Die Kraft der Familie – warum sie gerade jetzt so wichtig ist

Corona wirft uns zurück auf das ganz Kleine: Die Familie ist der wichtigste Wunschquell für Fürsorge, Stabilität und Glück.

Corona wirft uns zurück auf das ganz Kleine: Die Familie ist der wichtigste Wunschquell für Fürsorge, Stabilität und Glück.

Es ist Ostern, wir wollten zum Bauernhof, wie jedes Jahr. Ein Milchviehbetrieb an der Nordsee, 100 Kühe, ein paar Hühner, drei Ferienhäuschen. Man sitzt dort auf dem Feld auf Strohballen am Osterfeuer und trinkt Jeverbier. Es ist einer dieser Orte, an denen der Puls 20 Schläge langsamer geht, sobald du nur das Ortsschild siehst. Zwei Pferde stehen dort, der kleine, zottelige Martin und die große Sue. Die Kinder reiten, ich lösche die Twitter-App und lese. Manchmal öffnet der Bauer gerade dann wenn wir da sind die Tore zum Stall und lässt die Kühe auf die Weide, zum ersten Mal seit Monaten. Dann stehen wir am Zaun in der Frühlingssonne und sehen ihren Freudentanz.

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Es geht nicht. Corona. Reisen verboten. Wir sind eine von 11,4 Millionen deutschen Familien, deren Pläne das Virus durchkreuzt. Vier von 80 Millionen Deutschen und Milliarden anderer Menschen, in deren Leben dieser unsichtbare Feind hineinregiert.

Corona wirft uns zurück auf das ganz Kleine

Gewiss: Der Verzicht auf Familienferien ist ein geringes Opfer, gemessen an den existenziellen Bedrohungen, die die Seuche mit sich bringt, während sie wie ein dunkler Schatten über die Kontinente weht. Aber die menschliche Seele mag keine Veränderungen. Und unsere größte Sehnsucht gilt stets dem, was wir gerade nicht haben können. Psychologen sprechen von Reaktanz. Es ist der Trotz, den das Verbotene weckt. Ich darf nicht in die Ferien? Ich muss in die Ferien, mein Lebensglück hängt davon ab. Man könne ja skypen, heißt es. Aber du kannst nicht skypen mit einem Pferd. Dieses Osterfest ist seltsam. Keine Großeltern. Kein Festmahl. Kein Martin, keine Sue.

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Corona wirft uns zurück auf das ganz Kleine. Es bremst uns aus, uns Kreuzfahrer und Meilensammler, uns hyperflexible Weltbürger, und pflockt uns im Leben an wie eine Ziege. Plötzlich ist unser Erlebnisradius kaum größer als der eines Menschen im 17. Jahrhundert. Mein Dorf. Der Bäcker. Der Apotheker. Und die wichtigste Bezugsgruppe, die einzige, der wir in diesen Zeiten näher als zwei Meter kommen, ist jetzt die, deren Einfluss auf das eigene Lebensglück wir im Alltag meist als selbstverständlich hinnehmen. Es ist die kleinste Einheit des Menschen nach sich selbst: die Familie.

Die prototypische Familie der Achtzigerjahre: "Lindenstraßen"-Darsteller der Beimers mit (v.l.) Joachim Luger, Moritz A. Sachs, Maria Luise Marjan und Christian Kahrmann.

Die prototypische Familie der Achtzigerjahre: "Lindenstraßen"-Darsteller der Beimers mit (v.l.) Joachim Luger, Moritz A. Sachs, Maria Luise Marjan und Christian Kahrmann.

So eine Familie ist ein seltsamer Verbund. Denn wirklich zur Wahl steht nur der eigene Partner. Den Rest regelt die Lotterie des Lebens. Man kann von Glück sagen, wenn es einigermaßen passt mit den eigenen Eltern, Geschwistern, Söhnen und Töchtern. Ein Mitspracherecht aber gibt es nicht, Pech gehabt. Millionen Menschen zwingt das Schicksal, ihr Leben mit Leuten zu teilen, mit denen sie nichts gemeinsam haben als die Herkunft. Gerade jetzt, nach Wochen in der Corona-Isolation, spürt mancher, dass die Familie als Glückskonzept Grenzen hat. Und weiß dennoch: Es geht nicht mit, es geht nicht ohne.

Was ist das überhaupt: eine Familie? Das Grundgesetz stellt sie und die Ehe unter “besonderen Schutz”, drückt sich aber um eine Definition. Für das Bundesverfassungsgericht ist die Familie die “Keimzelle der staatlichen Gemeinschaft”. Das hilft auch nicht viel weiter. Sicher ist: Familie ist heute viel mehr als das gutbürgerliche Semmelknödel-Idyll von Vater, Mutter und Kindern. Es ist der alleinerziehende Papa mit Tochter ebenso wie das schwule Paar mit Zwillingen, es sind gleich- oder mehrgeschlechtliche verheiratete oder unverheiratete Paare mit Sohn und Tochter, es sind Regenbogenfamilien mit Stief-, Pflege- oder Adoptivkindern. Familie ist, was sich anfühlt wie eine Familie.

Die Familie wirkt auf die Gesellschaft als Schule der Gemeinsamkeit

Viele hatten sie ja schon abgeschrieben. Die Familie? Ein Auslaufmodell, hieß es in den linken Soziotopen der Sechziger und Siebziger. Ein institutionalisiertes Zwangskonzept. Tatsächlich sind die Defizite des Herdenlebens nicht zu übersehen: Gefühlschaos, Zwänge, Psychoterror, Gewalt, Antifreiheit. Die Zahl der Einpersonenhaushalte in Deutschland stieg seit 1991 von 11,8 auf 17,3 Millionen. Doch die empirische Forschung zeigt auch, dass Eheleute länger und gesünder leben. Und dass Kinder aus stabilen Familien größere Chancen auf Glück haben. Sie wirke auf die Gesellschaft als Schule der Gemeinsamkeit, als “erste Instanz sozialer Prägung und Kontrolle”, schrieb der Politische Soziologe Walter Hollstein in der “Neuen Zürcher Zeitung”. Und das Sehnen der Einsamen nach Familie will einfach nicht geringer werden.

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Ehe und Familie boomen als Wunschquell für Fürsorge, Stabilität und Glück. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland insgesamt 449.466 Ehen geschlossen. Nach dem Tiefpunkt im Jahr 2007 mit 368.000 Hochzeiten steigt ihre Zahl seit Jahren wieder an. Im Jahr 2000 waren es 418.000. Gleichzeitig sind Scheidungen stark rückläufig: 2010 waren es noch 187.000, 2018 nur 148.000. Ein Parameter aber bleibt stabil: Auf eine Scheidung kommen drei Hochzeiten. Die meisten Scheidungen (24 Prozent) gibt es im sechsten bis zehnten Ehejahr, die zweitmeisten überleben das fünfte Jahr nicht (17,2 Prozent), die drittmeisten scheitern erst nach der Goldenen Hochzeit (15,3 Prozent). Das verflixte siebte Jahr ist also kein Mythos.

Jede Familie spricht ihre eigene Sprache: Vater und Mutter mit Baby.

Jede Familie spricht ihre eigene Sprache: Vater und Mutter mit Baby.

Aber: Die Fertilitätsrate stieg seit Jahren. Auf eine Frau kamen 1994 statistisch 1,24 Kinder, heute sind es 1,57. Und es gibt regionale Besonderheiten: Im Westen stammen rund 30 Prozent aller Kinder aus nichtehelichen Gemeinschaften, im Osten sind es rund 60 Prozent. Familien aber brauchen keine Ehe.

Jede Familie spricht ihre eigene Sprache

Jede Familie spricht ihre eigene Sprache. Sie hat ihre eigene Kraft, im Guten wie im Schlechten. Sie hat ihre Geheimnisse, Untiefen, Schründe und Narben. Sie kann die Rettungsinsel vor der Einsamkeit ebenso sein wie der Fels in der Brandung oder der Nagel im Sarg. Familienmitglieder sind sehr begabt darin, sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Warum? Weil sie sich kennen. Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich”, lautet der berühmte erste Satz aus Leo Tolstois Roman “Anna Karenina”. Heißt: Glückliche Familien sind stabil, weil viele Faktoren im Lot sind (finanzielle Sicherheit, elterliche Liebe, Erziehung, Religion, Werte) – unglückliche Familien sind instabil, wenn auch nur einer dieser Faktoren nicht stimmt.

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Das familiäre Glück ist eines der größten Tabus überhaupt. Bevor wir Fremden verraten, wie glücklich wir wirklich sind, sprechen wir über schwere Krankheiten, Süchte, psychische Malaisen oder die Höhe unseres Einkommens. Denn von der Heiligen Familie bis zu den “Simpsons”, von den Medici bis zu den Windsors zelebrieren wir die Kraft der Familie als stärkste und gleichzeitig tückischste Kleinclique der Gesellschaft. Und diese Glorifizierung kennt keine Grenzen. Kitschige Wandtattoos rühmen die Familie als "Heimat des Herzens“, wo "das Leben beginnt und die Liebe niemals endet“, wo die Eltern “der Bogen sind, von dem die Kinder als lebende Pfeile abgeschossen werden”. In Wahrheit ist die Familie auch Heimat der Wäscheberge, wo der Wahnsinn beginnt und das Chaos niemals endet, wo die Eltern die Nervenwracks sind, um die die Kinder wie durchgedrehte Derwische herumtanzen. Davon erzählt kein Wandtattoo.

“So etwas wie Spaß für die ganze Familie gibt es nicht“

Wir klagen gern augenzwinkernd, wie anstrengend dieser Affenzirkus heute wieder war. “So etwas wie Spaß für die ganze Familie gibt es nicht“, sagt der US-Komiker Jerry Seinfeld. Punkt. Zu unterschiedlich sind die Interessen. Mama will reden, Papa will Ruhe, der Sohn will daddeln und die Tochter aufs Trampolin, und zwar mit Zuckerwatte, und zwar sofort. “Ein junger, schwuler, drogen- und alkoholabhängiger Sexsüchtiger zu sein ist eine schwierige Situation”, sagte der Musiker Rufus Wainwright, “eine achtjährige Tochter zu haben, verheiratet und Mitte vierzig zu sein ist jedoch nicht weniger herausfordernd.” Harmonische Gruppenselfies ("Alle mal lächeln! AUCH DU, TORBEN-BENGT!”) können nur eine Inszenierung sein.

Oder doch nicht? Denn es gibt bei aller Enge, inmitten der behaglichen Knechtschaft ja doch immer wieder diese Momente, in denen man ganz weich wird vor Dankbarkeit. Wenn man spürt, dass man als Paar auch nach vielen Jahren noch dieselbe Melodie hört. Wenn man nach Mitternacht die Kinder wieder zudeckt, die im Schein des Nachtlichts warm und unschuldig schlummern, als ahnten sie nichts von der Schlechtigkeit der Welt. Wenn du weißt, warum in “Familienbande” auch “Bande” steckt. Weil sie Kräfte in uns weckt, die älter sind als die bewusste Entscheidung, eine Familie sein zu wollen.

Alles beginnt mit der Familie, alles endet mit ihr

Corona gibt uns die Chance, die Kraft dieser merkwürdigen Schicksalsgemeinschaft neu zu spüren. Wie tröstlich es sein kann, dass da jemand ist, der dich genau kennt. Der deine Ängst vor dieser Seuche und ihren Folgen teilt – und umgekehrt. Es ist ein Verstehen, das im besten Fall aus vorbehaltloser Liebe geboren wird und das tiefer geht als jedes Anschreien und Türenknallen. Es ist eine Verbundenheit, die dafür sorgt, dass Töchter nach drei Jahrzehnten des Schweigens doch wieder weinend vor der Tür der alten Eltern stehen. Alles beginnt mit der Familie, alles endet mit ihr. Niemand ist eine Insel.

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RND




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