Till Reiners: „Humor, der wehtun kann, aber niemals die Empathie verliert“
Mainz. Gestartet hat Till Reiners seine Karriere im Poetry Slam. Den Sprung auf die Bühne und auf den Bildschirm hat der 40-Jährige aber schon lange geschafft. Für 3sat moderiert er die Kabarettsendung „Happy Hour“, beim ZDF tritt er regelmäßig in der „heute-show“ auf.
Nun ist es die Sommerpause von Jan Böhmermann und dessen „ZDF Magazin Royale“, die Reiners einen großen Traum erfüllt: eine eigene Late Night. Ab dem 20. Juni ist er mit seiner Show „Till Tonight“ acht Mal auf dem Sendeplatz am Freitag zu sehen. Im Interview der Nachrichtenagentur KNA spricht Reiners über die Diskrepanz zwischen Privatleben und Bühne, über Satire mit Haltung und Empathie und darüber, was nach der eigenen Late Night überhaupt noch kommen kann.
Herr Reiners, Sie sehen ein bisschen aus wie jemand vom Bundesvorstand der Jungliberalen. Ist es als Visitenkarte seriöser Satire hilfreich, optisch adrett und gescheitelt daherzukommen?
Ja, denn obwohl man vielleicht den größten Unsinn erzählt, wird man dadurch erst mal ernster genommen. Das erzeugt Fallhöhe. Die Leute haben halt komischerweise großen Respekt vor Menschen in Anzügen. In dem Sinne habe ich mich auch gefragt, warum die Antifa eigentlich nicht in schwarzen Anzügen aufläuft. Da würde die Polizei einfach nur höflich grüßen.
Das geht Ihnen in der „heute-show“ ähnlich, wo Sie akkurat gekleidet oft genauso leicht zu prominenten wie gewöhnlichen Leuten vordringen. Ist das bloß eine Berufsuniform, oder sehen Sie immer so aus?
Vor der Kamera sehe ich aus wie FDP, privat bin ich dagegen leider sehr hässlich. Deswegen versuche ich, so oft es geht vor der Kamera zu sein.
Das dürfen Sie jetzt auch in Ihrer neuen Sendung „Till Tonight“. Ziehen Sie sich da ein wenig lässiger, juveniler, hipper an?
Die drei Wörter in Kombination lösen bei mir Boomer-Alarm aus. Aber ernsthaft: Ich werde entsprechend einer Freitagabend-Late-Night die Zuschauer begrüßen.
Nach Ihrer Ankündigung, weil Ihnen Urlaub zu anstrengend sei, würden Sie sich in Ihrer Late Night „auf offener Bühne erholen, Füße ins Wasser und die Show genießen“, könnte man allerdings auch Badelatschen und Shorts erwarten ...
Es ging mir dabei mehr um die Haltung: einen Abend, der locker ist, aber trotzdem Haltung hat. Man darf sich bei mir wohlfühlen – als Host, aber auch als Zuschauer.
Wird es in der Sendung entsprechend harmlos zugehen oder gegebenenfalls bissig, böse, aggressiv?
Ich merke, Sie sind ein Fan von drei Adjektiven hintereinander!
Schon seit den Werbungen für Waschmittel meiner Jugend, die alle bei 30, 60 und 95 Grad gereinigt haben.
Dann biete ich Ihnen hiermit „lustig, heiter, doppelbödig“ an. Ich mag Humor, der wehtun kann, aber niemals die Empathie verliert. Wenn wir etwas kritisieren, dann mit Haltung – und mit Witz natürlich.
Wird es dabei dann eher politisch oder gesellig?
Beides. Politik ist ja nichts Abstraktes, sie betrifft unser gesamtes Leben. Wir nehmen deshalb aktuelle Themen auf, ohne sie bloß bierernst zu sezieren. Und dann wird’s auch wieder gesellig – es ist schließlich Freitagabend.
Angst vor Kritik? ZDF-Programmdirektion stoppt Böhmermann-Sendung
Jan Böhmermanns Sendung „ZDF Magazin Royale“ sollte sich im November um den Verschwörungsmythos „Mind-Control“ drehen. Wochenlang hatte sein Team investigativ dazu recherchiert, doch dann untersagte die Programmdirektion die Ausstrahlung. Einem Bericht zufolge könnte die Sorge vor harscher Kritik der Grund sein.
Was sind dabei denn Ihre Referenzgrößen – eher die hochpolitischen Bill Maher, Jon Stewart und Samantha Bee oder die unpolitischeren Jimmy Fallon, James Corden und Kelly Clarkson?
Ich schaue viel Seth Meyers und mag John Mulaney. Die machen beides, und das finde ich toll. Bei uns ist das Format pointiert, aber nicht immer frontal. Und es darf auch albern sein.
So wie einst Harald Schmidt, der die Late Night hierzulande massentauglich gemacht hat?
Harald Schmidt war natürlich auch für mich prägend. Aber ich orientiere mich da doch eher an Leuten wie Hape Kerkeling oder Josef Hader - beides Komiker, die Humor mit Haltung verbinden, ohne sich zu wichtig zu nehmen.
Wie wird die Show dramaturgisch aufgebaut?
Es gibt Stand-up, Gespräche, Aktionen – alles bleibt im Fluss. Die Idee ist ein Abend, der sich entwickelt. Nicht durchgetaktet, sondern lebendig.
Und welche Art von Gästen können wir dabei erwarten?
Es wird Überraschungen geben – mehr sage ich nicht. Nur so viel: Es geht nicht um Prominenz, sondern um Menschen mit Haltung und guten Geschichten.
Werden Sie denen gegenüber dann eher der cremige Kumpeltyp sein wie Tommi Schmitt oder scharfkantig wie Kurt Krömer?
Woher kommt denn jetzt „cremig“? Ich hoffe, irgendwo dazwischen. Eine Umarmung, die einem manchmal eine Rippe bricht. Hoppla!
Wird sich „Till Tonight“ ideologisch irgendwo einordnen lassen wie Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“, das zuletzt deutlich aktivistischer nach links gerückt ist?
Nein. Wir haben eine Haltung, aber kein Programm. Es geht darum, mit Leuten zu lachen – manchmal auch über uns selbst.
Kann man Sie selbst denn irgendwo einordnen?
Ich hoffe nicht. Wenn man zu gut einzuordnen ist, wird man schnell langweilig. Ich finde: Überraschung ist ein Wert.
Warum machen Sie eigentlich eine Late Night? Sind Sie nicht ausgelastet?
Ich verstehe die Frage nicht. Late Night ist doch das Größte! Den Papst fragen Sie doch auch nicht: Warum denn jetzt Papst, sind Sie nicht ausgelastet? Auf diese Chance habe ich quasi mein Leben lang gewartet. Geil, dass es klappt.
Was kann danach noch kommen?
Bundespräsident. Ich hätte aber nur halbtags Zeit, es darf nicht in Stress ausarten.
RND/KNA