Zentangle: Wie Kritzeln beim Entspannen und Konzentrieren hilft

Bei der Zentangle-Methode geht es darum, einfach loszulegen.

Diana Linsse erinnert sich noch gut an den älteren Herrn, der vor einigen Jahren mit seiner Frau einen Zeichenkursus bei ihr belegte. Er sei nur die „Begleitung“, habe er gleich zu Anfang betont. Er könne gar nicht zeichnen. Und zuerst wollte er es auch nicht. „Er hatte regelrecht Hemmungen, einen Stift in die Hand zu nehmen und damit etwas aufs Papier zu bringen“, berichtet Linsse. Schließlich habe er es doch getan – und sei überrascht gewesen von seinen Ergebnissen. „Heute ist er begeisterter bei der Sache als seine Frau“, sagt Linsse.

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Und das liege vor allem an seiner Zeichenmethode: Zentangle – eine Kunstform, die vom Kleinkind bis ins hohe Alter hinein jeder umsetzen kann. Sie ist sozusagen ein niedrigschwelliges Angebot für all jene, die Entspannung und eine wenig aufwendige, aber abwechslungsreiche Freizeitbeschäftigung suchen. Linsse ist zertifizierte Zentangle-Trainerin. Sie hat in den USA ein Seminar bei den Erfindern Rick Roberts und Maria Thomas belegt, um anderen die Methode näherzubringen. Der aus dem Buddhismus stammende Begriff Zen steht für Meditation, das englische Tangle bedeutet Knäuel oder auch Muster.

Der erste Schritt ist, auf Zettelchen von zehn Zentimetern im Quadrat vier Punkte zu setzen. Dann verbindet man diese Punkte mit Linien und malt die einzelnen Flächen dieses Netzes mit verschiedenen Mustern aus. Dafür wird ein Bleistift verwendet. Später kann man dem Ganzen mit einem schwarzen Fineliner Kontur verleihen oder die Muster auch farbig ausmalen.

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Meditatives Zeichnen

Roberts, ehemaliger Mönch, und Thomas, Kalligrafin, hatten Anfang der Nullerjahre die Idee zu Zentangle. Sie wollten nach eigenem Bekunden vor allem Menschen zum Zeichnen bringen, die von sich behaupten, künstlerisch unbegabt und unkreativ zu sein. Es ist ihnen gelungen. Zentangle erlebte bis 2016 einen weltweiten Hype mit Büchern und Kursen. Andere Techniken wie Mandalamalen oder Handlettering haben Zentangle etwas in den Hintergrund gedrängt, aber der Ansatz vom meditativen Zeichnen ist all diesen Methoden gemein.

Diana Linsse, die in der Nähe von Nürnberg ein Atelier hat und selbst zudem großformatige abstrakte Bilder malt, schätzt am Zentangle, „dass man nicht ergebnisorientiert arbeitet, sondern einfach nur den Entstehungsprozess genießen kann. Man ist ganz bei sich, kommt zur Ruhe.“ Wer sich hinsetze und etwa einen Baum zeichne, habe schon wieder einen gewissen Anspruch und könne den Kopf nicht ausschalten. Beim Zentangle sei das anders, man entspanne ungemein: „Es hat etwas Meditatives.“

Analog statt digital zeichnen

Zwar sei das Erstellen auch auf einem Tablet möglich. Aber das digitale Bearbeiten könne das Zeichnen auf Papier nicht ersetzen, unterstreicht Linsse: „Auch das Geräusch, das der Stift macht, gehört zur Entspannung dazu.“ Viel Zeit müsse man für ein Zentangle auch nicht investieren: 15 Minuten reichten schon, um ein Muster zustande zu bringen und sich so eine Pause vom Alltagsstress zu gönnen.

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Danach suchten derzeit viele, meint Linsse: „Für sich zu malen und zu zeichnen, um sich eine mentale Auszeit zu nehmen, ist nach meinem Eindruck seit Ausbruch der Pandemie enorm beliebt geworden.“

Bob Ross: „Jeder kann malen“

Kunst als Mittel zum Abschalten – davon war auch Bob Ross überzeugt. Von Anfang der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre erläuterte der Autodidakt mit missionarischem Eifer in seiner US-Fernsehshow „The Joy of Painting“ (die Freude am Malen) seine Nass-in-Nass-Technik für Landschaftsbilder und vermittelte einem Millionenpublikum: „Ihr könnt es auch.“

Der Mann mit der markanten Afrofrisur und dem Faible für farbintensive Sonnenuntergänge und Bergpanoramen starb 1995 an Krebs, doch bis heute pilgern Fans zu seinem Atelier in Muncie, Indiana, wo die Aufnahmen für seine Sendung entstanden, und nehmen an Kursen teil. Seine Schritt-für-Schritt-Anleitungen sind neu aufgelegt auf Youtube zu sehen, und die Kunstmesse Art Basel Miami ehrte ihn im vergangenen Dezember mit einem riesigen Wandporträt als Amerikas beliebtesten TV-Künstler.

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Ross verglich das Malen einst mit einem „magischen Teppich, der einen an jeden nur vorstellbaren Ort bringen kann“. Mit ein bisschen Übung gelinge es jedem. So kitschig der Vergleich klingen mag, so reizvoll ist doch die Vorstellung. Und so mancher, der in langatmigen Gesprächs- oder Vortragsrunden sitzt, hat sich wohl schon mal so einen Zauberteppich herbeigesehnt.

Nebenbei zeichnen stärkt Konzentration

Tatsächlich kann man sich ein Stück weit wegtragen lassen – ohne etwas zu verpassen. Denn das Nebenbeizeichnen mag vordergründig als Ablenkung dienen, stärkt aber die Konzentration. Es aktiviert vor allem die rechte Gehirnhälfte, die für Kreativität und Emotionen zuständig ist. Damit wird die linke Gehirnhälfte quasi entlastet. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass so gewissermaßen mehr Kapazität für kognitive Leistungen entsteht.

Eine Studie der Universität Plymouth von 2009 hat ergeben, dass sich Menschen, die während eines Telefonats kritzelten, 29 Prozent mehr Details des Gesprächs merken konnten. Ein Team aus Forschenden der Universität Erlangen kam 2014 zu dem Schluss, dass Malen und Zeichnen die neuronalen Verbindungen im Gehirn deutlich messbar erhöht. Das bedeutet, es verbessert die Gedächtnisleistung.

Wissenschaftler untersucht Kritzeleien

Für Michael Minge, Professor für Innovationspsychologie an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo, hat das Kritzeln „etwas sehr Urtypisches“, das Menschen schon immer geholfen habe, Dinge oder Probleme aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Erwachsene scheuten im Gegensatz zu Kindern häufig davor zurück, weil sie zu große Bedenken vor der Bewertung durch andere hätten. „Wir sollten uns da wieder mehr zutrauen, um die Welt und uns selbst mehr zu entdecken“, sagt Minge. Er bestätigt, dass Skizzieren dabei helfe, Inhalte aufzunehmen und Gedanken besser zu sortieren – solange es beiläufig geschehe.

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Dass auch dabei sehenswerte Kunstwerke entstehen können, hat die Uni im vergangenen Sommer mit einer kleinen Ausstellung gezeigt: Online gab es die schönsten vollgemalten Tischplatten zu sehen. Minge und sein Fachbereich haben die Tischkunstwerke auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht. Das Team kam zu dem Ergebnis, dass geometrische Formen, florale Muster sowie Gesichter die beliebtesten Kritzelmotive sind.

Gittermuster verweisen nach Minges Interpretation auf das Bedürfnis nach Struktur, Blumen stünden für eine positive Grundstimmung und Gesichter für den Willen nach Interaktion und Austausch mit anderen. Für Minge ist klar: „Mit beiläufigen Zeichnungen tragen wir auch immer einen Teil unseres Unterbewusstseins nach außen.“ Wer zeichnet, lernt sich also auch selbst besser kennen.

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