China formt seine Wirtschaft um

Chinesisches Internetimperium: Alibaba im freien Fall

Die am Donnerstag veröffentlichten Geschäftszahlen sind die wohl schwächsten seit Alibabas Börsendebüt vor knapp acht Jahren.

Die am Donnerstag veröffentlichten Geschäftszahlen sind die wohl schwächsten seit Alibabas Börsendebüt vor knapp acht Jahren.

Peking. Das von Jack Ma gegründete Internetimperium Alibaba galt lange Jahre als Aushängeschild für Chinas innovativen Unternehmergeist. Mittlerweile ist der E-Commerce-Riese dessen größter Sorgenfall: Die am Donnerstag veröffentlichten Geschäftszahlen sind die wohl schwächsten seit Alibabas Börsendebüt vor knapp acht Jahren.

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Im Quartal bis einschließlich Dezember ist der Nettogewinn um nahezu Dreiviertel eingebrochen. Der Gesamtumsatz ist nur mehr um knapp 10 Prozent gestiegen. Noch vor Kurzem war man an das Vierfache des Wachstums gewöhnt.

Doch was die aktuelle Entwicklung von Alibaba so einzigartig macht, sind die dahinterliegenden Gründe. Denn die allgemein schwächelnde chinesische Wirtschaft und die steigende Konkurrenz können den Absturz des Unternehmens nicht erklären. Vielmehr ist dieser hausgemacht: Alibaba musste – wie praktisch die gesamte Internetbranche Chinas – aufgrund der drastischen Regulierungswellen der Regierung massiv Federn lassen.

Verluste sind für Xi‘s Regierung nur Kollateralschäden

Allein in den letzten Tagen haben die digitalen Marktführer Tencent, Meituan und Alibaba laut Berechnungen von Bloomberg nahezu 100 Milliarden Dollar an Marktwert verloren. Hintergrund waren weitere Ankündigungen der Behörden, Beschränkungen für Online-Essenslieferanten sowie die Computerspielbranche einzuführen.

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Xi Jinping, Chinas Präsident, gestaltet die Wirtschaft des Landes mit harten Regeln um.

Xi Jinping, Chinas Präsident, gestaltet die Wirtschaft des Landes mit harten Regeln um.

Auf den ersten Blick klingt dies zunächst kontraproduktiv: Warum soll eine Regierung seine erfolgreichsten Firmen derart stark beschneiden?

Doch tatsächlich hält Staatschef Xi Jinping die Verluste als notwendige Kollateralschäden für eine langfristige Transformation der Volkswirtschaft. Derzeit befindet sich China nämlich inmitten eines ökonomischen Paradigmenwechsels. Viele Experten bezeichnen Pekings Regulierungswellen metaphorisch als „Sommergewitter“.

Dabei sollen zum einen die aufkommenden Technologien und Onlineplattformen in einen rechtlichen Rahmen integriert werden. Das exzessive Sammeln von Daten, Ausnutzen von Oligopolen sowie prekäre Leiharbeiterverhältnisse sollen zudem eingedämmt werden.

Regierung will Zukunft auf Halbleiterbranche lenken

Ebenso möchte China ganz gezielt seine Ressourcen umlenken: Die Verbraucherelektronik und Konsumenten-Apps, die die Volksrepublik in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat, sind für Xi Jinping nur technische Spielerei.

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Stattdessen will man die Priorität auf eine gesunde Halbleiterbranche fokussieren, die Industrieproduktion ankurbeln und generell Dinge herstellen, die in der analogen Welt das Leben der Leute real verbessern. Viele Ökonomen glauben, dass China vor allem die deutsche Wirtschaft mit seinen starken mittelständischen Unternehmen als Inspiration sieht.

Xi steht derzeit stark unter Druck, denn der Frust der Mittelschicht steigt angesichts zunehmender Arbeitslast und irrwitziger Immobilienpreise rasant. Die Kommunistische Partei muss zudem die rasant auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich in den Griff bekommen.

Eine Vermögenssteuer wird kommen

„Gemeinsamer Wohlstand“ lautet das Schlagwort von der Parteiführung. Doch was damit gemeint ist, bleibt bislang vage und nebulös. Derzeit wird nach dem „Trial-and-error“-Prinzip erprobt, wie eine Umverteilung innerhalb der Gesellschaft gelingen kann. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine flächendeckende Vermögenssteuer eingeführt wird und die führenden Unternehmer bei ihren Abgaben stärker an die Kandare genommen werden.

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Viele Ökonomen und Geschäftsleute halten die Maßnahmen für einen deutlichen Rückschritt. Denn es scheint, als ob Peking mit seinen politischen Repression sowie staatlichen Regulierungen einer innovativen Branche den notwenigen Elan raubt.

Desmond Shum, der in den 2000er Jahren als einer der erfolgreichsten Immobilienentwickler in Peking galt, sagt: „Klar ist die Ungleichheit damals gewachsen, aber gleichzeitig wurden auch 100 Millionen Chinesen aus der Armut gehoben. Und was haben wir jetzt? Alibaba hat im letzten Jahr Hunderte Milliarden Dollar an Marktwert verloren – und der Bodensatz wächst gar nicht mehr.“

Nach dem Sozialismus nur der Kapitalismus?

Vielleicht behält der mittlerweile in London lebende Geschäftsmann mit seiner Prognose recht. Denn Chinas Aussicht für 2022 sieht düster aus: Nur etwas über 4 Prozent soll das BIP wachsen – ein Bruchteil vergangener Jahre. Doch die Befürchtung, dass Xi Jinping erneut ein sozialistisches Modell á la Mao Tse-tung aufbauen möchte, scheint wenig begründet.

Erst am Donnerstag stellte Ha Zengyou, Generaldirektor der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, unmissverständlich klar: Man müsse den Fehler vermeiden, künftig „faule Menschen heranzuziehen“, die sich auf der sozialen Hängematte des Wohlfahrtsstaats ausruhen könnten. Das klingt um einiges kapitalistischer, als sich die meisten europäischen Politiker ausdrücken würden.

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