Sigmar Habeck – oder warum man es besser nicht mit Marx hält

Der Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), sein Amtsvorgänger Sigmar Gabriel (SPD).

Der Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), sein Amtsvorgänger Sigmar Gabriel (SPD).

Berlin. Wiederholt sich Geschichte? Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel war sich da sicher. Er hatte bemerkt, dass die römische Republik zweimal untergehen musste, Napoleon doppelt in die Verbannung geschickt wurde und dass die Bourbonen in Frankreich erst im zweiten Anlauf von der Macht vertrieben werden konnten.

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Hegel ist vor gut 190 Jahren gestorben, aber an dem, was sich gerade nur wenige 100 Meter von seiner letzten Ruhestätte entfernt im Bundeswirtschaftsministerium ereignet, hätte er mutmaßlich seine wahre Freude. Nicht, weil der neue Hausherr ein Doktor der Philosophie ist, sondern weil die Voraussetzungen, unter denen er sein Amt antritt, auf verblüffende Weise denen des Vorvorvorgängers ähneln.

Der neue Minister war Parteichef und hat auf die Kanzlerkandidatur verzichtet. Er hat nach der Wahl seine Karten gut ausgespielt und ist nun Vizekanzler eines Regierungsbündnisses, mit dem kaum jemand ernsthaft gerechnet hätte. Er hat seinen Zuständigkeitsbereich um wichtige Teile des Umweltministeriums erweitert. Und er hat sich eine der größten Herausforderungen auf die Schultern geladen, die die deutsche Politik zu vergeben hat.

Sigmar Gabriel oder Robert Habeck? Die Beschreibung passt auf beide.

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Rhetorik, Macht, Eitelkeit – Habeck und Gabriel sind sich ähnlicher, als man denkt

Hinsichtlich rhetorischer Fähigkeiten, persönlicher Ambitionen und verletzbarer Eitelkeit lassen sich mühelos weitere Parallelen finden. Und selbst die wichtigste Personalfrage, die des Energiestaatssekretärs, haben der Grüne und der Rote auf die gleiche Art gelöst – und einfach den jeweiligen Chef der Denkfabrik Agora Energiewende engagiert.

Einen wichtigen Unterschied allerdings gibt es. Als Sigmar Gabriel 2013 Wirtschaftsminister wurde, ging es vordringlich darum, die explodierenden Kosten der Energiewende in den Griff zu bekommen und die Wettbewerbsfähigkeit der stromintensiven Industrie zu sichern. Es ging also vor allem um Geld.

Für Robert Habeck ist die wichtigste Aufgabe, den Ausstoß des Klimagases CO₂ zu senken. Der Grünen-Politiker muss Deutschland auf den Pfad des Pariser Klimaabkommens zurückbringen. Und er muss die Weichen dafür stellen, dass eine klimaneutrale Wirtschaft bis 2045 von der Vision zur Realität wird.

Es ist nicht übertrieben, von der größten industriepolitischen Aufgabe seit der Wiedervereinigung zu sprechen. Und es scheint klar, dass die Ampelkoalition deren Bewältigung nicht am Geld scheitern lassen wird.

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Als Habeck am Dienstag seine Eröffnungsbilanz und sein Programm für die kommenden Monate vorgestellt hat, war ihm die Last der Verantwortung anzusehen. Als früherer Energiewendeminister Schleswig-Holsteins weiß er, dass die eigentliche Herausforderung nicht im Formulieren von Koalitionsverträgen oder dem Aufpinseln schwarzer Linien und grüner Balken in hübsche Infografiken liegt. Habeck muss die Menschen gewinnen, wenn er sein Ziel erreichen will, „in allen Bereichen dreimal besser“ zu werden.

Er hat das präzise beschrieben. Nicht die technische Debatte ist das Problem, sondern die soziale, die kulturelle – die zwischen Land und Stadt, Nord und Süd, Ost und West.

Mut zum Risiko allein wird nicht reichen

Habeck hat klargemacht, dass er keine Risiken scheut. Er sei nicht Minister geworden, um nichts zu tun, hat er gesagt. Das mag eine notwendige Bedingung für den Erfolg sein, eine hinreichende ist es noch nicht, wie das Beispiel Sigmar Gabriel zeigt.

Auch der war nach der Amtsübernahme mit großem Einfluss und großem Elan gestartet, musste jedoch bald erkennen, wie massiv die Widerstände waren. Nach gut drei Jahren warf Gabriel als Wirtschaftsminister hin und flüchtete ins Auswärtige Amt.

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Wiederholt sich Geschichte? Philosoph Habeck muss es jetzt mit Karl Popper halten und sich vor Marx hüten. Popper hatte die Thesen Hegels als Historizismus verspottet, Marx versah die These von der Wiederholung der Geschichte mit einem Zusatz: „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“.

Es wäre gut, wenn sich Letzteres nicht bewahrheiten würde. Für Robert Habeck. Und für das Klima.

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