1200 Euro pro Monat geschenkt: Langzeitstudie zu monatlichem Grundeinkommen startet

Hamburg: Eine Frau hält Geldscheine in der Hand. Wie sich das Leben durch ein monatliches Grundeinkommen verändert, testen nun 122 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Studie.

Hamburg: Eine Frau hält Geldscheine in der Hand. Wie sich das Leben durch ein monatliches Grundeinkommen verändert, testen nun 122 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Studie.

Berlin. Über das Thema wird immer wieder gerne diskutiert: Ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden, egal, ob arm oder reich, ob alt oder jung. Politische Fürsprecherinnen und -sprecher hat die Idee bisher eher wenige. Gegnerinnen und Gegner sprechen sogar von einer „Faulheitsprämie“. Nun soll in einem Langzeit-Pilotprojekt mit 122 Teilnehmern genauer untersucht werden, was es mit Menschen macht, wenn sie drei Jahre lang ein solches Einkommen in Höhe von 1200 Euro im Monat bekommen.

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Am Dienstag gab der Verein „Mein Grundeinkommen“ gemeinsam mit Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern den Startschuss für die Auszahlung des Geldes. Die 122 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zuvor aus rund 2 Millionen Bewerberinnen und Bewerbern in einem langen Prozess ausgewählt worden. Einige haben gar nicht glauben wollen, dass sie dabei seien, sagte Mitinitiator Michael Bohmeyer vom Verein „Mein Grundeinkommen“ in Berlin.

Die Forschergruppe will in den kommenden drei Jahren durch regelmäßige Befragungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer herausfinden, wie sich ihr Alltag durch das Extra-Geld verändert. Versteuert werden muss es nicht. Abgefragt werden zum Beispiel Daten zur Erwerbstätigkeit, zu Arbeitszeit, Überstunden und sozialen Kontakten. Die Menschen sollen außerdem regelmäßig beantworten, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, wie groß ihr Vertrauen in Mitmenschen und Staat ist oder wie viel Zeit sie für ehrenamtliches Engagement aufwenden. Zur Analyse des Stresslevels sollen auch Haarproben ausgewertet werden. Zudem werden knapp 1400 Personen aus dem ursprünglichen Bewerberfeld als Vergleichsgruppe befragt.

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Im Fokus: Inwieweit ändert sich das Verhalten mit einem Grundeinkommen?

Jürgen Schupp, Soziologie-Professor und Forscher am DIW, sagte am Dienstag, es gehe darum herauszufinden, ob die „klassischen Klischees empirisch Bestand haben, also das Hängematte-Argument, dass die Leute sich mit einem Grundeinkommen zurücklehnen“, oder ob das Gegenteil stattfinde. So könne es beispielsweise sein, dass Menschen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen eher ihre Wünsche verwirklichen, etwa nach beruflicher Veränderung.

Gleichzeitig soll die Studie aber auch herausfinden, ob ein möglicher Gewöhnungseffekt eintritt. „Wir rechnen schon damit, dass die Gruppe der Grundeinkommensempfänger jetzt erstmal zufriedener ist“, sagte Schupp. „Aber ob es über die Strecke von drei Jahren vielleicht auch zu Anpassungsprozessen kommt, so dass nach drei Jahren dieser Glückseffekt auch wieder aufgebraucht ist, das ist Teil der wissenschaftlichen Untersuchung.“

„Faulheitseffekte“ werden durch das Grundeinkommen nicht erwartet

Susann Fiedler, Psychologin und Verhaltensökonomin vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, erhofft sich Erkenntnisse darüber, inwieweit die Zahlung eines Grundeinkommens bleibende Verhaltens- und Denkänderungen bei den Menschen anstoßen könnte. Eintretende „Faulheitseffekte“, von denen häufig im Zusammenhang mit dem Grundeinkommen gesprochen werde, erwarte man nicht.

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Auch Bohmeyer nennt diese Sorge unberechtigt. Alle bisherigen Pilotprojekte zum Thema seien einhellig zu dem Ergebnis gekommen, dass Leute nicht weniger arbeiteten, wenn ihr Einkommen gesichert sei. „Im Gegenteil: Sie finden Jobs, die besser zu ihnen passen, sie bilden sich mehr fort und sie finden dann letztlich Jobs, die besser bezahlt sind.“

Verein zum geschenkten Grundeinkommen: „Alle sind entspannter geworden“

Bohmeyers Verein „Mein Grundeinkommen“ verlost seit Jahren immer wieder Grundeinkommen über monatlich 1000 Euro für jeweils ein Jahr, immer wenn genügend Spenden dafür zusammengekommen sind. Mehr als 800 Menschen sind nach Vereinsangaben bisher in den Genuss gekommen. „Im Kopf ist dadurch viel passiert bei den Leuten“, sagt Bohmeyer. „Alle, ob jung oder alt, arm oder reich, sagen, sie sind entspannter geworden.“ Viele hätten aber auch gemerkt, dass die Pläne, die sie vorher gehabt hätten, gar nicht am fehlenden Geld, sondern an anderen Dingen scheiterten. Das Grundeinkommen zwinge zur Eigenverantwortung.

In der nun begonnenen Langzeitstudie soll nach Angaben der Organisatoren weltweit erstmals untersucht werden, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf das Leben von Menschen der „Mittelschicht“ auswirken könnte. Ausgewählt wurden daher 21- bis 40-Jährige, die nicht auf Sozialleistungen angewiesen sind und ungefähr soviel verdienen, wie ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland.

Finanziert wird auch dieses Projekt aus privaten Spenden. Ein staatliches Grundeinkommen, für das es bisher keine politischen Mehrheiten gibt, wäre nach Bohmeyers Vorstellungen steuerfinanziert: Jeder bekäme das Geld, ob reich oder arm. Einkommensmillionärinnen und -millionäre zum Beispiel würden aber mehr Steuern zahlen, als sie Grundeinkommen erhalten. Es gehe um eine Umverteilung von oben nach unten.

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RND/dpa

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