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25 Jahre Bundesliga

Nur einer war immer dabei

Nur einer war immer dabei

Spieler, Trainer und Manager kamen und gingen, er blieb immer da: Physiotherapeut Manfred Kroß, den alle nur "Manni" rufen, ist der Einzige aus Team und Staff, der alle 25 Bundesliga-Jahre des VfL Wolfsburg mitgemacht hat. Und er hat viel zu erzählen.

WOLFSBURG. 25 Jahre Fußball-Bundesliga stehen jetzt auf dem Konto des VfL. Einer war immer dabei-und ist noch länger bei den Niedersachsen als der Verein im Oberhaus: Manfred Kroß. Der Physiotherapeut arbeitet seit 1996 ununterbrochen für den Klub aus der VW-Stadt - so lange wie kein anderer. Von Roy Präger über Edin Dzeko bis hin zu Maximilian Arnold hat Kroß schon sehr viele Profis geknetet und sie nach Verletzungen wieder fit gemacht. Da war auch der eine oder andere besondere Einsatz für den heute 54-Jährigen dabei- und Spieler, die besonders gem zu Kroß kamen.

In seiner Zeit beim VfL hat der Physiotherapeut beinahe alles erlebt, was man im Fußballgeschäft erleben kann: Aufstieg in die Bundesliga 1997, Gewinn der Meisterschaft 2009, DFB-Pokal-Sieg 2015, zwei Abstiegsrelegationen (2017 und 2018) sowie zahlreiche Europapokal-Teilnahmen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange bleibe", sagt Kroß ehrlich, der ursprünglich aus dem beschaulichen Aurich in Ostfriesland stammt und durch seinen Sport in die Region gekommen ist. Ich habe Wasserball gespielt, unter anderem in Braunschweig in der Bundesliga", erzählt das VfL-Urgestein.

Hauptberuflich war Kroß in der Nachbarstadt in einem ambulanten Rehazentrum tätig, bei dem unter anderem einige Wolfsburger Zweitliga-Profis zur Behandlung waren als plötzlich die Anfrage des VfL kam. Peter Pander hat mich gefragt, ob ich beim VfL als Physiotherapeut arbeiten möchte - mit dem klaren Hinweis, dass die Beschäftigung nur für die 2. Liga gilt." Gemeint war damit aber nicht, dass der Verein Kroß nicht mit in die Bundesliga nehmen würde. An einen Aufstieg war zu dem Zeitpunkt gar nicht zu denken. Peter Pander hatte vielmehr befürchtet, dass wir absteigen könnten." Doch es kam bekanntermaßen anders - statt nach unten, ging es für den VfL in Kroß' erster Wolfsburg-Saison eine Liga rauf.

Drei Stunden Schlaf auf der Massagebank

Kroß ging mit hoch, bekam vom Verein nach guter Arbeit in seiner Debüt-Saison weiter das Vertrauen. Doch die Belastung war für den Anfang 30-Jährigen damals enorm. „Es kam oft vor", berichtet der Physiotherapeut, dass ich nachts von einem Spiel zurückkam, am Elsterweg drei Stunden auf der Massagebank geschlafen und dann weitergearbeitet habe." Schließlich war Kroß damals der einzige Physio in den Reihen des Aufsteigers, dazu gab es einen Arzt - ganz anders als heute. Die Arbeitsintensität war damals eine ganz andere. Inzwischen sind wir vier Therapeuten, ein Osteopath, ein Chiropraktor und dazu noch zwei Mannschaftsärzte." Auch seine Arbeit habe sich über all die Jahre verändert. Kroß: ,,Heutzutage gehen die Spieler anders mit ihrem Körper um. Damals wurde eher mal eine Party gemacht und es gab deutlich mehr Raucher. Jetzt wird zum Beispiel viel mehr auf die Ernährung geachtet."

Was aber gleichgeblieben ist: der Wunsch nach Behandlung und Pflege. Ob mit Elektrotherapie, Stoßwellen oder Massagen Kroß beherrscht alles. Ganz zum Wohl der Profis. Einige Spieler waren in der 25-jährigen Bundesliga-Geschichte des VfL regelmäßig bei ihm auf der Massagebank, andere wiederum gar nicht. Einer, der nicht genug von Kroß' Behandlungen bekommen konnte, war Aufstiegsheld Präger. „Wir haben auch heute noch ein gutes Verhältnis", sagt der Physio. Timm Klose kam auch gern, Edin Dzeko auch oder Mario Mandzukic. Die Jungs waren nicht besonders pflegebedürftig, aber man hatte eine Bindung zueinander."

Beim Spieler-Zoff flog die Brille von der Nase

Kroß erlebte in 26 Jahren viele schöne Dinge mit dem VfL - aber auch weniger schöne. Richtig Zoff hatte er in der ganzen Zeit mit niemandem, aber er war mal in einen verwickelt, wie er erzählt. ,,In einem Fahrstuhl sind zwei Spieler aneinandergeraten", so Kroß ohne die Namen nennen zu wollen. ,,Ich habe versucht, beide auseinanderzuhalten. Da hat mir einer im Affekt die Brille von der Nase geschlagen." Inzwischen kann der Therapeut darüber lachen, nachtragend ist er nicht. Und auch nicht böse, dass er nachts einmal aus dem Schlaf gerissen wurde. „Ein Spieler saß nach einer Zahn-OP in der Notaufnahme, weil er eine starke Blutung hatte", berichtet Kroß, den alle nur „Manni" nennen. Der Notarzt wollte ihm ein Medikament spritzen, das auf der Dopingliste stand. Dann musste ich in der Nacht mit dem Arzt eine Diskussion führen, dass er das Medikament nicht verabreichen soll."

Es ist also ein ziemlich zeitintensiver Job, den Kroß nun schon so viele Jahre ausübt. „Teilweise verbringe ich mit dem VfL mehr Zeit als mit meiner Frau", sagt der 54-Jährige schmunzelnd. Doch das ist (meist) kein Problem. „Natürlich findet sie es schade, wenn Feierlichkeiten anstehen, bei denen ich nicht dabei sein kann, aber wir schauen immer, dass wir die Zeit, die wir zusammen haben, intensiv nutzen." So wie jüngst, als Kroß mit seiner Ehefrau Kathrin den Urlaub in Kroatien verbrachte. Ab wann mehr Zeit für die Liebsten bleibt, kann Kroß noch nicht sagen. „Bis zur Rente habe ich noch ein paar Jahre", betont er und lacht. ,,Wie lange ich den Job noch mache, weiß ich noch nicht. Das hängt ja auch immer von der Gesundheit und der Belastbarkeit ab. Aber noch sehe ich kein Ende." MARCEL WESTERMANN