Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Anzeige
WAZukunft

Software-Eliteschule „42 Wolfsburg" hält Einzug in Wolfsburg

Software-Eliteschule „42 Wolfsburg" hält Einzug in Wolfsburg Bildunterschrift anzeigen Bildunterschrift anzeigen

© MOERSCHY/PIXABAY.COM  

Mit der gemeinnützigen Software-Talentschmiede „42 Wolfsburg“ hält eines der modernsten und renommiertesten Bildungskonzepte, die es derzeit auf der Welt gibt, Einzug in Wolfsburg. Bereits im nächsten Jahr starten die ersten Studenten ihre Ausbildung an der Programmierschule. Im Interview mit dem Redakteur Steffen Schmidt erläutert der einstige Google-Manager und heutige Leiter und Rektor der Schule eines der spannendsten Projekte, das die Region derzeit zu bieten hat.

Dr. Max Senges, Leiter der "42 Wolfsburg"

Hallo Herr Dr. Senges. Erst vor wenigen Monaten wurde bekannt gegeben, dass Wolfsburg einen Ableger der Pariser „École 42“ bekommt. Schon im Mai nächsten Jahres sollen die ersten Studenten ihre Ausbildung beginnen. Wie ist der Stand der Dinge?

Software-Eliteschule „42 Wolfsburg
Dr. Max Senges. FOTO: PRIVAT 

Es geht schnell voran. Die Bewerbungsphase für den ersten Jahrgang Studierender ist vor Kurzem gestartet und die Resonanz ist hoch. Vor einigen Wochen haben wir die Website gelauncht. Seitdem hatten wir schon Tausende Besucher und mittlerweile über 100 Bewerber. Das erste Dutzend hat auch schon den Logiktest durchlaufen, mit dem wir testen, ob das Lernformat für die Kandidaten passend ist und ob Talent besteht.

Die „École 42“ und ihre Ableger genießen weltweit einen extrem guten Ruf, die Absolventen sind bei den Firmen ungemein gefragt. Was zeichnet das Konzept aus und wie unterscheidet es sich von der übrigen Bildungslandschaft?


Der offensichtlichste Unterschied ist sicherlich, dass es an der „42 Wolfsburg“ keine Professoren, keine Vorlesungen und keine staatlich anerkannten Abschlüsse gibt. Die Studenten bestimmen selbst, was und wann sie lernen. Es ist ein intensives projektbasiertes Studium. Mithilfe des Internets arbeiten sich die Studenten in Teamarbeit durch Projekte und Aufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Das Ergebnis ist, dass die Studenten lernen, wie im „richtigen Leben“ auf Probleme zuzugehen und diese als Herausforderungen zu begreifen. Wir bilden also Problemlöser aus. Es ist keine traditionelle akademische Ausbildung im Elfenbeinturm, in der die Studenten sich vorwiegend Theorie aneignen, sondern ganz praktisch motiviert – das ist ein Riesenunterschied. Deswegen gehören auch zwei Praxismodule zu unserem Studium. Dort gehen unsere Studenten direkt in die Unternehmen und bekommen dort einen erfahrenen Software-Entwickler als Mentor – ganz ähnlich dem klassischen dualen System und der Beziehung zwischen Meister und Lehrling. Die Studenten bauen durch diese Doppelstrategie sehr schnell und effektiv Wissen auf. Für die Unternehmen ist es eine strategische Chance, Talente aufzubauen. Es gibt das 42-Ausbildungsmodell ja bereits seit über sieben Jahren in Frankreich und mittlerweile in über 30 Orten international. Die Erfahrung aus diesen Ländern hat gezeigt, dass viele Studenten schon direkt nach dem Praktikum in die Unternehmen wechseln oder später beruflich dorthin zurückkehren.

Das Piscine, ein vierwöchiges Bootcamp, bei dem die Kandidaten metaphorisch ins kalte Wasser geworfen werden.

Lernen ohne Lehrer – das hört sich in der Tat ungewöhnlich an. Wie genau funktioniert das?

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Möbelstück bei Ikea, etwas Komplexeres. Gemeinsam mit Freunden wollen Sie es nun aufbauen. Sie kriegen eine Anleitung, probieren aus, suchen eigenständig nach Lösungen. Das ist ein viel natürlicheres Lernverständnis, in etwa so, wie Kinder Sprachen lernen – durch Ausprobieren und Experimentieren.

Sie haben die „42 Wolfsburg“ selbst schon mit Hogwarts, der Zauberschule aus den „Harry Potter“-Romanen beschrieben. Können Sie diesen Vergleich erläutern?

Hogwarts ist für die Schüler aus „Harry Potter“ das Zuhause. Sie leben dort. Ähnlich ist es bei uns. Unsere Schüler studieren nicht nur auf dem Campus, es ist auch ein Raum für Freundschaften und Hobbys. Die „42 Wolfsburg“ ist auch 24 Stunden, sieben Tage die Woche für die Studenten geöffnet. Mit der Markthalle haben wir dafür ein schönes Raumschiff mit Küche, Dusch- und Schlafräumen und viel Platz zum Lernen und Spielen. Ich könnte mir keinen schöneren Standort vorstellen. Perfekte Anbindung, direkt in der Innenstadt, helle Architektur, viel Raum für große Gedanken.

Für die Aufnahme an der „42 Wolfsburg“ braucht es keine Zeugnisse, Abschlüsse oder andere Nachweise. Wie läuft der Auswahlprozess stattdessen ab?

Zunächst einmal kann sich jeder bewerben – von 18 bis 80. Es geht uns nicht um Vorkenntnisse oder Zertifikate, sondern um das richtige Mindset und Talent, logisch zu denken und an Probleme heranzugehen. Der erste Test besteht deshalb aus einem Computerspiel, zu dem man über unsere Website gelangt. Da wird genau diese Eignung abgefragt. Denn die Regeln des Spiels werden vorher nicht erklärt. Die Bewerber müssen sich das Spiel selbst erschließen. Dabei geht es auch darum, nicht aufzugeben, hartnäckig zu sein. Diejenigen, die es gut gemacht haben, laden wir zu einem Kennenlerntermin ein, damit sie wissen, was auf sie zukommt. Danach folgen das sogenannte Piscine, ein vierwöchiges Bootcamp, bei dem die Kandidaten metaphorisch ins kalte Wasser geworfen werden. Hier kann man das 42-Studium „ausprobieren“. Die Teilnehmer können ohne Vorkenntnisse einsteigen und arbeiten sich durch immer anspruchsvollere Aufgaben durch. Dabei ist nicht nur entscheidend, wie gut man technisch abschneidet, sondern auch, wie gut mal sozial mit seinen Kommilitonen kooperiert hat. Viele Absolventen sagen, dass sie in diesen vier Wochen mehr lernen als in einem Jahr auf der Uni. Die Teilnehmer merken während der Piscines übrigens relativ schnell selbst, ob ihnen diese Art zu lernen liegt oder nicht. Die 42 ist nicht für jeden – aber die Talente mit großem Technik-Lern-Appetit, die zu uns finden, lieben die Freiheit des Ansatzes.

Aber haben dann Leute mit umfassenden Vorkenntnissen nicht doch bessere Chancen?

Natürlich kann das helfen. Aber jeder der Teilnehmer fängt das Curriculum bei null an. Es kann sein, dass es jemandem mit Vorwissen anfangs leichter fällt, aber es geht primär darum, sich auf den Lernprozess einzulassen. Zudem geht es nicht nur um die technische Umsetzung. Die Teilnehmer der Piscines bewerten gegenseitig ihre Teamfähigkeit und Sozialkompetenz, das fließt ebenso in die Auswahl darüber ein, wer angenommen wird und wer nicht. Die Selektion ist übrigens komplett meritokratisch. Sie passiert also ohne Zutun der Schulleitung rein auf Basis der Bewertung der Kommilitonen und der technischen Lösungen.

Software-Eliteschule „42 Wolfsburg
Freut sich auf die ersten Studenten: Der Leiter der „42 Wolfsburg“, Dr. Max Senges. FOTO: WAZ-ARCHIV/PRIVAT  

Neben der Sozialkompetenz legt die „42 Wolfsburg“ auch viel Wert auf das Thema Ethik. Warum sind diese Aspekte so wichtig?

Zum einen spielt der interdisziplinäre Austausch in der Software-Entwicklung eine große Rolle. Zum anderen geht es um Haltung und darum, Verantwortung zu tragen. Als Software-Entwickler gestaltet man die Zukunft. Ich habe in diesem Zusammenhang einen hippokratischen Eid für Technologen vorgeschlagen. Es geht darum, bei Technologie-Entwicklung immer gesellschaftliche Ziele und Kosten im Blick zu haben. Diese Verantwortung liegt immer auch bei den Entwicklern.

Volkswagen hat die Gründung der Schule mit viel Geld unterstützt. Nicht ganz uneigennützig, schließlich sucht der Konzern Tausende von IT-Experten. Wird die Software-Entwicklung für die Autoindustrie im Vordergrund stehen?

Wichtig ist zunächst: Unser Curriculum wird von allen 42-Schulen weltweit entwickelt und immer aktualisiert. Wir lehren die komplette Bandbreite der Software-Entwicklung. Und da wir einen Lerner-zentrierten Ansatz haben, entscheiden die Studenten selbstständig, in welche Richtung sie sich spezialisieren, wo sie ihr Praktikum machen oder wo sie später arbeiten. Aber: Wolfsburg bietet viel Expertise im Bereich Automotive. Das wollen wir natürlich nutzen, dementsprechend bieten sich spannende Aufgaben: Die Software im Auto selbst, Mobilitätsökosysteme, wie kommunizieren Autos untereinander, wie mit der Umgebung und der Verkehrsinfrastruktur? Das alles wird eine große Rolle spielen, genau wie die Themen Industrie 4.0 oder Cloud-Dienste. Generell hat aber jedes Unternehmen die Chance, Praktika für unsere Studenten anzubieten. Das Interesse ist bereits groß und stammt aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Aber die Praktika müssen natürlich attraktiv sein, wir wünschen uns da durchaus einen Wettbewerb um unsere Köpfe. Es gibt großes Potential, dass auch der lokale Mittelstand von der „42 Wolfsburg“ profitiert.

Was ist mit der lokalen Bildungslandschaft? Mit der Ostfalia oder der Fakultät 73 von Volkswagen gibt es schon interessante Akteure. Sind Kooperationen geplant?

Das Potenzial ist da. Bei der Entwicklung von neuen Lerninhalten gibt es beispielsweise Gedanken zum Austausch zwischen den Bildungsinstitutionen. STE