„Die Prognose ist nicht gut“: Können wir die Korallenriffe noch retten?

Das Great Barrier Reef, fotografiert von der Internationalen Raumstation ISS aus.

Das Great Barrier Reef, fotografiert von der Internationalen Raumstation ISS aus.

Herr Dr. Hardisty, Sie und Ihre Kollegen und Kolleginnen kennen das Great Barrier Reef so gut wie kaum sonst jemand. Wie geht es dem Riff?

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Zu sagen, wie es „dem“ Riff geht, ist immer etwas schwer. Das Great Barrier Reef ist 2300 Kilometer lang und Hunderte Kilometer breit und besteht aus zahlreichen einzelnen Riffen. Viele, die den Zustand des Great Barrier Reefs kommentieren, verstehen das nicht. Sie besuchen zum Schnorcheln oder Tauchen einen Teil des Riffs, der toll aussieht und fragen dann: „Was ist denn das Problem?“ Das ist Unsinn. Wir dagegen besuchen Hunderte Riffe jedes Jahr und machen detaillierte Erhebungen, um ein ausgewogenes Bild zum Zustand des Riffs als Ganzes zu erstellen.

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Und?

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Das vergangene Jahr war im Großen und Ganzen ein gutes Jahr für das Riff. Es gab keine größeren Zyklone, keine größeren Meereshitzewellen und keine größeren Dornenkronenseestern-Ausbrüche, die sich durch die Korallen fressen. Wir konnten beobachten, dass sich Riffe, die in den vergangenen Jahren schwer beschädigt wurden, erholten.

Das sind doch gute Neuigkeiten, oder?

Wir wissen, dass, wenn man den Druck vom Riff nimmt, es anfängt, sich zu erholen. Es ist ein lebender Organismus, es wächst nach. Aber: Derzeit gibt es noch viele Bereiche des Riffs, die in einem wirklich schlechten Zustand sind. Es gibt also Bereiche, denen geht es richtig gut und andere, denen geht es richtig schlecht – und ein paar, die befinden sich in der Mitte.

Dr. Paul Hardisty ist Direktor des Australian Institute of Marine Science (AIMS). Er hat einen Master in Hydrologie und einen Doktortitel in Umwelttechnik vom Imperial College, London. Er ist außerordentlicher Professor an der University of Western Australia.

Dr. Paul Hardisty ist Direktor des Australian Institute of Marine Science (Aims). Er hat einen Master in Hydrologie und einen Doktortitel in Umwelttechnik vom Imperial College, London. Er ist außerordentlicher Professor an der University of Western Australia.

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Wie sieht das zukünftig aus? Aktuell ist das Great Barrier Reef ja schon wieder von einer Korallenbleiche bedroht.

Die Langzeitprognose ist nicht gut – nicht nur für das Great Barrier Reef, sondern für Korallenriffe auf der ganzen Welt. Der Hauptgrund dafür ist der Klimawandel. Er stellt das größte Risiko für die Korallenriffe dar. Denn mit dem Anstieg der globalen Temperatur erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Korallenbleichen. In den vergangenen fünf Jahren gab es drei Korallenbleichen: 2016, 2017 und 2020. Drei in fünf Jahren – das ist noch nie passiert.

Wie genau schaden die Korallenbleichen den Riffen? Was passiert dabei?

Die Korallentiere, die das Korallenskelett bilden und so das Riff formen, leben in Symbiose mit Algen. Diese Algen sind es, die den Korallen ihre wunderschönen Farben geben und die Energie für die Koralle produzieren. Doch wenn die Temperatur des Wassers steigt, produzieren die Algen einen Stoff, der giftig für die Korallen ist. Also stoßen sie die Algen ab, um sich selbst zu schützen. Wenn die Temperatur schnell wieder sinkt, dann kommen die Algen einfach zurück und das Leben geht weiter. Aber wenn sie zu lange voneinander getrennt sind, dann sterben beide. Korallen sind sehr sensibel, ein Grad über ihrer Normaltemperatur, für acht bis zehn Wochen, und sie bleichen aus und sterben.

Als Folge extrem hoher Temperaturen an der australischen Ostküste ist das Great Barrier Reef Experten zufolge erneut von einer Korallenbleiche bedroht.

Als Folge extrem hoher Temperaturen an der australischen Ostküste ist das Great Barrier Reef Experten zufolge erneut von einer Korallenbleiche bedroht.

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Aber die Riffe können sich doch von der Korallenbleiche erholen? Oder werden sie nie wieder zu dem, was sie einmal waren?

Das Scott Reef an der Westküste Australiens wurde während der Korallenbleiche 1998 sehr schlimm beschädigt, rund 90 Prozent der Korallen waren tot. Wir haben es Jahr für Jahr untersucht und nach etwa zehn Jahren war das Riff zurück zu altem Glanz gekehrt. Allerdings haben die Riffe inzwischen immer weniger Zeit, um sich zu erholen. Die Riffe, die 2016 von der Korallenbleiche betroffen waren, konnten nicht einmal damit starten, bevor 2017 die nächste kam. Diese Frequenz wird sich mit der Zeit und wenn wir unser Treibhausgasemissionen nicht unter Kontrolle bringen, erhöhen.

Wir beobachten auch, dass die Erholung vor allem auf schnell wachsende Korallen zurückgeht. Die sind aber sehr fragil und werden schnell beschädigt. Die Riffe sind dann nicht mehr so robust. Die Resilienz nimmt ab, das macht uns Sorgen. Irgendwann erreicht man dann einen Kipppunkt, an dem ein Riff nicht mehr aus eigener Kraft zurückkommt.

Was setzt die Korallen noch unter Druck?

Wenn wir über den Zustand der Korallen weltweit sprechen, dann gibt es verschiedene Stressfaktoren. Über Zyklone, Schädlinge und Korallenbleichen haben wir bereits gesprochen, hinzu kommt noch die Wasserqualität. Korallen sind auf Licht für ihre Photosynthese angewiesen. In vielen Teilen der Welt, Teile des Great Barrier Reefs eingeschlossen, sind die Riffe von schlechter Wasserqualität betroffen: aufgewirbeltes Sediment zum Beispiel oder Nährstoffe, die zu Algenblüten führen.

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Was kann man tun, um den Druck von den Riffen zu nehmen?

Als Verantwortlicher eines Riffs, etwa hier in Australien, kannst du nichts gegen Zyklone tun und hast auch nicht viel Kontrolle über die globale Erderwärmung. Was wir dagegen unmittelbar kontrollieren können, ist die Wasserqualität, etwa indem wir den Fluss von Nährstoffen und Sedimenten in die Riffe verhindern. Wir können auch versuchen, die Ursachen von Schädlingsausbrüchen zu verhindern. Es gibt Forschung, die zeigt, dass die Dornenkronenseestern-Ausbrüche von überschüssigen Nährstoffen ausgelöst werden. Ein neuer Ansatz, an dem wir hier in Australien zusammen mit Partnern arbeiten, ist es, den Korallen zu helfen, sich an den Klimawandel und seine Folgen anzupassen.

Wie kann man ein Riff denn an den Klimawandel anpassen?

Wir untersuchen dazu Dutzende Möglichkeiten. Es wird nicht das eine Allheilmittel geben, sondern verschiedene Methoden müssen ineinandergreifen. Dazu gehören Techniken, mit denen wir die Temperatur während der acht bis sechs Wochen, in denen es zur Korallenbleiche kommt, kühlen – etwa durch Beschattung. Schon ein halbes Grad kann hier den Unterschied machen. Wir suchen zudem nach Möglichkeiten, den evolutionären Prozess zu beschleunigen, der es Organismen erlaubt, sich an Umweltbedingungen anzupassen. All diese Technologien müssen in großem Maßstab angewendet werden können, für den Fall, dass sich die Gesellschaft entschließt, den Riffen direkt beim Überleben zu helfen.

Wie kann man denn eine Fläche von der Größe des Great Barrier Reefs beschatten?

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Wir wollen kein Geoengineering, bei dem man etwa die Atmosphäre dauerhaft verändert, das haben wir ausgeschlossen. Stattdessen suchen wir nach lokalen Lösungen. Eine Meereshitzewelle, die eine Korallenbleiche auslöst, verläuft nicht einheitlich. Es gibt Bereiche, die sind kühler, andere sind wärmer. Wir müssen also in der Lage sein, besser vorherzusagen, wo was passiert. Dann könnten wir dort zum Beispiel Wolken erschaffen. Dazu würden wir keine Chemikalien versprühen, sondern Salzwassertropfen. Wir sind noch bei Weitem nicht so weit, dass wir so etwas anwenden können, aber wir müssen jetzt daran forschen.

Sie sprechen von Eingriffen in ein natürliches System, die sich wahrscheinlich wenige Menschen derzeit vorstellen können. Glauben Sie, das das wirklich notwendig sein wird? Reicht es nicht, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren, um die Korallenriffe zu retten?

Ich bin da gerne eindeutig: So wie die Reduzierung vom Emissionen derzeit läuft, brauchen wir diese Methoden in großem Stil, wenn wir die Riffe weiter so genießen wollen, wie wir sie kennen. Denn derzeit sind die Zukunftsprognosen nicht gut. Je schneller wir Emissionen reduzieren, desto größer ist unsere Chance, einigermaßen gesunde Korallenpopulationen aufrechtzuerhalten. Wenn wir das schon vor 40 Jahren getan hätten, hätten wir diese Diskussion jetzt nicht. Jetzt sind wir in Schwierigkeiten und die Frage ist nur: Wie schlimm lassen wir es werden?

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