In der Türkei dreht sich die Preisspirale immer schneller

Eine Wechselstube in der türkischen Großstadt Istanbul.

Eine Wechselstube in der türkischen Großstadt Istanbul.

Athen. Dass es so schlimm kommen würde, hatten die wenigsten erwartet: 36,08 Prozent erreichte die Jahresinflation im Monat Dezember, wie das staatliche türkische Statistikamt Türkstat am Montag bekanntgab. Das war der höchste Wert seit Erdogans erstem Wahlsieg Ende 2002. Im November lag die Teuerungsrate noch bei 21,3 Prozent.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ökonomen und Ökonominnen hatten für Dezember einen Anstieg auf durchschnittlich 27 Prozent erwartet. Die amtlichen Zahlen übertreffen diese Prognose bei Weitem. Und sie sind womöglich noch geschönt: Die regierungsunabhängige Forschungsgruppe Enag, die seit 2020 die Inflation beobachtet, beziffert die Teuerungsrate sogar auf 82,8 Prozent.

Tatsächlich ist die gefühlte Inflation deutlich höher als die offizielle Statistik. Die Preise vieler Grundnahrungsmittel haben sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Das Statistikamt beziffert den Anstieg der Lebensmittelpreise auf 43,8 Prozent. Das neue Jahr begann für die Menschen mit weiteren massiven Preiserhöhungen. Die Stromtarife stiegen, je nach Verbrauch, um 50 bis 125 Prozent. Gas wurde 25 bis 50 Prozent teurer.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch für Autoversicherungen, Treibstoffe und Maut müssen die Menschen tiefer in die Tasche greifen – sofern sie sich überhaupt noch ein Auto leisten können. Vielen reicht das Geld nicht mal für einen Besuch in der Bäckerei. Das zeigen die langen Warteschlangen vor den Kiosken, an denen die Stadtverwaltung von Istanbul subventioniertes Brot verkauft.

Hauptgrund für die galoppierende Inflation ist nach Überzeugung unabhängiger Ökonomen Erdogans Geldpolitik. Auf seine Weisung hat die Zentralbank seit September die Zinsen in mehreren Schritten um 5 Prozent gesenkt. Sie liegen nun 22 Prozent unter der Inflationsrate. Erdogan glaubt, dass man eine hohe Inflation mit Zinssenkungen bekämpfen kann.

Die Negativzinsen ließen die Lira allein seit September um 31 Prozent gegenüber dem Dollar abstürzen. Der Wertverlust verteuert Importe, von denen die türkische Industrie in hohem Maße abhängig ist. Zusätzlich treiben die weltweit gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten die Preise.

Ein Abflauen der Inflation ist nicht in Sicht. Die Erzeugerpreise stiegen im Dezember um fast 80 Prozent. Das dürfte in den nächsten Monaten auf die Verbraucherpreise durchschlagen. Trotzdem hält Erdogan an seiner unkonventionellen Zinspolitik fest. Wirtschaftswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen rechnen deshalb in den nächsten Monaten mit weiter steigenden Verbraucherpreisen.

Für den Staatschef könnte es politisch eng werden. Spätestens Mitte 2023 finden in der Türkei Parlaments- und Präsidentenwahlen statt. In einer Umfrage vom Dezember äußerten sich 57 Prozent der Befragten unzufrieden mit Erdogans Amtsführung. Auch die islamisch-konservative Regierungspartei AKP rutscht in den Umfragen immer weiter ab.

Mehr aus Wirtschaft

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen