Bildungsforscher zu Schule und Corona: „Warum geben wir den Kindern nicht mehr Zeit?“

Eine Schülerin füllt am ersten Schultag nach den Sommerferien zu Beginn des Unterrichts in München (Bayern) ihren Covid-19-Selbsttest-Ausweis aus. Getestet wird zweimal die Woche.

Eine Schülerin füllt am ersten Schultag nach den Sommerferien zu Beginn des Unterrichts in München (Bayern) ihren Covid-19-Selbsttest-Ausweis aus. Getestet wird zweimal die Woche.

Noch immer haben Kinder mit den Folgen der coronabedingten Schulschließungen zu kämpfen. Und schon geht es in ein weiteres Schuljahr unter Pandemiebedingungen, ohne dass Lernrückstände und soziale Defizite der Vergangenheit ausgeglichen worden wären. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland schildert Professor Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, was jetzt wichtig für die Kinder ist.

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Bildungsrückstände und eine soziale Schere, die immer weiter auseinandergeht. Würden Sie diese Befunde von eineinhalb Corona-Schuljahren bestätigen?

Professor Kai Maaz: Es deutet vieles darauf hin, ja.

Wer sind unsere speziellen Sorgenkinder in diesem neuen Schuljahr?

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Die Sorgenkinder sind einerseits die, die ohnehin schon mit Lernproblemen zu kämpfen haben. Genauso wie Kinder, die schon unter einer gegebenen Struktur eines normalen Schultages Probleme haben, sich selbst zu strukturieren. Und Kinder, die in ihren Familien keine Unterstützung erhalten. Es ist also keine homogene Gruppe. Aber es ist dieser Zusammenhang, den wir seit Jahrzehnten im System haben und den wir viel intensiver in den Blick hätten nehmen müssen: den zwischen der sozialen Herkunft und dem Kompetenzstand.

Wo fangen wir am besten mit der Bekämpfung dieser Phänomene an?

Wir sollten den Fokus auf den Ort richten, an dem die Grundlagen im sprachlichen und mathematischen Bereich gelegt werden – also auf die Grundschule. Für die Kinder, die zu Hause keine Unterstützung bekommen haben, deren Muttersprache vielleicht nicht Deutsch ist, wird es schwierig, den Rückstand wieder aufzuholen.

Prof. Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

Prof. Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

Sehen Sie den politischen Willen, dieser Bildungsungleichheit jetzt und nachhaltig entgegenzuwirken?

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Vor allem sehe ich die strukturelle Notwendigkeit. Denn wir verschenken viele Ressourcen, wenn ein Teil der Kinder und Jugendlichen nicht über die grundlegenden Kompetenzen verfügt, um den nächsten Bildungsschritt überhaupt erreichen zu können. Ganz ehrlich: Wenn wir in diesen vielen Maßnahmen, die gerade beschlossen wurden, nicht den politischen Willen dazu erkennen könnten, bräuchten wir über die Zukunft von Bildung überhaupt nicht mehr zu sprechen. Die Probleme sind durch die Pandemie so eklatant sichtbar geworden, dass es hier Veränderungen geben muss.

Mehr Nachhilfestunden, Schule in den Ferien, mehr Geld für Personal – sind das wirklich die Programme, die substanziell helfen?

All die Programme, die jetzt in den Ländern starten, können nur Initialzündungen sein. Wir werden Jahre brauchen, um diese Probleme zu lösen. Da brauchen wir Ideen, wie eine Gesamtstrategie im Bildungssystem aussehen kann, die auch nachhaltig wirkt. Dazu gehört eine klare Zielsetzung.

Was für eine Zielsetzung sollte das sein?

Zum Beispiel der Abbau von Bildungsungleichheit. Der Umgang mit Heterogenität scheint mir die Schlüsselherausforderung zu sein. Dazu müssen wir Lehrpersonen in die Lage versetzen, damit umzugehen. Wir müssen sie also so ausbilden, dass sie die tatsächlichen Leistungsstände und die Leistungsdefizite der Kinder erkennen können. Und wir müssen ihnen das passende Fördermaterial und die passende Ausstattung zur Verfügung stellen.

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Was brauchen Ihrer Ansicht nach die Kinder konkret, um gut durch dieses weitere Corona-Schuljahr zu kommen?

Wichtig ist, dass hier nicht der Eindruck entsteht, wir hätten Regelbetrieb. Das wird kein normales Schuljahr werden. Das sollten wir uns klarmachen. Wichtig ist auch, die Kinder dort aufzunehmen, wo sie gerade sind, auch in ihrer psychosozialen Befindlichkeit. Und ganz persönlich frage ich mich: Warum geben wir den Kindern nicht mehr Zeit?

Das Schuljahr verlängern? Nein. Aber den zeitlichen Druck rausnehmen, indem man sich auf die Kernkompetenzen fokussiert. Gerade im Grundschulbereich wäre das die einfachste und kostengünstigste Möglichkeit. Dazu müsste man die Stundentafeln umorganisieren und die sprachlichen und mathematischen Kompetenzen stärker gewichten.

Aber Grundschule sollte doch mehr sein als Rechnen und Schreiben zu üben …

Schule wird damit nicht auf Deutsch oder Mathe reduziert. Aber diese Kompetenzen sind nun einmal die wichtigste Voraussetzung dafür, um anschlussfähiges Lernen auch in anderen Fächern zu ermöglichen. Denn wenn ich über diese Kompetenzen nicht verfüge, dann wird alles andere schwierig werden: die Vermittlung von Selbstlernkompetenzen, die Stärkung des Selbstwertes, die Vermittlung von Problemlösekompetenzen, die Selbstregulation. Das funktioniert nur, wenn die Kinder über entsprechende basale Fähigkeiten in den Grundkompetenzen verfügen. Wir haben aber noch längst nicht alle Ressourcen ausgeschöpft.

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Welche Ressourcen meinen Sie?

Im Ganztag haben wir ja schon Strukturen. Wir sollten darüber beraten, wie wir diesen außerunterrichtlichen, aber immer noch innerschulischen Bereich viel stärker nutzbar machen. Also, wie kriegen wir eine engere Verzahnung hin zwischen dem, was im Unterricht ist, und dem, was in der Schule insgesamt passiert.

Einige Länder wollen auch Geld für Extralehrpersonal zur Verfügung stellen. Schulleitungen aus strukturschwachen Regionen hilft das aber nur wenig …

Es verdeutlicht: Geld allein wird weder helfen, das System zu verbessern, noch wird Geld allein helfen, Familien zu unterstützen. Aber natürlich brauchen wir finanzielle Mittel, um stärker Personal rekrutieren zu können. Zum Beispiel könnten die angeworben werden, die noch gar nicht im klassischen Schulbetrieb sind, etwa Studierende. Oder pensionierte Lehrpersonen. Aber dazu braucht es dann eben auch Geld, um das Personal auf die Situation vorzubereiten und zu qualifizieren.

Selbst wenn es mehr Personal gäbe, müssten Kinder immer noch Stoff aus den eineinhalb Jahren nachholen – während das neue Schuljahr mit dem ganz normalen Lehrplan weiterläuft. Lastet da nicht ein zu starker Druck auf den Kindern?

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Das sehe ich auch so, ja. Und ich würde mich freuen, wenn wir von dieser Lehrplandiskussion wegkämen. Es geht nicht darum, ob am Ende des Schuljahres das Schulbuch durchgearbeitet wurde. Vielmehr muss man schauen: Was sind die zentralen Kompetenzen, die wichtig sind für die Kinder, um den nächsten Bildungsschritt zu gehen. Dazu müssen wir uns vielleicht auch mal auf einzelne Bereiche fokussieren. Weniger unterschiedlicher Input und mehr Zeit für die Vertiefung einzelner Inhalte. Da wäre wirklich Gestaltungsspielraum. Dazu braucht es die Flexibilisierungen im Lehrplan und auch ein Ausdünnen. Diesen Diskurs aber haben wir in den letzten eineinhalb Jahren nicht geführt.

Brauchen die Kinder nicht noch mehr als ein Aufholen nach Corona?

Wir dürfen uns auf jeden Fall nicht nur auf die kognitiven Fähigkeiten versteifen. Erfolgreiches und nachhaltiges Lernen basiert primär auf stabilen, vertrauten und verlässlichen Beziehungen. Die besten Förder- und Aufholangebote werden nichts bringen, wenn die Kinder und Jugendlichen in einer sozialen und emotionalen Situation sind, die das Lernen überhaupt nicht zulässt. Darum ist es wichtig, dass man die psychosoziale Befindlichkeit der Kinder ernst nimmt und hier auch Angebote macht. Beratungsangebote etwa, und zwar nicht nur für die Kinder, sondern für die ganzen Familien.

Viele Eltern haben das Gefühl, in den Sommerferien sei versäumt worden, die Schulen für das Schuljahr vorzubereiten.

Ich würde das nicht so sehen. Bei vielem, was in den vergangenen eineinhalb Jahren gelaufen ist, gab es sicher Verbesserungsbedarf. Da wurden einige Chancen verpasst. Aber die Ministerien und die Schulen haben unter Hochdruck in einer ihnen völlig unbekannten und unsicheren Situation gearbeitet. Da braucht es auch mal ein paar Wochen, in denen sich die Leute erholen und runterkommen können. Ein gegenseitiges Bashing bringt uns da nicht weiter.

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