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Ausbildung 2022

Ausbildungsmarkt: Chancen trotz Krise gut

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Hester Hansen, Abteilungsleiterin Nachwuchswerbung und Ausbildungsberatung bei der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade. Foto: Agentur für Arbeit

Im Bezirk der Agentur für Arbeit Helmstedt, zu dem auch Wolfsburg und Gifhorn gehören, meldeten sich vom 1. Oktober 2020 bis 30. September 2021 1.904 Jugendliche bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit. Dies entsprach 253 (11,7 Prozent) weniger als im vorherigen Berufsberatungsjahr. Neben der demografischen Entwicklung war hier auch der erneute Lockdown zu Beginn des Berufsberatungsjahres ursächlich. 90 Bewerberinnen und Bewerber galten mit Stand 30. September noch als unversorgt und damit vier Personen oder 4,3 Prozent weniger als im Vorjahr.Gleichzeitig sank auch die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen: Das ist einerseits auf wirtschaftliche Unsicherheiten im Zuge der Coronakrise zurückzuführen, andererseits dürften sich auch die aktuellen Transformationsprozesse niederschlagen. Insgesamt 2.609 Ausbildungsplätze wurden von ausbildenden Unternehmen und Institutionen bei der Arbeitsagentur und den angeschlossenen Jobcentern gemeldet, das waren 275 (9,5 Prozent) weniger als im September 2020. 236 dieser Ausbildungsplätze waren mit Stand 30.09. unbesetzt. Das waren 7 oder 3,1 Prozent mehr als im Vorjahresvergleich.

Bilanz zum Ausbildungsjahr 2021 – „Es ist auch jetzt noch nicht zu spät“

„Zu Beginn des Berufsberatungsjahres konnten wir aufgrund des Lockdowns Berufsorientierungs- und Beratungsgespräche nicht in der gewohnten Form anbieten. Wir haben unsere digitalen Wege der Berufsberatung stark ausgebaut. Das hat geholfen, um via Videotelefonie, Telefon oder Online-Kanälen mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Mit den Lockerungen hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt etwas aufgehellt. Wir konnten wieder Beratungsgespräche an Schulen und in den Arbeitsagenturen anbieten. Auch Ausbildungssuchende und Betriebe konnten durch die Öffnungsschritte wieder zusammenkommen. Insgesamt haben sich im Laufe des Beratungsjahres allerdings viel weniger Ausbildungssuchende bei uns gemeldet als das üblich ist,“ fasst Ulf Steinmann, Leiter der Agentur für Arbeit Helmstedt, die Situation zusammen und betont: „Junge Menschen haben trotz der Auswirkungen der Pandemie sehr gute Chancen, den Einstieg ins Berufsleben über eine Ausbildung zu finden. Wir haben noch über 200 unbesetzte Ausbildungsplätze in unserem Bezirk. Das bietet für die Vermittlung von Bewerbern und Bewerberinnen im Nachvermittlungszeitraum bis in den Januar hinein eine gute Grundlage. Wir möchten jungen Menschen, die auch nach dem offiziellen Ausbildungsbeginn noch nichts gefunden haben, unbedingt Mut machen. Es ist auch jetzt noch nicht zu spät für den Ausbildungsstart!“

Auch Vertreter der Handwerkskammer und der Industrie- und Handelskammer betonen, dass es auch jetzt noch Möglichkeiten für junge Menschen gibt, einen Ausbildungsplatz zu bekommen: „Die Betriebe im Handwerk bilden auch während der Coronapandemie mit großem Engagement aus, das zeigen unsere Zahlen“, sagt Hester Hansen, Abteilungsleiterin Nachwuchswerbung und Ausbildungsberatung bei der Handwerkskammer BraunschweigLüneburg-Stade. Im gesamten Kammerbezirk seien Ende September 4.313 neue Ausbildungsverträge zu verzeichnen gewesen, rund vier Prozent mehr als im Vorjahr. „In der Region Braunschweig liegen wir mit 1.408 neuen Ausbildungsverträgen sogar siebeneinhalb Prozent über dem Vorjahr“, so Hansen. Dazu beigetragen habe sicherlich der „Sommer der Berufsbildung“, mit dem auch die Handwerksorganisationen als Partner der Allianz für Aus- und Weiterbildung bei jungen Menschen und Betrieben für die duale Ausbildung geworben haben. „Die Berufsoptionen sind derzeit im Handwerk so gut wie kaum jemals zuvor. Denn der Nachwuchs wird in unseren Betrieben dringend gebraucht, um die wichtigen Zukunftsaufgaben umzusetzen wie die Erreichung der Klimaziele oder die Elektromobilität. Außerdem bietet das Handwerk eine hohe Arbeitsplatzsicherheit und Karrieren mit Perspektive. Das bestätigt auch die OECD in ihrem aktuellen Bildungsbericht. Eine Ausbildung im Handwerk ist also auch jetzt noch eine gute Wahl, denn ihr Beginn ist jederzeit möglich.“ Aber auch nach dem „Sommer der Berufsbildung“ müsse der Ausbildungsmarkt weiter stabilisiert werden, damit sich die Folgen der Pandemie nicht langfristig auf die Zahl der Ausbildungsverträge auswirken. „Um die berufliche Bildung zu stärken, gilt es, die Berufsorientierung systematisch auszubauen, allgemeinbildende Schulen besser mit Handwerkskammern und Innungen zu vernetzen, Schulabsolventen und Auszubildende zu fördern sowie die Ausbildungsbetriebe zu unterstützen“, sagt Hansen.

Auch Sönke Feldhusen, Ausbildungsexperte und stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW), hält es für entscheidend, Berufsorientierungsangebote und das Angebot von Praktika auszubauen und die Attraktivität der beruflichen Ausbildung noch mehr ins Rampenlicht zu stellen: „Viele Betriebe investieren heute mehr denn je in attraktive Ausbildungsangebote und Arbeitsbedingungen. Dazu zählen neben angemessenen Löhnen eine wertschätzende Unternehmenskultur, Benefits und Sozialleistungen für Mitarbeitende und klare Perspektiven für Karriere und Fortbildung“, sagt Feldhusen. „Mit Blick auf den sich wieder verschärfenden Fachkräftemangel bedeutet jeder Ausbildungsvertrag eine große Chance. Das gilt für Unternehmen, die Fachkräfte früh und langfristig an sich binden können. Und das gilt für junge Menschen, die sich dicht an der Praxis und auf hohem Niveau qualifizieren wollen.“

Ausbildungsbetrieben rät Feldhusen, möglichst früh den Kontakt zu potenziellen Auszubildenden zu suchen: „Unsere IHKLW bietet dafür eine Reihe von Angeboten an der Schnittstelle von Schule und Wirtschaft – von Ausbildungsbotschaftern, die wir in die Schulen schicken, Karrierebotschaftern, die Eltern über Karrierewege der Ausbildung informieren, bis hin zur Online-Ausbildungskampagne Moin Future. Gerade in den besonders betroffenen Branchen wird es aber auch wichtig, neue Zielgruppen zu adressieren – Menschen mit Migrationshintergrund und ausländische Fachkräfte, die es zu rekrutieren, zu qualifizieren und zu binden gilt. Dabei helfen Instrumente wie Teilqualifikationen oder eine Verlängerung von Ausbildungen durch Teilzeitgestaltung mit begleitendem Sprach- und Förderunterricht.“ Zum 30. September verzeichnet die IHKLW im gesamten Bezirk 3.534 neue Ausbildungsverträge in IHK-Berufen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein leichtes Minus von 0,9 Prozent. In Wolfsburg sind es 721 neue Ausbildungsverträge – 7,4 Prozent weniger als im Vorjahr. In Gifhorn ergibt sich im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 8,7 Prozent, insgesamt wurden dort in IHK-Berufen 327 Verträge neu abgeschlossen.

„Viele unserer Unternehmen haben in den vergangenen eineinhalb Jahren einen Umgang mit der Coronapandemie und ihren Auswirkungen auf die Berufsausbildung gefunden. Dennoch bleibt oftmals die Herausforderung bestehen, mit jungen Menschen in Kontakt zu treten und sie für eine duale Ausbildung zu begeistern“, sagt Dr. Kirsten Anna van Elten, Abteilungsleiterin Ausbildung bei der IHK Braunschweig. Es sei wichtig, Jugendlichen die Vorteile einer Ausbildung aufzuzeigen. „Gemeinsam mit den weiteren IHKn in Niedersachsen und der Handwerkskammer BraunschweigLüneburg-Stade bieten wir mit der Kampagne Moin Future, eine Möglichkeit dazu“, so van Elten weiter. „Auch wenn es, im Vergleich zu früheren Jahren, für Unternehmen einer größeren Anstrengung bedarf, Jugendliche für eine Ausbildung zu gewinnen, zahlt sich das Engagement aus. Dies zeigen auch unsere Eintragungszahlen: im Bezirk Helmstedt verzeichnen wir zum Stichtag 30. September 2021 lediglich sechs Verträge weniger als im Vorjahr. Für unseren gesamten Kammerbezirk können wir mit 2.267 Neueintragungen sogar ein Plus von 1,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen. Das sind nach wie vor nicht die Zahlen, die ohne Corona möglicherweise hätten erreicht werden können, aber sie stimmen positiv“, bemerkt van Elten abschließend.