation“ mittlerweile als zunehmendes Ärgernis. Immer mehr Anhänger scheint der Gedanke zu finden, dass es besser wäre, durch höhere Löhne dem unwürdigen Heischen nach Zusatzzahlungen ein Ende zu setzen. Unterm Strich billiger allerdings, das räumen die „Tipflation“-Kritiker ein, würde auch auf diese Art nichts.

WINNER: Der gute, alte Wecker kommt wieder

Wer sich morgens per iPhone wecken lässt und das auch noch modern findet, hat etwas missverstanden. So jedenfalls sieht das Gregory Han, Lifestyle-Experte bei der „New York Times“. Das Telefon ins Schlafzimmer mitzunehmen sei verkehrt, schnell ruiniere man auf diese Art nächtliche Entspannung und Schlaf. Der gute alte Wecker dagegen biete – auch wenn er ein bisschen altmodisch aussehe – „ein gesundes Upgrade für ein ablenkungsfreies Schlafzimmer“.

Neues zeitloses Design und dabei völlig kabelfrei: Wecker „Riki“.

Soeben stellte Han seinen Lesern „Die sieben besten Wecker des Jahres 2023″ vor. Billige, aber verlässliche Geräte gebe es schon ab 16 Dollar bei Amazon. Schick und auch von den Tönen her schön sei der Designerwecker „Loftie“ (149 Dollar). Wer es zeitlos mag, solle auf den Wecker „Riki“ (120 Dollar) zurückgreifen, benannt nach dem japanischen Designer Riki Watanabe. Der Clou bei „Riki“: Das Gerät kommt ganz ohne Kabel aus. Es genüge eine einzige AA-Batterie. Manche Ältere werden stutzen und sich angesichts dieser Neuerung fragen: Moment, gab es so etwas nicht sogar früher schon einmal?

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LOSER: Google stößt im eigenen Land an Grenzen

So etwas hat Google noch nicht erlebt: Ausgerechnet im eigenen Land wird die weltweit erfolgreichste Suchmaschinenfirma jetzt juristisch hart rangenommen. In einem Antikartellverfahren will die US-Regierung nachweisen, dass Google gegen Vorschriften verstoßen hat, mit denen ein fairer Wettbewerb garantiert werden soll.

Gleich zu Beginn des Verfahrens wurde klar, dass vor Gericht ein Kampf mit harten Bandagen bevorsteht. Das Justizministerium lehnte am Montag den von Google beantragten Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Saal ab.

Er entscheidet, wie es mit Google weitergeht: US-Richter Amit Mehta.

Ein Urteil wird erst für das kommende Jahr erwartet. US-Bezirksrichter Amit Mehta könnte Strafzahlungen verhängen, aber auch eine Zerschlagung von Google in mehrere kleinere Unternehmen verfügen. Experten nennen das Verfahren schon jetzt den „Prozess des Jahrzehnts“.

STAY TUNED

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WAY OF LIFE: Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Spazierengehen sei gut, sagen amerikanische Fitnessexperten. Noch besser aber sei Rucking: das Spazierengehen mit einem Rucksack. Von einer „einfachen Möglichkeit, seine Anstrengungen zu maximieren“, schwärmt Melanie Radzicke McManus, Sportjournalistin beim Sender CNN.

Der Begriff „Rucking“ steht für Rucksackmärsche, wie sie auch von Militärs auf der ganzen Welt zum Zweck der Ertüchtigung angeordnet werden. Eine der Standardprüfungen der US-Armee für Rekruten ist ein 12-Meilen-Ruck, den sie innerhalb von drei Stunden absolvieren müssen.

Wer als Zivilist mit dem Rucking anfängt, sollte sich indessen geringere Entfernungen vornehmen und es auch mit den Gewichten langsam angehen lassen. Füße und Knöchel werden in ungewohnter Weise belastet. „Beginnen Sie mit einem leeren Rucksack und gehen Sie eine Strecke, die Sie schon mal zurückgelegt haben“, rät Mark Stephenson, Direktor am Center for Sports Performance and Research am Medizinzentrum Mass General Brigham in Foxborough, Massachusetts. „Wenn es wehtut, ist es nicht gut.“

„Wenn es wehtut, ist es nicht gut": Rucking sollte nicht mit allzu viel Gewicht begonnen werden.
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Nach und nach aber kann eine behutsame Steigerung des Gewichts im Rucksack laut Stephenson wahre Wunder wirken: Der Körper verbrenne mehr Kalorien, die Muskelkraft wachse, die Herzgesundheit werde gefördert. Studien zeigten, dass schon nach zehn Wochen regelmäßigen Gehens mit Gewichten die körperliche Leistungskraft beträchtlich zunehme. Auf diese Weise lasse sich bei älteren Männern und Frauen sogar ein Abrutschen in Entkräftung und Pflegebedürftigkeit bremsen.

Rucking all over the world? Sollte die Sache zu einem globalen Trend werden, würde künftig erstmals für Kranke wie für Gesunde gleichermaßen ein altes deutsches Sprichwort gelten: Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Der nächste USA-Newsletter erscheint am 3. Oktober 2023. Bis dahin: Stay sharp – and stay cool!

Ihr Matthias Koch


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