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AUTOKINO

Vorne die Leinwand, oben die Sterne

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Foto: Nancy Heusel

Vom Hype zum Kult: Die Geschichte des Autokinos begann 1933 in den USA

Die Dämmerung setzt ein, man lehnt sich im Fahrersitz zurück, greift sich wahlweise Popcorn, Sitznachbarin oder beides und dann Film ab! Was man vor allem aus Filmen der 1950er- und 1960er-Jahre kennt, ist bis heute immer noch Kult: das Autokino. Vor fast 90 Jahren wurde das erste seiner Art in den USA eröffnet. Die Geschichten von Auto und Kino sind eng miteinander verschlungen. Beide Erfindungen waren absolute Revolutionen und wurden Anfang des 20. Jahrhunderts zu Massenattraktionen. Klar, dass diese Technologien alsbald zusammenfanden.

Erfinder des Filmeguckens hinter dem Lenkrad war - natürlich ein US-Amerikaner. Filmenthusiast Richard M. Hollingshead experimentierte nämlich in den 1930er-Jahren mit Laken, Projektoren und Tonqualität, bis er im Juni 1933 das erste Autokino der Welt mit etwa 400 Plätzen eröffnete und das heute längst vergessene US-Filmdrama „Wife Beware" präsentierte. Zwar musste der Tüftler bald wieder schließen, weil die Autokino-Nachbarn als unfreiwillige Zaungäste den von großen Lautsprechern äußerst unüberhörbar übertragenen Filmton bald auswendig mitsprechen konnten. Die Kino-Idee allerdings entwickelte sich in den USA weiter. In den Glanzzeiten der etwa 3000 US-Autokinos kam übrigens der Ton aus kleinen Lautsprechern, die ins Autofenster gehängt wurden.

Vor allem Familien schätzten das Autokino wegen seiner günstigen Eintrittspreise, und weil die Betreiber auf dem Gelände Imbissstände und Spielplätze errichteten. Das Autokino wurde zu einem beliebten Ausflugsziel am Wochenende. Auch junge Liebespärchen, die bevorzugt in der letzten Wagenreihe - der sogenannten „love lane" parkten, genossen die Privatsphäre des eigenen Autos. Genau das war und ist einer der großen Vorteile des Autokinos: Die Besucher können den Film in einem privaten Raum erleben - vor ihnen die Leinwand und über ihnen die Sterne. Wer möchte, kann das Kinoprogramm aber auch genauso gut auf dem Dach oder der Motorhaube genießen, niemand ist gezwungen, während des Films im Auto sitzen zu bleiben.

In Europa setzte sich das Autokino zunächst noch nicht durch, vom US-amerikanischen Autokult war wenig zu spüren. Erst Anfang der 1970er-Jahre eröffneten die ersten Autokinos in Deutschland und schon Ende der 1970er-Jahre soll es immerhin bis zu 40 Autokinos in Deutschland gegeben haben - wobei gemunkelt wird, dass die überwiegende Zahl der automobilen Gäste (auch!) Filmfreunde waren. Das legendäre Autokino Kirchhorst vor den Toren Burgdorfs erlebte in den 70er-Jahren seine größten Erfolge: Viele Liebespaare aus Hannover und aus der ganzen Region kamen sich hier in ihren Autos vor der flimmernden Leinwand näher. Sogar aus benachbarten Bundesländern kamen motorisierte Cineasten nach Kirchhorst, um Kino zu gucken oder die Sportwagen und Oldtimer, die den Platz am Kirchhorster See zu einem Autosalon machten, anzuschauen. Schon von der Straße aus war die riesige Leinwand zu sehen, selbst beim Baden thronte das weiße Markenzeichen über den Schwimmern und Sonnenanbetern. Die Technik war zeitgemäß: Gehalten wurde an einer der Säulen, die Fensterscheibe wurde runtergekurbelt und der krächzende Lautsprecher ins Wageninnere geholt. Erdnussflips, Schoko-Crossies und Bluna brachten sich die Zuschauer von zu Hause mit. 1992 fiel dennoch der letzte Vorhang.

Das spätere Autokino-Sterben überlebten in den USA bis heute gerade mal etwa zehn Prozent der damaligen Spielstätten. Auch in Deutschland gibt es nur noch wenige Autokinos, in denen der Filmton übrigens längst per UKW ins Autoradio übertragen wird. In den vergangenen zwei Jahren kamen bedingt durch die Corona-Pandemie allerdings wieder einige hinzu - und in Gifhorn zieht dank des AZ-Autokinos immerhin für ein Wochenende nostalgisches Autokino-Flair in die Stadt ein.