Australiens „Matildas“: vom Nacktkalender zu den Lieblingen der Nation
Als die „Matildas“ am Samstag nach einem nervenaufreibenden Elfmeterschießen gegen Frankreich ins Halbfinale einzogen, brachen sie nicht nur sportlich alle Rekorde. Das Spiel wurde in Australien zum meistgesehenen Sportereignis im Fernsehen, seit die berühmte indigene Läuferin Cathy Freeman das 400-Meter-Finale bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewann.
Die „Matildas“ stehen damit zum ersten Mal im WM-Halbfinale und das nach dem längsten Elfmeterschießen, das es je bei einer Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen und der Männer gegeben hat. Das spannende Spiel brachte selbst Australier und Australierinnen ins Schwärmen, die normalerweise keine Fußballfans sind. „Ich schaue keine Sportsendungen“, schrieb Alan Bond in einem Kommentar auf Facebook. Doch dann sei er beim Umschalten auf das Spiel gestoßen und „in den Bann gezogen“ worden. Die Französinnen seien „ein gewaltiger Gegner“ gewesen. Er habe das Ende des Spiels, die Verlängerung und dann das Elfmeterschießen geschaut. „Ich würde es als eine der aufregendsten und bedeutendsten Sendungen bezeichnen, die jemals ausgestrahlt wurden.“
„Entscheidender Wendepunkt im Frauenfußball“
Ein Uber-Fahrer beschrieb in sozialen Medien, wie er beim Autofahren das Spiel im Radio verfolgt habe und dabei an mehreren Pubs vorbeigefahren sei. Dort hätten die Leute sich geradezu vor den Bildschirmen gedrängt, um das Spiel zu verfolgen. „Was für ein tolles Spiel!“, schrieb Cyrus Fua am Ende seines Posts.
Tash Cordell berichtete dagegen, wie sie in einer kleinen Kneipe auf dem Land auf der australischen Insel Tasmanien zuschaute und das sehr „traditionelle“, überwiegend männliche Publikum „absolut fasziniert“ gewesen sei. Das Spiel sei für sie zu einem „echten Gänsehautmoment“ geworden, als ihr klar geworden sei, dass dies ein „entscheidender Wendepunkt im Frauenfußball und im Frauensport im Allgemeinen“ war.
Langer Kampf um Anerkennung
Tatsächlich könnten die Gegensätze zu früher nicht größer sein: In den Anfangsjahren mussten die „Matildas“ noch Flugblätter produzieren und verteilen, um Menschen überhaupt zum Anschauen ihrer Spiele zu bewegen. 1999 posierten mehrere der damaligen Spielerinnen nackt für einen Kalender, um Aufmerksamkeit für das Team zu erregen. Trotzdem erschien 2003, als das Team zur damaligen Weltmeisterschaft reiste, kein einziger Journalist zur Pressekonferenz am Flughafen. Über Jahre hinweg kämpften die Spielerinnen um jedes kleine Privileg – von der Wäsche der Trikots bis hin zu einem Gehalt, das hoch genug war, dass sie nebenbei nicht noch einen Zweitjob annehmen mussten.
Selbst vor wenigen Wochen war das Bild noch ein völlig anderes gewesen: Damals wussten die meisten Menschen in Australien noch nicht einmal, dass die Fußball-Weltmeisterschaft ansteht, geschweige denn, dass sie in Australien und Neuseeland stattfindet. Kaum ein australisches Medium berichtete. Auch die Ausstrahlung der Spiele war nicht selbstverständlich: So fand sich nur ein Sender, der die Spiele des australischen Teams sowie die entscheidenden Finalspiele ausstrahlen wollte – 15 von insgesamt 64 WM-Spielen. Wer die restlichen Spiele ebenfalls sehen wollte, der musste dies in Australien über einen Telekommunikationsanbieter tun.
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Ausverkaufte Stadien
Inzwischen sind die Titelblätter der Zeitungen mit Bildern der „Matildas“ und vor allem mit dem Gesicht von Superstar Sam Kerr übersät. Vor Kurzem heuerte ein Medium sogar einen Hubschrauber an, um über dem Trainingsgelände der Nationalmannschaft zu filmen und damit herauszufinden, ob Kerr, die wegen einer Verletzung pausieren musste, wieder einsatzfähig sei. Und am vergangenen Samstag wurde das Spiel der „Matildas“ gegen Frankreich in mehreren Stadien übertragen, in denen davor oder danach Spiele der beliebten Australian Football League (AFL) stattfanden.
Die WM-Spiele selbst sind inzwischen ebenfalls gut besucht. Der Rekord bei den Ticketverkäufen wurde mit 1,7 Millionen verkauften Eintrittskarten (in Australien und Neuseeland) gebrochen. Und auch die „Matildas“-Trikots verkaufen sich heute besser als die des männlichen australischen Teams – der „Socceroos“. In den Jahren zuvor waren sie nie erhältlich, weil die Hersteller keinen Markt für sie sahen. Australiens Premierminister Anthony Albanese sagte beim staatlichen Sender ABC bereits, dass die WM zu mehr als nur einer Sportveranstaltung geworden sei. „Dies ist vor allem für junge Mädchen, aber auch für kleine Jungen eine Inspiration“, meinte er. Vor 20 Jahren sei es noch „unvorstellbar“ gewesen, dass Frauenmannschaftssport in überfüllten Stadien stattfinde.
Für das anstehende Halbfinale der „Matildas“ gegen den amtierenden Europameister England am Mittwoch (20 Uhr Ortszeit in Sydney – 12 Uhr mittags in Mitteleuropa) werden nun nochmals mehr Zuschauerinnen und Zuschauer vor den heimischen Bildschirmen erwartet. Und die Fans sind optimistisch: Die Matildas seien „eine gut geölte Weltklassemaschine“, schrieb eine Internetnutzerin. Sie könnten „jede starke Nation schlagen“. Sollten die „Matildas“ tatsächlich Weltmeister werden, so planen einige Bundesstaaten, dies mit einem Feiertag zu feiern.