Angriff „wahrscheinlich“: Australien erhöht Terrorwarnstufe
Sydney. Australien scheint weit weg von den großen Konfliktherden dieser Erde zu sein. Trotzdem ist es eines der Länder, die am Montag nun ihre Terrorwarnstufe erhöht haben – zum ersten Mal wieder seit zwei Jahren. Ein Terrorangriff wird nun nicht mehr als „möglich“, sondern als „wahrscheinlich“ eingestuft. Sicherheitsbeamte warnen vor einem erhöhten Risiko der Gewalt „über alle ideologischen Spektren hinweg“. Die Terrorgefahr wird in Australien mit einer fünfstufigen Skala beschrieben, wobei „nicht erwartet“ die niedrigste und „möglich“ die zweitniedrigste Bewertung ist. „Wahrscheinlich“ ist nun das mittlere Niveau, noch vor „erwartet“ und „sicher“.
Laut der offiziellen Regierungswebseite liegt „die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs oder einer Planung für einen Angriff in den nächsten zwölf Monaten bei über 50 Prozent“. Premierminister Anthony Albanese, der die veränderte Warnstufe am Montag in Canberra verkündete, betonte gleichzeitig aber auch, dass „wahrscheinlich“ nicht bedeute, dass ein Angriff „unvermeidlich“ sei.
„Unsere Worte und Taten zählen“
Demnach gibt es keine konkrete Bedrohung, die die Geheimdienste ausgemacht haben. Es sei nicht durch ein einzelnes Problem oder eine einzelne Ideologie ausgelöst worden, wie die australische Ausgabe von „The Guardian“ Geheimdienstquellen zitierten. Vielmehr habe man eine allgemeine Zunahme der Polarisierung in Australien wie auch in anderen westlichen Ländern festgestellt. So sei der soziale Zusammenhalt unter Druck geraten und die Missstände aus der Covid-Ära durch den Israel-Hamas-Konflikt verschärft worden.
Albanese betonte ebenfalls, dass es keine konkrete Gefahr gebe, dass aber „immer mehr Australier ein vielfältigeres Spektrum extremer Ideologien annehmen“ würden. Der Regierungschef wandte sich dabei auch mit einem Appell an die Politiker der Oppositionsparteien, auf ihre Sprache zu achten und sich „auf respektvolle Weise“ an der öffentlichen Debatte zu beteiligen. „Wenn die Temperatur im Sicherheitsumfeld steigt, müssen wir die Temperatur der Debatte senken“, sagte er. „Unsere Worte und Taten zählen.“
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Zur vollständigen AnsichtLage in Gaza „ein wesentlicher Treiber“
Auf der offiziellen Regierungswebseite heißt es zudem: „Der Extremismus nimmt zu, angeheizt durch Verschwörungstheorien und regierungsfeindliche Ideologien.“ Einige Akteure würden eine Mischung aus Ideologien vertreten, darunter auch solche, die Gewaltakte rechtfertigen. Die Regierungserklärung warnte davor, dass jeder Angriff in Australien „wahrscheinlich kostengünstig ist, leicht verfügbare Waffen und einfache Taktiken zum Einsatz bringt“. Laut des Inlandsgeheimdienstes Asio würde ein solcher Angriff am wahrscheinlichsten an einem überfüllten Ort in einer Großstadt und durch einen „Einzelakteur“ oder eine kleine Gruppe auf eine Weise stattfinden, die im Voraus schwer zu erkennen sei.
Der Chef von Asio, Mike Burgess, sagte, politisch motivierte Gewalt zähle neben Spionage und ausländischer Einmischung zu den wichtigsten Sicherheitsbedenken des Landes. Er habe bereits im Oktober gewarnt, dass eine emotional aufgeladene Sprache über den Konflikt im Nahen Osten die Spannungen in Australien anstacheln könnte und genau das passiere nun. Die Lage in Gaza sei „nicht die Ursache“ für den Anstieg der Bedrohungslage, aber „ein wesentlicher Treiber“. Auf die Frage eines Reporters, ob bestimmte Gruppen, darunter jüdische Australierinnen und Australier, einem höheren Risiko ausgesetzt seien, sagte Burgess, dass dies „auf breiter Front“ der Fall sei. „Ja, es gibt jede Menge Antisemitismus, aber gleichzeitig auch jede Menge Islamophobie.“
Terror in der Kirche
Im April hatte eine Messerattacke auf einen Bischof in Sydney für Schlagzeilen gesorgt. Der Angriff war kurz nach einem Amoklauf mit mehreren Toten in einem Einkaufszentrum geschehen, der im Gegensatz zu dem Übergriff in der Kirche nicht als Terrorangriff gewertet wurde. Der Angriff in der Kirche ging verhältnismäßig glimpflich aus, nachdem Gläubige den Attentäter stoppen konnten. Was in Australien im Nachgang aber besonders schockierte, war die große, aufgebrachte Menschenmenge, die sich relativ rasch am Tatort versammelte und eine große Polizeiaktion zur Folge hatte.
Gemeinde- und Religionsführer meldeten sich ebenfalls innerhalb kürzester Zeit zu Wort, um die Menschen zu beruhigen und die angespannte Situation zu entzerren. Alex Ryvchin, ein Vertreter der jüdischen Gemeinde, schrieb damals auf X, er sei „entsetzt über den Messerangriff auf einen Bischof in einer assyrischen Kirche in Sydney“ und auch Inamul Haq Kauser, der nationale Präsident und Großimam der Ahmadiyya Muslim Community Australia, drückte beim nationalen australischen Sender ABC „tiefe Trauer und Schock“ aus und verurteilte den Angriff auf den Bischof „auf das Schärfste“.
Grundsätzlich sind Terrorattacken in Australien verhältnismäßig selten. Die schwierigste Situation hat die Stadt zuletzt vor zehn Jahren erlebt. Damals hatte ein islamistischer Geiselnehmer ein Café in der Innenstadt in Sydney gestürmt und Angestellte und Besucher über 16 Stunden lang terrorisiert. Während der Tortur zwang der Mann, der sich später als fanatischer, selbsternannter Prediger herausstellte, die Geiseln, islamistische Flaggen in den Fenstern hoch zu halten und Nachrichten auf sozialen Medien hochzuladen. Einigen Geiseln gelang die Flucht zwischendurch, die Geiselnahme selbst wurde letztendlich aber erst beendet, als die Polizei das Café mitten in der Nacht stürmte, nachdem der Geiselnehmer den Manager des Cafés erschossen hatte. Bei der Stürmung des Cafés starben der Täter sowie eine weitere Geisel im Kugelhagel.