So sieht die erste Arbeitsmarktbilanz 2020 aus
Berlin. Lange gab es aus Nürnberg von der Bundesagentur für Arbeit fast ausschließlich positive Nachrichten. Inzwischen stellt sich die Lage anders dar. Der Abschwung macht sich immer deutlicher auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar – was sich an Hand verschiedener Indikatoren belegen lässt.
Erstmals seit 2013 ist die Arbeitslosigkeit im Dezember im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen – und zwar um 18.000 Menschen gegenüber Dezember 2018. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich um 0,1 Prozentpunkte auf nunmehr 4,9 Prozent. Im Jahresschnitt ging die Zahl der Arbeitslosen 2019 auf unter 2,3 Millionen zurück. Das ist der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung.
Das Bundesarbeitsministerium reagierte erfreut auf die Entwicklung. „Der Arbeitsmarkt hat sich im Jahr 2019 trotz konjunktureller Abschwächung als äußerst robust erwiesen“, so Staatssekretärin Leonie Gebers. „Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sind weiter gestiegen, wenn auch nicht mehr so stark wie in den Jahren zuvor.“
Seit Mai 2019 deutlich mehr Kurzzeitarbeitslose als jeweils zum Vorjahreszeitpunkt
Der Rückgang der durchschnittlichen Arbeitslosenzahl, schränkte Arbeitsagentur-Chef Detlev Scheele ein, gehe jedoch fast ausschließlich auf die günstige Ausgangslage zu Beginn des vergangenen Jahres zurück: „Im weiteren Verlauf des Jahres schwächte sich der Arbeitsmarkt vor dem Hintergrund der konjunkturellen Eintrübung doch ein“.
Seit Mai 2019 bereits gab es deutlich mehr Kurzzeitarbeitslose als jeweils zum Vorjahreszeitpunkt. Auch bei der Kurzarbeit ist eine deutliche Zunahme zu erkennen. 84.000 Beschäftigte waren im Oktober 2019 in Kurzarbeit – 47.000 mehr als im Vorjahr. Auch die Arbeitskräftenachfrage geht zurück. Der Stellenindex BA-X sank im Dezember um fünf Punkte auf 223 Punkte. Das waren 31 Punkte weniger als ein Jahr zuvor.
Mehr Kurzarbeit, eine Zunahme bei der Arbeitslosigkeit, weniger Bedarf an Neueinstellungen – die deutschen Arbeitgeber bleiben dennoch verhalten optimistisch für 2020. „Wir werden unter dem Strich eher einen leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit erleben. Aber er wird nicht mehr so dynamisch verlaufen wie bisher“, hatte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) Ende Dezember gesagt.
Die meisten Firmen dürften wohl erstmal auf Beschäftigungsabbau verzichten
Tatsächlich sind die Perspektiven je nach Wirtschaftszweig unterschiedlich zu bewerten. Arbeitsagentur-Chef Scheele sagte, der Gesundheitssektor wachse weiter kräftig. In konjunkturabhängigen Bereichen, wie dem verarbeitenden Gewerbe, lasse das Wachstum jedoch nach. In der Automobilindustrie und bei deren Zulieferern würden inzwischen Strukturwandel und konjunkturelle Situation gemeinsam auftreten: „Die Kombination aus beiden Phänomenen stellt Unternehmen vor große Probleme“, so Scheele weiter. Wo dies der Fall sei, stehe die Bundesagentur den Betrieben beratend zur Seite.
Dennoch, so eine vielfach geäußerte Erwartung, dürften die meisten Firmen erst einmal auf Beschäftigungsabbau verzichten. Hintergrund ist drohender oder bestehender Fachkräftemangel. Lieber Leiharbeit und Arbeitszeitkonten abbauen sowie auf Kurzarbeit als Brücke setzen, könnte daher erst einmal das Kalkül sein. Voraussetzung ist jedoch, dass sich die konjunkturelle Abkühlung nicht weiter verschärft.
Auch wenn die Kurzarbeit noch weit vom Stand in der letzten großen Krise entfernt ist: Die Wirtschaft dringt massiv auf eine Erleichterung der einschlägigen Regelungen dazu, fordert etwa die Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge durch den Staat. Dazu hat Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bereits im November einen ersten Gesetzentwurf vorgelegt. Doch seine Pläne für ein „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ sind in der GroKo noch stark umstritten – unter anderem, weil Heil mit Mitteln der Arbeitslosenversicherung verstärkt Qualifizierungen und das Nachholen von Schulabschlüssen finanzieren will.
Streit um die Arbeitsmarktpolitik dürfte es zwischen Union und SPD in diesem Jahr auch bei den Themen sachgrundlose Befristungen, Arbeitszeiten und Homeoffice geben. Auch hier hat Arbeitsminister Heil bereits Gesetzesentwürfe in der Schublade, die sicherlich noch für Kontroversen sorgen werden.