Miese Masche von Musk: Doppelangriff auf Harris
Mit amerikanischer Politik und all ihren Doppelbödigkeiten und Raffinessen kennt Chris Hayes (45) sich ziemlich gut aus. Er hat Politik studiert an der renommierten Brown University. Er hat einen New-York-Times-Bestseller („The siren‘s call“) geschrieben über die epochalen Auswirkungen der Aufmerksamkeitsökonomie auf Medien und Gesellschaft. Und er tritt fünfmal pro Woche um 20 Uhr mit der Sendung „All in“ auf MSNBC im Fernsehen auf.
Doch so etwas wie jetzt hat Hayes noch nicht gesehen.
„Das ist der ekligste und zynischste Trick in einem Wahlkampf, der von zynischen Tricks nur so strotzt“, sagt Hayes sichtlich angewidert über die jüngste digitale Attacke auf die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Kamala Harris.
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Zur vollständigen AnsichtEin von Musk unterstütztes sogenanntes Political Action Committee (PAC) finanziert derzeit Netzkampagnen, die sich mit Blick auf die Nahostkrise gegen Harris wenden. Zwei Wochen vor der Wahl am 5. November wollen die Geldgeber den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern dazu nutzen, möglichst viele Wählerinnen und Wähler gegen die Demokratin aufzuwiegeln.
Schon grundsätzlich winkt für dieses Vorhaben kein Ethikpreis. Dass die Trump-Freunde eine auswärtige Krise ausschlachten wollen, zeigt ihre eigene Not und die innenpolitische Schwäche ihres Kandidaten.
Das historisch Bemerkenswerte an der jetzt laufenden PAC-Kampagne aber liegt ihrer aufs Maximale gesteigerten inhaltlichen Beliebigkeit. Wie die „Huffington Post“ und das Portal „404 Media“ berichten, greift das PAC je nach Wählergruppe auf diametral entgegengesetzte Begründungen zurück:
- In Gegenden von Michigan mit einem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil wird Harris als enge Freundin Israels dargestellt. Auch wird erwähnt, dass der Ehemann der Kandidatin, Doug Emhoff, jüdischen Glaubens ist.
- In Teilen von Pennsylvania mit einem relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil wird die Behauptung verbreitet, Harris wolle sich „bei den Palästinensern anbiedern“ und Israel die Waffen verweigern, die es brauche, um die Hamas-Terroristen zu besiegen.
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Zur vollständigen AnsichtZerstörungswille ohne inhaltliches Anliegen
Welcher der beiden Vorwürfe stimmt nun? Den Geldgebern des PAC kommt es darauf nicht an. Sie haben nicht mit Blick auf die Lage im Nahen Osten ein außenpolitisch so oder so definierbares politisches Anliegen. Ihnen geht es allein darum, Harris innenpolitisch auf den letzten Metern so gut es geht zu schaden. Sichtbar wird hier ein Zerstörungswille, der sich selbst genug ist.
Mathematisch bietet das ethisch unsaubere Hantieren mit widersprüchlichen Vorwürfen sogar Vorteile. Verliert Harris aus der einen Wählergruppe aus dem Grund X eine bestimmte Zahl bisheriger Unterstützer und zusätzlich aus der anderen Wählergruppe aus dem Grund Y, könnte die Summe unterm Strich ein Minus ergeben, das angesichts der extremen Knappheit der Ergebnisse in Michigan und Pennsylvania am Ende für einen Wahlsieg Trumps ausreicht.
Den bevölkerungsreichsten Swing State Pennsylvania gewann Joe Biden im Jahr 2020 mit einem Vorsprung von nur rund 80.000 Stimmen. Harris hatte in Pennsylvania vor einem Monat laut CNN einen demoskopischen Vorsprung von zwei Punkten; dieses Ergebnis lag innerhalb der Fehlermarge der Institute und taugte nicht zu Prognosen. Inzwischen ist der Abstand auf nur noch einen Punkt gesunken.
Microtargeting - eine unsichtbare Waffe
Bei ihrem aktuellen Vorgehen in den Swing States hilft Trump und seinen Freunden und Förderern eine für Außenstehende schwer nachvollziehbare politische Werbemethode: Microtargeting. Über Snapchat, Instagram oder Facebook werden sorgsam vorbereitete Botschaften nur für jene Menschen auf den Bildschirmen sichtbar, für die sie gedacht sind.
Die Sortierung kann über Wohngebiete erfolgen, aber auch über digitale Profile. Laxer Datenschutz begünstigt in den USA die laufende kommerzielle Auswertung von Handydaten. Bei politischen, weltanschaulichen und religiösen Zuordnungen helfen nicht nur Einträge in sozialen Medien,. Wichtige Anhaltspunkte können sich bereits aus Mediennutzung oder Bestellungen im Internet ergeben.
Auftraggeber des Microtargetings legen Wert darauf, dass die speziell zugeschnittenen Botschaften wirklich nur bei den speziell ausgewählten Empfängern landen. Würden alle Empfänger alle Botschaften des Absenders lesen können, geriete der Zynismus in den Blick, der an dieser Stelle schon immer waltete - und jetzt mit diametral entgegengesetzten Botschaften einen ungeahnten Höhepunkt erreicht hat.
Zu Unehrlichkeiten und Halbwahrheiten lud das Microtargeting schon immer ein. Eine größere Rolle in einem Präsidentschaftswahlkampf spielte es erstmals im Jahr 2008. Anfangs ging es nur um nur Nuancierungen. Der Obama-Kampagne etwa wird nachgesagt, sie habe sich damals in katholischen Gegenden mit weit milderen Worten als anderswo für das Recht der Frau auf Abtreibung eingesetzt.
In späteren Jahren wurden die neuen digitalen Techniken zur Erstellung ideologisch definierter Landkarten verwendet. Experten sprechen von straßengenauen und häusergenauen Differenzierungen. Im Fall der jetzt laufenden Anti-Harris-Kampagne konnte „404 Media“ nach eigenen Angaben nachzeichnen, wie die Zielgebiete für unterschiedliche Snapchat-Botschaften vorab nach Postleitzahlen sortiert wurden.
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Zur vollständigen AnsichtIm Jahr 2016 gewann die für Trump arbeitende Datenfirma Cambridge Analytica traurigen Weltruhm, weil sie sich illegal Einblick in die Privatsphäre von Millionen von Facebook-Nutzern verschafft hatte. Der damalige Wahlsieg Trumps blieb verbunden mit dem größten Bruch von Datenschutzvorschriften in der Geschichte der USA.
Plötzlich geht es um Mentholzigaretten
Bis heute bereitet das Microtargeting allen Beobachtern Unbehagen. Denn damit können in Wahlkämpfen Kampagnen gefahren werden, von denen der Rest des Landes kaum etwas mitbekommt.
Laut „404 Media“ wird derzeit zum Beispiel gezielt an schwarze Männer die Botschaft übermittelt, Harris wolle die unter Schwarzen beliebten Mentholzigaretten verbieten. Kampagnen dieser Art können unabhängig vom Wahrheitsgehalt schon Wirkungen entfalten, bevor die Gegenseite reagieren kann.
In der EU stieß in den vergangenen Jahren die Intransparenz der amerikanischen Wahlwerbung zunehmend auf Kritik. Im Frühjahr 2024, vor den Wahlen zum Europäischen Parlament, führte die EU einige neue Regeln ein, die das Microtargeting erschweren. Danach müssen politische Anzeigen eindeutig als solche gekennzeichnet werden und ihren Geldgeber nennen. Daten, aus denen die Rasse, Herkunft oder politische Meinung hervorgeht, dürfen in der EU nicht für sogenannte digitale Profilbildungen verwendet werden.