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DIE LIGA DER EM-HELDINNEN

Darf's ein bisschen mehr sein? Frauenfußball - Freundschaftsspiel DFB-Auswahl vs. Frankreich

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Dauer-Jubel: Seit 2013 holt der VfL (hier Dominique Janssen) in jedem Jahr mindestens einen Titel.

Die Fußballerinnen erfolgreichsten des VfL Wolfsburg sind die des Landes. Jetzt hoffen sie auf einen Boom nach der EM. Dabei könnte der dem Verein durchaus gefährlich werden.

WOLFSBURG. Außenstehenden mag es wie ein banales Detail erscheinen, aber die Wichtigkeit ist nicht zu unterschätzen. Als Svenja Huth, Leistungsträgerin des VfL Wolfsburg und der deutschen Nationalmannschaft, nach der Europameisterschaft gefragt wurde, wie man den Hype rund um das Turnier nun nutzen könne, steuerte sie fast direkt auf den 7. Oktober zu. Dann nämlich steht ein Freundschaftsspiel der DFB-Auswahl in Dresden gegen Frankreich an. Um 20.30 Uhr. Live in der ARD. „Da spielen wir zur Primetime, das ist schon mal gut.“ Ihr Sport könne nämlich sehr wohl die Menschen erreichen „wenn er zur richtigen Zeit läuft“.

Den von Frauen gespielten Fußball sichtbar machen, vor allem im TV - das ist ein Dauerthema, auch vor dieser Saison, die am Freitagabend mit der Partie Eintracht Frankfurt gegen Bayern München beginnt. Die Frankfurter mit ihrem Macher Siggi Dietrich inszenieren dieses Eröffnungsspiel (19.15 Uhr, live auf Eurosport) als Event, mehr als 20.000 Fans werden im großen Stadion erwartet, wo normalerweise die Bundesliga-Männer der Eintracht spielen. Der bisherige Bundesliga-Rekord aus dem Jahr 2014, als der VfL am Elsterweg vor 12.500 Zuschauenden am letzten Spieltag durch ein 2:1 gegen Frank furt (damals noch 1. FFC) Meister wurde, wird fallen. Eine Woche später läuft die Wolfsburger Auswärtspartie bei 1899 Hoffenheim am Samstagabend um 18 Uhr live in der ARD, der Sender nutzt die Länderspiel-Pause der Männer und hat weitere Übertragungen dieser Art angekündigt. Wichtige Meilensteine für eine Liga, deren Spiele man in diversen Internetstreams oft suchen muss.

Euphorie, die sich bezahlt machen kann

Es tut sich was im deutschen Frauenfußball, mit Spannung wird der Ausgang der TV-Verhandlungen erwartet, bei denen demnächst entschieden wird, wo die Bundesliga-Partien ab 2023 zu sehen sind. Die Vereine hoffen auf verlässliche Anstoßzeiten, ein professionelles Berichterstattungsumfeld und damit eine dauerhafte Präsenz, die ihren Sport für Medien und Fans nachhaltig attraktiv macht. Die EM im Sommer, mit Top-Einschaltquoten und einer ebenso erfolgreichen wie sympathischen deutschen Mannschaft, sorgt immer noch für eine Euphorie, die sich jetzt bezahlt machen kann.

Eine Euphorie, die viel mit Wolfsburg zu tun hat, die DFB-Auswahl war und ist der „VfL Deutschland“, hat zehn Spielerinnen des Doublesiegers im Kader - darunter Top-Stars wie Alexandra Popp und Lena Oberdorf. Letztere freute sich nach dem Turnier über 200.000 neue Follower auf Instagram und stellte erstaunt fest: „Neulich wurde ich sogar an der Ampel angesprochen.“ Kapitänin Popp berichtete von steigenden Sponsoring-Anfragen und Abstürzen ihrer Instagram-App, die wegen eines ausufernden Nachrichten-Eingangs den Geist aufgab. „Es waren einfach zu viele.“

Zusammen mit dem FC Bayern ist der VfL seit einem Jahrzehnt in Deutschland führend und in sportlicher Qualität und Infrastruktur der Konkurrenz zum Teil weit voraus. Dieser Vorsprung allerdings könnte kleiner werden, wenn die anderen Vereine den EM-Schwung nutzen. Darf’s ein bisschen mehr sein? Das fragt man sich an allen Frauenfußball-Standorten des Landes, die ersten Antworten wurden gefunden. In Frankfurt wird seit der Fusion von FFC und Eintracht daran gebastelt, den Anschluss herzustellen, Hoffenheim zieht für das zweite Saisonspiel gegen den VfL erstmals ins große Stadion um, Leverkusen stellt sich mit dem Aufstieg des Ex-Trainers Achim Feifel und der Verpflichtung des niederländischen Coaches Robert de Pauw in der sportlichen Führung breiter auf. Werder hat ein Spiel der Frauen im Bremer Weserstadion angekündigt. Und Zweitligist RB Leipzig gilt als Aufstiegskandidat mit mittelfristigen Spitzenklub-Ambitionen.

Der Nach-EM-Boom kann dem VfL auf Sicht also durchaus gefährlich werden. „Wenn die Konkurrenz größer wird, ist das natürlich eine Herausforderung“, sagt Ralf Kellermann, sportlicher Leiter des VfL. „Aber es ist ja auch schon jetzt nicht so, dass wir konkurrenzlos werden. Frankfurt wird die Lücke weiter schließen können, Leverkusen setzt Signale, Hoffenheim ist etabliert.“

Die beiden Top-Klubs haben durch Nationalmannschaftsabstellungen und Champions League quasi eine Vierfachbelastung, die Saison liegt zudem zwischen EM und WM. Kellermann sagt: „Die Spielerinnen sind mental durchaus belastet, Verletzungen muss man ohnehin immer einkalkulieren“, von daher könne es schon sein, „dass es diesmal in der Tabelle enger wird“.

An den Zielen ändert das nichts. Seit 2013 holte der VfL in jeder Saison mindestens einen Titel, auch diesmal werden Meisterschaft und Pokalsieg wieder angestrebt. Kellermann: „Ich freue mich, wenn es in der Liga spannender zugeht. Aber was wir hier in Wolfsburg jahrelang an Infrastruktur und Knowhow aufgebaut haben, lässt sich anderswo auch nicht so einfach aufholen. Von daher gehen wir sehr zuversichtlich in die Saison.“

Neuverpflichtungen machen den VfL-Kader besser

Zwei Nationalspielerinnen, die jetzt für den VfL auflaufen: Merle Frohms (I.) und Jule Brand.

Mit Almuth Schult (Angel City) und Anna Blässe (Grasshopper Club Zürich) verließen zwei langjährige Identifikationsfiguren die Niedersächsinnen. Schult war neun Jahre in Wolfsburg, Blässe stolze 15. Außerdem verabschiedeten sich Lotta Cordes (Köln), Joelle Smits (PSV Eindhoven) und Turid Knaak (Karriereende). Der Doublegewinner holte im Gegenzug mit Torfrau Merle Frohms (Frankfurt), Jule Brand (Hoffenheim) und Marina Hegering (Bayern) drei deutsche Nationalspielerinnen, auch Kristin Demann (Bayern) und Sara Agrez (Potsdam) machen den Kader in der Breite deutlich stärker. International wird derweil das Transfergeschäft auch für einen Verein wie den VfL immer schwieriger. Der FC Barcelona holte am letzten Transfertag in Spanien Mittelfeldspielerin Keira Walsh von Manchester City für 450.000 Euro und stellte einen neuen Transferrekord im Frauenfußball auf. Der FC Chelsea scheiterte mit einem Gebot von rund 500.000 Euro für Paris Saint Germains Grace Geyoro.

Beim VfL dagegen sind sechsstellige Transferausgaben immer noch eine Ausnahme, die teuersten Spielerinnen (Jill Roord, Lena Oberdorf) lagen im Bereich von 100.000 bis 120.000 Euro.

Dass der VfL bei den in England, Spanien und anderswo steigenden Zahlen langfristig nicht mithalten kann, daraus machte Kellermann nie ein Geheimnis. „Wenn wir weniger zahlen können, müssen wir in anderen Bereichen besser sein“, sagt er – dazu gehören Professionalisierung der Nachwuchs-Arbeit, intensives Scouting und sich stetig verbessernde Rahmenbedingungen für die Spielerinnen in Wolfsburg. Und wenn es darum geht, Spielerinnen einen Wechsel nach Wolfsburg schmackhaft zu machen, hat der VfL sowieso immer ein Argument mehr: Nirgendwo sonst ist die Wahrscheinlichkeit so groß, Titel zu holen. Und das gilt auch für diese Nach-EM-Saison. ANDREAS PAHLMANN UND JASMINA SCHWEIMLER