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Samtgemeinde Boldecker Land

Viel mehr als auf den Spuren von Robin Hood

Meike Lietz-Butzer lehrt in Barwedel den Bau traditioneller Langbögen

Viel mehr als auf den Spuren von Robin Hood

Meike Lietz-Butzer bewahrt nicht nur in der Ausübung des Tischler- und Drechslerhandwerks alte Handwerkstechniken. Beim Bau von traditionellen Langbögen ist es ganz entscheidend, das Materials Holz genau zu kennen, den Faserverlauf zu beachten und dadurch neben der Funktion auch die natürliche Schönheit des Material hervorzuheben. Pfeil und Bogen haben sich seit Jahrtausenden kaum verändert. Die Verwendung von natürlichen Materialien führt zu Arbeitstechniken und Bogenformen, wie sie schon seit der Jungsteinzeit von unseren Vorfahren verwendet wurden. Dieser Hintergrund wird den Kursteilnehmern während eines Wochenendkurses anhand vieler Beispiele vermittelt.Obwohl die Diplom-Designerin sich täglich mit Massivholzmöbeln und Kunsthandwerk aus edlen, heimischen Hölzern beschäftigt, war der Bau des ersten traditionellen Langbogens eine sehr intensive und neue Erfahrung. Durch sorgfältige Materialauswahl und genaue Beachtung aller Strukturen im Holz ist es möglich, einen leistungsfähigen Bogen herzustellen – auch ohne den Einsatz moderner Werkstoffe. Diese Erfahrung und die Freude am handwerklichen Arbeiten gibt sie schon seit 13 Jahren in ihren Kursen weiter. Sie wird dabei unterstützt von ihrem fränkischen Ehemann, der früher als Werklehrer tätig war.

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„Bogenschießen ist außerdem ein ideales Hobby für die ganze Familie.“

Alte Bögen neu entdeckt

Meike Lietz-Butzer bietet ihre eigenen, sehr individuellen Produkte auf vielen Kunsthandwerkermärkten in Norddeutschland an. Dabei werden durch die ausgestellten Bögen viele der späteren Kursteilnehmer auf die Möglichkeit, einen Bogen selbst zu bauen, aufmerksam. Die Beliebtheit des Bogensports wächst stetig. „Neben den Hightech-Geräten mit Visier und diverser Zusatzausstattung wird das Schießen mit den traditionellen Holzbögen dabei immer populärer. In unserer hochtechnisierten Welt beschäftigen sich immer mehr Menschen in ihrer Freizeit mit historischen Handwerkstechniken. Bogenschießen ist außerdem ein ideales Hobby für die ganze Familie“, weiß die Bogenbauerin. Einen Bogen selbst mit einfachsten Mittel herzustellen, hat eine andere Qualität, als einen industriell hergestellten im Laden zu kaufen. Manchmal fertigt Meike Lietz-Butzer auch Bögen maßgeschneidert, die meisten lassen sich jedoch von der Idee begeistern, es unter Anleitung selbst zu machen.

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Die Kunst des Bogenschießens: Die richtige Balance zu finden zwischen Anspannung und Entspannung. Die Kunst des Bogenbaus: Viel Fingerspitzengefühl und Augenmaß, aber auch Erfahrung. Die gibt Meike Lietz-Butzer an Interessierte weiter.

Viel Fingerspitzengefühl ist gefragt

Als Material werden heimische Hölzer wie Ulme, Esche und Robinie verwendet. Das Holz wird direkt vom Waldbesitzer gekauft und so schnell wie möglich in einzelne Rohlinge gespaltet. Diese werden sorgfältig rund vier Jahre lang getrocknet, bis sie verarbeitet werden können. Damit die maximal acht Kursteilnehmer Platz zum Arbeiten haben, werden die Werkstatträume am jeweiligen Wochenende umgeräumt. Alle Werkzeuge wie Ziehmesser, Hobel, Raspel und Feilen werden den Teilnehmern zur Verfügung gestellt. Übernachtungsmöglichkeiten bieten ein ausgebauter Zirkuswagen, ein Platz für Zelte und Wohnwagen auf dem Werkstattgelände und einige Gasthäuser in der Umgebung. Der Kursus beginnt mit einem kleinen Imbiss, da manche Teilnehmer einen sehr weiten Anfahrtsweg haben. Nach einem Rückblick in die historischen Zusammenhänge werden Bögen verschiedener Herkunft und Bauart verglichen und die verwendeten Werkstoffe vorgestellt. Danach suchen sich die Teilnehmer jeweils einen Rohling aus. „Oftmals ist es eine Bauchentscheidung, welcher Rohling aufgrund seiner Holzart oder besonderen Wuchsform ausgewählt wird“, erzählt die Kursleiterin.

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Jeder Teilnehmer zeichnet auf diesem Rohling seine Grundform auf. Dabei werden Körpergröße, gewünschtes Zuggewicht und die Auszugslänge der Arme berücksichtigt. Diese Form wird dann mit der Bandsäge grob ausgeschnitten. Am Samstag beginnt die Arbeit mit den verschiedenen Handwerkszeugen. Viele kleine Arbeitsschritte sind nötig, bis gegen Abend die ersten Pfeile fliegen können. Nach einem anstrengenden Tag klingt der Abend bei ofenfrischer Pizza aus dem Brotbackofen im geselligen Miteinander aus. Für den Sonntag steht das endgültige „Tillern“, also die letzte Feinabstimmung der Wurfarme und das Einschießen auf dem Programm. Nun können auch die genau zu dem Bogen und dem jeweiligen Schützen passenden Pfeile gebaut werden. Die erste Ölschicht wird noch aufgetragen, für die zwei folgenden bekommen alle ein Gläschen Leinölfirnis mit nach Hause.

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Stolz auf das Selbstgeschaffene

Die neuen Bogenbauer kommen aus allen Berufs- und Altersgruppen. Jugendliche und ältere Menschen, Männer und Frauen vereint die gemeinsame Freude am Geschaffenen. „Ein ganzes Wochenende lang sich so intensiv mit Holz zu beschäftigen und am Ende ein perfekt funktionierendes, formschönes, absolut individuelles Werkstück mit nach Hause zu nehmen, macht sehr stolz und sorgt dafür, dass die Kurse auch in Zukunft angenommen werden“, freut sich Meike Lietz-Butzer. Die Liebe zum Handwerk haben die beiden Barwedler auch an ihre Kinder weitergegeben. Der Sohn Jonathan ist selbstständiger Büchsenmachermeister in Franken. Die Tochter Anna-Mareike hat nach der Ausbildung zur Holzbildhauerin noch das Zimmererhandwerk erlernt. Die eigene Begeisterung und das durch viele Jahre Erfahrung erworbene Fachwissen weiterzugeben ist ein großes Anliegen der beiden Holzhandwerker. (jv)