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Samtgemeinde Boldecker Land

Freiwillige Retter im Wettlauf mit der Zeit

Beim Einsatz der Helfer vor Ort entscheiden Oft Sekunden über Leben und Tod

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Wer ihm zuhört, will helfen: Der HightechSpezialist engagiert sich ehrenamtlich als Lebensretter und wirbt um Mitstreiter.

Im Durchschnitt etwas mehr als acht Minuten benötigt in Deutschland ein Rettungswagen, bis er nach einem Notruf am Einsatzort eintrifft. Das ist schnell, verglichen mit anderen Ländern, die nicht über ein so dichtes Netz an Rettungskräften verfügen. Mitunter aber ist das nicht schnell genug. Besonders beim Herzinfarkt schafft es nur jeder Dritte lebend in die Klinik. Eine deutliche Verbesserung der Versorgungsdichte vor allem im ländlichen Raum ist nicht in Sicht. Ungleich schlimmer ist es in den USA, wo die Rettungswege erheblich länger sind. Deshalb entstand dort die Idee, mit sogenannten First Respondern, qualifizierten, ehrenamtlichen Schnelleinsatzkräften, rasche Erste Hilfe in der Nachbarschaft zu leisten.Jeder kann Helfer werdenDas Beispiel machte auch in Deutschland Schule. Axel Kowalewski aus Osloß lernte in seiner damaligen Heimat, dem Emsland, schon in den 90er Jahren eine der ersten Einsatzgruppen dieser Art in Deutschland kennen und verfolgte deren Entwicklung über die Jahre. Kein Wunder, denn der Hightech-Spezialist für Fahrzeugsicherheit widmet sich in seiner Freizeit seit vielen Jahren ehrenamtlich der Hilfe für seine Mitmenschen.

Samtgemeinde Boldecker Land

„Alles was zur Erstversorgung am Einsatzort wichtig sein kann, haben wir in Kursen und auf Lehrgängen gelernt.“

So engagiert er sich als DRK-Ausbildungsleiter in der Breitenausbildung, als Rettungsschwimmer und Rettungstaucher, als Ausbilder für Erste Hilfe, Sanitätsdienstausbilder und als Sanitäter der Schnell-Einsatz-Gruppe des DRK Gifhorn. Nur konsequent also, dass er im Landkreis Gifhorn für die Helfer-vor-Ort-Idee, die sich inzwischen schon in mehreren Bundesländern bewährte, warb. „Die Bedenken, auf die ich stoßen würde, wie zum Beispiel die Frage nach Befugnissen und notwendigen Sonderrechten am Einsatzort, kannte ich von Kollegen aus Bayern und der Pfalz. Nach vielen gründlichen Absprachen wurde ein zunächst auf zwei Jahre befristetes DRKPilotprojekt ‚Helfer vor Ort‘ im Boldecker Land genehmigt“, berichtet Axel Kowalewsi, der schließlich „Projektverantwortlicher First Responder“ wurde. Er leitet die Gruppe von Freiwilligen, die die Zeit zwischen der Alarmierung des Notarztes und Rettungswagens bis zu deren Eintreffen überbrückt, also das sogenannte „therapiefreie Intervall“, erklärt er. „Wir sind vor Ort, um die Vitalfunktionen des Notfallpatienten aufrechtzuerhalten – bis der Rettungsdienst da ist und übernimmt.“ Er und die inzwischen neun Helfer des First Responder-Teams sind keine Mediziner, aber allesamt Mitglied im DRK und sie haben für ihre neue Aufgabe eine zusätzliche Sanitätsausbildung absolviert.

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Viel Fingerspitzengefühl ist gefragt

Als Material werden heimische Hölzer wie Ulme, Esche und Robinie verwendet. Das Holz wird direkt vom Waldbesitzer gekauft und so schnell wie möglich in einzelne Rohlinge gespaltet. Diese werden sorgfältig rund vier Jahre lang getrocknet, bis sie verarbeitet werden können. Damit die maximal acht Kursteilnehmer Platz zum Arbeiten haben, werden die Werkstatträume am jeweiligen Wochenende umgeräumt. Alle Werkzeuge wie Ziehmesser, Hobel, Raspel und Feilen werden den Teilnehmern zur Verfügung gestellt. Übernachtungsmöglichkeiten bieten ein ausgebauter Zirkuswagen, ein Platz für Zelte und Wohnwagen auf dem Werkstattgelände und einige Gasthäuser in der Umgebung. Der Kursus beginnt mit einem kleinen Imbiss, da manche Teilnehmer einen sehr weiten Anfahrtsweg haben. Nach einem Rückblick in die historischen Zusammenhänge werden Bögen verschiedener Herkunft und Bauart verglichen und die verwendeten Werkstoffe vorgestellt. Danach suchen sich die Teilnehmer jeweils einen Rohling aus. „Oftmals ist es eine Bauchentscheidung, welcher Rohling aufgrund seiner Holzart oder besonderen Wuchsform ausgewählt wird“, erzählt die Kursleiterin.

Sie können also unter anderem einen Defibrillator bedienen, Sauerstoff geben, Blutdruck messen und Wunden versorgen. „Alles was zur Erstversorgung am Einsatzort wichtig sein kann, haben wir in Kursen und auf Lehrgängen gelernt“, sagt Axel Kowalewski. Ausgestattet für ihre Einsätze, für die sie sich an den Wochenenden von Freitag 18 Uhr bis Montag früh um 6 Uhr bereithalten, sind sie mit einem Einsatzfahrzeug, Digitalfunk, Notfallrucksäcken, einer Sauerstoffeinheit, einem Defibrillator und vielem mehr.

Erfolgreiche Bilanz nach drei Jahren

Längst hat sich die Anschaffung dieser kostspieligen Rettungstechnik bezahlt gemacht. In den mittlerweile drei Jahren sind die Helfer vor Ort zu weit über zweihundert Einsätzen ausgerückt und konnten durch Reanimationen mehrfach Menschenleben retten. Leider erfährt dieses ganz besondere ehrenamtliche Engagement für in Not geratene Menschen in der Öffentlichkeit kaum Beachtung. Auf die komme es ihm und seinem Team auch nicht an, räumt Axel Kowalewski ein, aber sie würden sich sehr freuen, „wenn sich für die neue Ausrüstung, die noch in diesem Jahr angeschafft wird, viele neue Helfer vor Ort fänden, die sie bedienen“, wünscht er sich. (jv)