Atomruine unter russischer Besatzung

Tschernobyl von Stromnetz abgeschnitten: Können nun radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen?

Der 2018 erbaute Shelter braucht Strom für die Strahlungsüberwachung und Lüftung.

Nachdem das aktuell von russischen Truppen besetzte frühere Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine vom Stromnetz abgeschnitten worden ist, herrscht Verunsicherung. Durch Beschuss seien nach Angaben des ukrainischen Netzbetreibers Ukrenerho am Mittwoch Stromleitungen beschädigt worden. Die staatliche ukrainische Atomenergiefirma Energoatom befürchtet durch den Stromausfall etwa, dass der verbrauchte Kernbrennstoff nicht mehr gekühlt werden könne – und somit radioaktive Substanzen in die Umwelt gelangen könnten.

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Experte sieht geringes Sicherheitsrisiko: Notstromdiesel gewährleisten vorerst Stromversorgung

Nach Einschätzung des Sicherheitsexperten Sven Dokter von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) gibt es aktuell jedoch „keinen Anlass zu größerer Sorge“: „Für den Fall, dass die Stromversorgung ausfällt, gibt es vor Ort zwei fest installierte Notstromdiesel, die sich automatisch zuschalten. Und selbst wenn die defekt sind, gibt es mobile Dieselaggregate“, sagte er am Mittwoch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Von ukrainischer Seite sei zudem bestätigt worden, dass man für 48 Stunden Dieselvorräte habe.

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Doch was ist, wenn die Stromversorgung doch nicht mehr gewährleistet sein sollte? Auch in diesem Fall besteht laut dem Experten nicht das Risiko, dass es zu größeren Freisetzungen von radioaktiven Stoffen in der Umwelt kommt. Denn die Reaktoren in den Blöcken seien schon vor längerer Zeit stillgelegt worden, der letzte im Jahr 2000. „Das heißt, in allen Blöcken gibt es schon lange keinen Kernbrennstoff mehr – da muss nichts mehr gekühlt werden“, sagte Dokter.

Shelter in Tschernobyl braucht Strom für Strahlungsüberwachung und Lüftung

Die Stromversorgung in der Atomruine dient unter anderem dazu, die Funktionen des 2018 erbauten Shelters intakt zu halten. Er löste den vorherigen, teils instabilen und undichten Sarkophag ab und soll verhindern, dass kontaminierte Stäube in die Umwelt gelangen, wenn Teile des früheren Atomkraftwerks abgerissen werden.

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„Der Shelter, das sogenannte ‚New Safe Confinement‘, verfügt über viele Einrichtungen, die Strom brauchen – beispielsweise haben sie eine Strahlungsüberwachung und eine Lüftung“, sagte Dokter. Doch auch ohne Stromzufuhr bestehe keine akute Sicherheitsgefahr. „Auch wenn etwa die Lüftung ausfällt, heißt das nicht, dass radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen – dank des Shelters ist selbst dann die Situation noch besser als vor 2018″, betonte der Experte.

Brennelemente in Tschernobyl klingen seit mindestens 20 Jahren ab

Der Strom wird auch dafür genutzt, um das Zwischenlager ISF-1 in Betrieb zu halten. „Im Nasslager ISF-1 stehen in mehreren Becken die abgebrannten Brennelemente aus dem früheren Betrieb der vier Blöcke. Die stehen da im Wasser, welches zwei Funktionen hat: Zum einen dient es der Kühlung der Brennelemente, zum anderen schirmt das Wasser die starke Strahlung ab“, sagte Dokter.

In intakten Atomkraftwerken könnte eine fehlende Stromzufuhr hier für Probleme sorgen. Denn wenn das Becken verdunstet, könnten sich die Brennelemente stark erhitzen und kaputt gehen, wodurch radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen könnten. Das war unter anderem bei der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 eine große Sorge, weil ein Becken beschädigt wurde.

Bei einer am 25. April 1986 durchgeführten Simulation eines Stromausfalls kam es zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg des Kernreaktors, der am 26. April um 1.23 Uhr schließlich zur Explosion führte. Der Grund dafür waren schwerwiegende Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften. Auch die Bauart des graphitmoderierten Reaktors begünstigte die Explosion.

Bei einer am 25. April 1986 durchgeführten Simulation eines Stromausfalls kam es zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg des Kernreaktors, der am 26. April um 1.23 Uhr schließlich zur Explosion führte. Der Grund dafür waren schwerwiegende Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften. Auch die Bauart des graphitmoderierten Reaktors begünstigte die Explosion.

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Der Unterschied zwischen Tschernobyl und dem Fall in Fukushima ist laut Dokter jedoch, dass die Brennelemente beim Super-GAU vor elf Jahren noch frisch waren, in Tschernobyl sind sie dagegen alt. „Die Brennelemente in Tschernobyl stehen schon mindestens 20 Jahre da, die meisten schon deutlich länger. Deshalb ist die Nachzerfallsleistung so weit abgeklungen, dass sie kaum noch Wärme produzieren und auch ohne Kühlung keinen Schaden nehmen würden“, betont der GRS-Sicherheitsexperte.

Selbst wenn die komplette Notstromversorgung wegfalle – wofür es keine Anhaltspunkte gebe – würde es mindestens einige Wochen dauern, bis das Wasser aus diesen Becken verdunstet sei, so Dokter. So hätte man noch viel Zeit, um die Stromversorgung wieder rechtzeitig herzustellen. „Ohne Wasser könnte man allerdings wegen der hohen Strahlung nicht mehr neben den Becken stehen und dort arbeiten. Dann müsste man sich überlegen, wie man das Wasser in die Becken zurückbekommt“, sagte Dokter.

Ukrainischer Energieminister: Strahlenbelastung wegen russischer Besatzung nicht bekannt

Auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sehe „in diesem Fall keine kritischen Auswirkungen auf die Sicherheit“, hieß es in einem Tweet. Die Wärmekapazitäten des Lagerbeckens für abgebrannte Brennelemente sowie das Volumen des Kühlwassers reichten auch ohne Strom für eine wirksame Wärmeabfuhr aus.

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Sorgen bereitet jedoch die russische Besatzung des früheren Atomkraftwerks. Russische Truppen nahmen Tschernobyl am 24. Februar ein. Aus diesem Grund ist den Behörden in der Ukraine die aktuelle Strahlenbelastung in Tschernobyl nicht bekannt, wie der ukrainische Energieminister Herman Halushchenko am Mittwoch mitteilte. Die IAEA hatte schon zuvor Alarm geschlagen, weil das AKW zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten werde.

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