Griechenland: Wie Tourismus Natur und Kultur zerstört
Ältere Griechenland-Reisende erinnern sich noch an die idyllischen Bilder aus den 1980er-Jahren: In den engen Gassen der Kykladeninseln begegnete man Maultieren und Eseln, hoch beladen mit Tomaten, Gurken und Auberginen, Zwiebeln und Knoblauch. So brachten die Bauern ihre Produkte zu den kleinen Lebensmittelläden und auf die Märkte.
Von Eseln zu SUV: Wie sich die Inseln verändert haben
Heute sind die Lastentiere fast völlig verschwunden. Und wo es sie noch gibt, transportieren sie Touristen. Obst und Gemüse kommen in großen Lastwagen auf der Fähre vom Festland. Die meisten Bauern haben die Landwirtschaft aufgegeben. Der Fremdenverkehr wirft mehr ab. Auch immer weniger Fischer fahren zum Fang. Es ist lukrativer, wenn sie mit ihren Kaikis, den traditionellen Holzbooten, Badegäste zu entlegenen Buchten schippern.
Zahlen, die alarmieren: Wälder und Felder verschwinden
„Inseln in Gefahr – die Suche nach dem Maß“ hieß eine Tagung, die jetzt die Griechische Gesellschaft für Umwelt und Kultur, das Goulandris Natural History Museum und die Ägäis-Universität veranstalteten. Wissenschaftler zeigten auf, wie sich die Monokultur des Tourismus auf den Ägäisinseln in den vergangenen Jahrzehnten ausgewirkt hat.
Die auf der Tagung genannten Zahlen sind erschreckend. Nach Angaben von Professor Kostas Theodorou von der Ägäis-Universität sind zwischen 1990 und 2018 fast 14.000 Hektar Wald verschwunden. Auf der Insel Chios gingen 41 Prozent der Wälder verloren, auf Thasos 40 und auf Rhodos 34 Prozent.
50 Prozent der landwirtschaftlichen Anbauflächen auf den Inseln wurden seit 1960 aufgegeben, berichtete Professor Thanasis Kizos von der Ägäis-Universität. Auf einigen Inseln sind Landwirtschaft und Viehzucht fast völlig zum Erliegen gekommen, so auf Oinousses mit einem Rückgang von 92,5 Prozent seit 1960, auf Nisiros, minus 92,3 Prozent, und auf Kimolos mit einem Rückgang von 86 Prozent.
Beton statt Biodiversität: Die ökologischen Folgen des Baubooms
Wo nicht mehr gesät und geerntet wird, erobert der Beton die Inseln. Auf Mykonos hat sich die bebaute Fläche zwischen 1990 und 2018 mit einem Anstieg von 341 Prozent mehr als vervierfacht, ebenso auf Syros. Dort wuchs die bebaute Fläche in knapp 30 Jahren um 310 Prozent.
Der Bauboom hat gravierende Folgen für die Ökosysteme der Insel. Weil immer mehr Flächen bebaut und damit versiegelt werden, kann weniger Regenwasser ins Erdreich einsickern. Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel, und die wenigen verbliebenen Felder können nicht mehr ausreichend bewässert werden – ein Teufelskreis.
Auf dem Festland sieht es nicht viel besser aus. Die Hauptstadtregion Attika habe während der vergangenen 25 Jahre 70 Prozent ihrer Wälder verloren, sagte am Wochenende Eftymios Lekkas, der Chef der staatlichen Katastrophenschutzorganisation OASP. „Wir können es uns nicht erlauben, auch nur einen einzigen weiteren Baum zu verlieren.“
Hoffnung durch nachhaltigen Tourismus? Inseln zeigen Alternativen
Dass es auch anders geht, zeigen die Beispiele der Inseln Kos und Samothraki. Auf Kos wuchsen die Waldbestände in den vergangenen 30 Jahren um 58 Prozent, auf Samothraki sogar um 118 Prozent. Zu verdanken sei das vor allem der umsichtigen Politik der örtlichen Kommunen, sagen Experten.
Fachleute appellierten auf der Tagung an die Regierung, regulatorisch einzugreifen, um die Identität und die Ökosysteme der malerischen Ägäisinseln zu retten. Sonst drohe den Kykladen eine „Disneyfizierung“, warnt Professor Kostas Theodorou.
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