Arbeitsmarkt statt Werkstatt: Für viele Menschen mit Behinderung bleibt das ein frommer Wunsch
Berlin. Sieben Jahre lang hat Nancy Frind in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet, zuvor hatte sie einiges durchgemacht. „Meine Kindheit war nicht die Beste, mein Leben lang wurde ich als dumm dargestellt“, sagt die heute 41-Jährige. Aufgrund psychischer Erkrankungen brach sie eine Ausbildung zur Beiköchin ab und landete in einer Tagesstätte für Frauen mit Behinderungen. Dort erledigte sie einfachste Tätigkeiten, legte Industrielappen zusammen. „Es war schön da zu sein“, erinnert sie sich. „Ich hab ein bisschen was verdient, man konnte dort auch Quatsch machen.“ Aber irgendwann sei die Arbeit in der Werkstatt für sie nicht mehr das Richtige gewesen.
Seit Ende der 1950er Jahre gibt es in Deutschland das System der Werkstätten, die Menschen mit Behinderung einen sogenannten geschützten Rahmen zum Arbeiten bieten sollen. Rund 310.000 Menschen sind dort laut Angaben der Initiative „Aktion Mensch“ kontinuierlich beschäftigt. Eigentlich sollen Werkstätten eine Art Brückenfunktion übernehmen und Menschen dabei helfen, Fuß zu fassen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. „Das ist aber bei weniger als einem Prozent der Menschen der Fall“, so Christina Marx von Aktion Mensch. Experten schätzen, dass mindestens ein Drittel der Menschen von den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln könnten – wenn sie ausreichend unterstützt würden.
In den Werkstätten fehlt Hilfe bei der Arbeitsvermittlung
Auch Nancy Frind musste lange darum kämpfen. Als Frauenbeauftragte und Werkstatträtin engagierte sie sich für mehr Unterstützung und bessere Bezahlung. Sie lernte neue Menschen kennen, die sie motivierten, es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu versuchen und die ihr halfen, etwa beim Gang zum Sozialamt oder dem Ausfüllen von Anträgen. Von der Werkstatt fühlte sie sich dabei nicht unterstützt: „Ich habe das zwar in meinen Hilfeplan geschrieben, aber letztlich alles selbstständig organisiert.“
Expertin Marx sieht an dieser Stelle deutlichen Verbesserungsbedarf: „Menschen mit Behinderung sollten aktiv aus der Werkstatt heraus vermittelt werden und der Schritt in den Beruf besser begleitet.“ Zudem müssten sich auch Betriebe öffnen für Mitarbeitende mit Behinderung.
Viele Unternehmen erfüllen die Quote von Beschäftigten mit Behinderungen nicht
Zwar hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderung gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bieten. So müssen etwa Unternehmen ab einer Größe von 20 Mitarbeitenden fünf Prozent der Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung vergeben. Doch weniger als 39 Prozent der verpflichteten Unternehmen erfüllen die Quote vollständig. Mehr als jedes Vierte beschäftigt nach wie vor gar keine Personen mit Behinderung.
„Und das, obwohl es unter ihnen im Vergleich mehr gut qualifizierte Fachkräfte gibt und auch von uns befragte Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, mehrheitlich keine Leistungsunterschiede feststellen“, so Fachfrau Marx. Für Menschen mit Behinderung sei die Werkstatt damit oftmals die letzte Möglichkeit, überhaupt arbeiten zu gehen.
Hohe Hürden für den Wechsel auf den ersten Arbeitsmarkt
Und dann trete häufig der Gewohnheitseffekt ein. „Je länger Menschen in der Werkstatt tätig sind, desto weniger wollen sie weg“, sagt Marx. Sie plädiert dafür, früher einzuhaken: „Der Automatismus Förderschule-Werkstatt muss verändert werden, Inklusion sollte von Anfang an gelten. Das beginnt bei der frühkindlichen Ausbildung und muss sich auch auf die Berufsorientierung und -begleitung beziehen.“
Nancy Frind glaubt ebenfalls, dass Anträge und Bürokratie eine große Hürde für viele Menschen seien. „Kinder und Eltern müssen aufgeklärt werden.“
Sie selbst hat es geschafft. Durch ihr politisches Engagement bekam sie Kontakt zur LIGA der politischen Interessen- und Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen in Thüringen. Sie durfte dort ein Praktikum machen und wurde danach fest angestellt.
Heute arbeitet sie dort als Referentin, verdient mit Unterstützung des „Budgets für Arbeit“, einer Eingliederungshilfe aus dem Bundesteilhabegesetz, ein richtiges Gehalt. Es ist ein Job, der ihr Spaß macht und sie fordert. Aber es ist eben auch ein Arbeitsplatz, an dem Vorgesetzte und Kollegen auf sie eingehen können, weil sie von der Behinderung wissen. „Es ist nicht immer einfach mit mir“, sagt Frind über sich selbst. „Ich kann launisch sein.“
Dass die LIGA der politischen Interessen- und Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen in dieser Hinsicht sensibler als manch anderer Arbeitgeber ist, hilft natürlich. Auch, dass Nancy Frind weiß, dass sie notfalls jederzeit in die Werkstatt zurückkehren könnte. Dieses Wissen verschafft ihr ein Gefühl der Sicherheit. Der Plan aber ist ein anderer. Missen möchte Frind ihr neues, selbstständiges Leben heute auf keinen Fall mehr.