Ikonen schieden im Zorn: Bayern, Müller und die Klublegenden
Ende Mai steht die Allianz-Arena im Norden von München seit 20 Jahren. Entsprechend soll das Jubiläum des Fußball-Tempels, in dem der Besitzer FC Bayern München seine Heimspiele austrägt, gefeiert werden. Der europäische Fußballverband Uefa hat dazu das Champions-League-Finale (31. Mai) nach München vergeben, der frisch gebackene Meister FC Bayern das neue Auswärtstrikot seinem Wohnzimmer gewidmet. Das Design mit der Farbkombination aus Weiß, Grau und leuchtendem Coral ist an die Optik des Stadions angelehnt, laut der Vereinsmitteilung verbindet es „Vergangenheit mit Zukunft“.
Thomas Müller (35) steht für beides beim FC Bayern. Beim ewigen Müller hat man ja das Gefühl, er wäre bei der Eröffnung der Arena 2005 schon dabei gewesen. Andererseits kann man sich gar nicht vorstellen, dass Müller nach 16 Spielzeiten kommende Saison nicht mehr im Bayern-Dress auflaufen wird. Die Münchner ohne Müller? Müller ohne seine Bayern?
Noch hat sich der Rekordspieler des Rekordmeisters, der am Samstag nach seinem letzten Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach zum 13. Mal die Meisterschale in Empfang nehmen konnte, nicht entschieden, ob er überhaupt weitermacht – und falls ja, wo. In der US-Profiliga MLS? Bei einem europäischen Topklub? Und danach? „Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass Thomas Müller einer derjenigen ist, die wir unbedingt an den Verein binden müssen“, sagte Ehrenpräsident Uli Hoeneß im April und dachte im Bayerischen Fernsehen laut nach: „Ein Mensch wie Thomas Müller, ein großartiger Sportler und - wie ich auch glaube - ein großartiger Manager, der würde dem FC Bayern auch für die nächsten vielen Jahre gut zu Gesicht stehen.“
Fragt sich nur: Bekommen es der Verein und der Publikumsliebling ohne solcherlei atmosphärische Störungen wie jüngst im Zuge der Vertragsverhandlungen hin? „Es wäre besser gewesen, wenn er die Entscheidung getroffen hätte und nicht der FC Bayern“, sagte Hoeneß über den bevorstehenden Abschied des Spielers Müller, den dieser selbst wohl noch nicht geplant hatte.
Hoeneß‘ Greenkeeper-Ansage an Matthäus gilt immer noch
Immerhin schieden zahlreiche alternde Größen des FC Bayern im Zorn - nach einem Zoff mit der Vereinsführung.
Die wohl größten Ikonen des Klubs, Franz Beckenbauer und Gerd Müller, wechselten Ende der 70er Jahre in die USA, Lothar Matthäus im Jahr 2000. Das so unterschiedliche Trio, fußballerisch wie charakterlich, fand den Weg zwar irgendwann zurück nach München, doch nicht alle gingen auch zurück zum FC Bayern. So wohnt TV-Experte Matthäus zwar in Bayerns Landeshauptstadt, bei Hoeneß und dem gesamten Rekordmeister ist er trotzdem unten durch. „So lange ich und Kalle Rummenigge etwas zu sagen haben, wird der nicht mal Greenkeeper im neuen Stadion“, hat Hoeneß mal über Matthäus gesagt - und diese Ansage bis heute eingehalten.
Denn Hoeneß und Rummenigge stehen nach langen Jahren an vorderster Front als Präsident beziehungsweise Vorstandsboss mittlerweile – rein nach dem Organigramm – zwar nur noch in der zweiten Reihe der Führung: als Mitglieder im Aufsichtsrat. Trotzdem sind sie intern so mächtig wie früher.
Hoeneß und Rummenigge stehen gar sinnbildlich für die Klub-Legenden, die neben dem im Januar 2024 verstorbenen Beckenbauer, dem zu Ehren an der Allianz-Arena gerade erst der Franz-Beckenbauer-Platz eingeweiht wurde, nach ihrer aktiven Karriere eine zweite, ebenso erfolgreiche Laufbahn beim FC Bayern einschlugen und den Klub weiter prägten. Dieses nicht immer einvernehmliche, jedoch aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit produktive Trio „UliKalleFranz“ - wie es die Münchner Medien tauften – sorgte dafür, dass ehemalige Teamkollegen auf dem zweiten Bildungsweg integriert wurden. Insbesondere ab 1979, als Hoeneß als Selfmade-Manager anfing, den FC Bayern neu aufzustellen.
Integration auf dem zweiten Bildungsweg
Ex-Mittelfeldabräumer Wolfgang Dremmler erhielt einen Job als Scout, Ex-Außenverteidiger Hansi Pflügler als Leiter des Fanshops, Ex-Torhüter Raimund Aumann als Fanbeauftragter. Ex-Torhüter Walter Junghans wiederum wurde Nachfolger von Ex-Torhüter Sepp Maier als Torwarttrainer. Während Ex-Vorstopper Katsche Schwarzenbeck, der Kioskbesitzer, die Geschäftsstelle an der Säbener Straße mit Büromaterialien belieferte, wurde Ex-Mittelstürmer Gerd Müller vom FC Bayern aus seiner Alkoholkrankheit gerettet. Der Posten als Co-Trainer der zweiten Mannschaft, unter anderem von Ex-Mittelfelddribbler Mehmet Scholl betreut, gab seinem Tagesablauf wieder einen Sinn.
Selbst der oft mit kontroversen Meinungen aneckende Ex-Mittelfeldantreiber Paul Breitner ließ sich als Markenbotschafter eingliedern. Und so weiter: Christian Nerlinger wurde für ein paar Jahre zum Sportdirektor auserkoren, Giovane Elber, Claudio Pizarro und Hasan Salihamidzic zu Gesichtern des Vereins als Repräsentanten – bis letzterer eines Tages zum Sportdirektor aufstieg, später zum Sportvorstand. Gelebtes Mia san mia, die große Bayern-Familie, zugleich Mittel zum Zweck und Hoeneß` Mantra: Stallgeruch diente lange als Pro-Argument in Einstellungsgesprächen.
Denn Vereinspatriarch Hoeneß folgt beständig seinem Traum von der Klub-DNA als Grundlage fürs familiäre Teambuilding. Schafft Kontinuität, wer Identität in sich trägt? Ist - wie man in Bayern sagt - „vui Gfui“ („viel Gefühl“) für die Vereinstradition die elementare Voraussetzung für die Leitung eines mittlerweile Milliarden-schweren Unternehmens?
Im Laufe der Jahre wurde die Folklore-Karte beim FC Hoeneß indes immer seltener ausgespielt. Zuletzt kam sie bei Ex-Spieler Max Eberl auf den Tisch. Sein bisheriges Wirken als Sportvorstand steht allerdings unter einem ebenso schlechten Stern wie das der größten Hoffnung als Identifikationsfigur auf Funktionärsebene: Der ehemalige Weltklasse-Torhüter Oliver Kahn musste im Sommer 2023 seinen Posten als Vorstandsboss und Nachfolger von Rummenigge räumen – gemeinsam mit Salihamidzic.
Jüngere Legenden haben’s nicht mehr nötig
In den vergangenen Jahren mussten Hoeneß und Co. auch teils unerwartete Absagen hinnehmen. Philipp Lahm beispielsweise galt nach seinem Karriereende 2017 als designierter neuer Sportdirektor. Er sagte ab, gründete Firmen, war Organisationschef der Heim-EM 2024. Ein anderer Weltmeister von 2014 gefällt sich in der Rolle als TV-Experte: Bastian Schweinsteiger. Auch Arjen Robben und Franck Ribéry, die von den Fans verehrten Flügelspieler beim Triple-Triumph 2013, treten lediglich bei Legenden-Events wie dem Beckenbauer-Cup im März an, arbeiten aber nicht für den Verein. Warum? An der Bindung, an der Zuneigung zum ehemaligen Arbeitgeber mangelt es nicht. Die Wahrheit lautet: Die Ex-Profis haben es schlicht nicht mehr nötig.
Hoeneß ist sich dessen bewusst. „Wenn du heute eine gewisse Zeit auf Top-Niveau spielst, hast du die Möglichkeit, so viel Geld zu verdienen, dass du keine finanziellen Sorgen mehr hast“, erklärte der 73-Jährige jüngst in einem „AZ“-Interview und führte aus: „Als Vorstand, als Sportdirektor, als Manager bist du mindestens sechs Tage die Woche acht bis zehn Stunden pro Tag gefordert. Das ist das Hauptproblem: Dass die Profis von heute so einen Job nicht mehr machen müssen, weil sie das wirtschaftlich nicht mehr brauchen.“
Es hat auch damit zu tun, dass die Führungspositionen bei Bayern – abgesehen von Eberl – nicht mehr wie einst bei „UliKalleFranz“ mit Ex-Profis besetzt sind, sondern mit Experten aus der Wirtschaft. Präsident Herbert Hainer war 16 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Adidas AG, Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen ist ein Banker, ebenso der Finanzvorstand Michael Diederich. Sie alle sind auf Geheiß von Hoeneß in ihre Ämter gekommen. Und somit die Geister, die er rief.