Alex Feuerherdt erklärt den Rückzug

„Collinas Erben“ löschen Twitter-Account: „Irgendwann kocht einem das die Birne weich“

Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich verteidigte die Experten von „Collinas Erben“.

Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich verteidigte die Experten von „Collinas Erben“.

Für Fußball-Twitter war es ein Paukenschlag: Am Sonntag löschten die Schiedsrichterexperten von „Collinas Erben“ ihren Account, nachdem sie massiv kritisiert und beleidigt worden waren. Mitbegründer Alex Feuerherdt sprach von mehr als 200 Hassnachrichten.

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Grund für den Ärger war ein Handspiel in der Bundesliga-Partie zwischen Hertha BSC Berlin und Bayer Leverkusen (2:2). Einem Leverkusener Verteidiger wurde kurz vor Schluss im Strafraum an den Arm geschossen – der Ball wäre sonst im Tor gelandet. Der Schiedsrichter ließ weiterspielen, es gab keinen Elfmeter. Auf Twitter verteidigten „Collinas Erben“ die Entscheidung der Referees: „Arm hängt normal herab, ist nicht weit vom Körper entfernt und nicht unter Spannung, wird sogar ein Stück nach hinten gehalten. Keine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche, keine Bewegung zum Ball, keine Absicht.“

Seit 2012 ordneten Feuerherdt und Klaas Reese auf Twitter strittige Schiedsrichterentscheidungen in der Bundesliga ein. Ihr Account hatte zuletzt mehr als 50.000 Follower. Nach der Löschung sprang ihnen Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich mit einem Tweet zur Seite:

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Im Interview mit dem RND spricht Alex Feuerherdt über die strittige Szene, die Gründe des Rückzugs und wie sich das gesellschaftliche Klima auf das Schiedsrichterwesen in Deutschland auswirkt.

Herr Feuerherdt, am Sonntag haben Sie den Twitter-Account von „Collinas Erben“ gelöscht. Wie schauen Sie auf den Tag zurück?

Es war sehr unangenehm. Die schiere Wucht der Kommentare ging darüber hinaus, was wir sowieso schon Woche für Woche abbekommen. Ich würde es als klassischen Shitstorm bezeichnen. Und da war es schon aus Gründen von Selfcare wichtig, sich aus diesem manchmal sehr toxischen Medium Twitter rauszuziehen.

Was waren das für Nachrichten und Kommentare, die Sie bekommen haben?

Zum einen handfeste Beleidigungen: Löscht euch, euch braucht kein Mensch, ihr kriecht dem DFB in den Hintern. Zum anderen wurde uns grundsätzlich die Kompetenz abgesprochen. Die Wucht entfaltete sich durch die Masse: Wenn Sie zum 150. oder 200. Mal gelesen haben, dass Sie ein Bastard oder Hurensohn sind, der keine Ahnung hat – dann kocht einem das irgendwann die Birne weich.

Wie häufig haben Sie sich die fragliche Handspielszene noch mal angeschaut?

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Ich habe sie mir diverse Male angesehen – auch in der Realgeschwindigkeit, um zu schauen, welche Reaktionszeit der Spieler hatte, welche Entfernung zum Ball. Das nützt oft mehr als Zeitlupen oder Standbilder, die uns massenhaft zugeschickt wurden, nach dem Motto: Guckt euch das Standbild an, da ist der Arm des Verteidigers richtig weit draußen.

Hat sich Ihre Meinung geändert?

Es kommt ein Schuss aufs Tor, der wird abgewehrt, dann setzt der Stürmer zum Nachschuss an, der Verteidiger dreht sich um und sieht den Ball aus zwei Metern auf sich zufliegen – natürlich hat er den Arm nicht wirklich bewusst in Flugrichtung des Balles gebracht. Was aber auch stimmt: Der Arm ist nicht so eng am Körper angelegt, wie ich das ursprünglich wahrgenommen hab. Man kann darüber diskutieren. Ich bin aber immer noch der Meinung: kein Elfmeter. Nicht klar Nein, aber eher Nein.

Wenn wir eine Entscheidung erklären, heißt das nicht automatisch, dass wir uns dahinter stellen.

Schiedsrichterexperte Alex Feuerherdt

Haben Sie schon beim Bewerten der Szene mit so viel Widerspruch gerechnet?

Was eine Katalysatorfunktion hatte: Der Ball wäre sonst ins Tor gegangen. Es wäre das 3:2 für Hertha gewesen, der potenzielle Siegtreffer. Wenn das Ding irgendwo an der Außenlinie passiert wäre, wäre es nicht so schlimm gewesen. Das habe ich in dem Moment nicht vorhergesehen. Als die Hassnachrichten nach ein paar Stunden nicht abrissen, habe ich gedacht: Kann jetzt nicht mal gut sein?

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Wann haben Sie beschlossen, den Account zu löschen?

Irgendwann nach Mitternacht, als es nicht mehr still wurde. Es war aber kein Entschluss, der aus einer schlechten Laune heraus entstanden ist. Es hat sich einfach im Laufe der Zeit summiert – besonders in dieser Saison hat sich die Heftigkeit der Kommentare gesteigert. Das musste jetzt einfach auch mal Konsequenzen haben.

Woran liegt das?

Vielleicht, weil die Leute wahrnehmen, dass es in der Liga immer mehr strittige Schiedsrichterentscheidungen gibt. Je mehr strittige Entscheidungen, desto mehr bekommen wir zu tun. Und desto mehr Reaktionen bekommen wir ab, auch der unangenehmen Art. Neu war die Quantität und Intensität. Beides mag auch gestiegen sein, weil unser Account zuletzt immer mehr Follower bekommen hatte.

Wenn man sich einige der gegen Sie gerichteten Tweets anschaut, bekommt man den Eindruck, dass einige Nutzer Sie als „Verteidiger der Schiedsrichter“ wahrnehmen.

Da widerspreche ich klar: Erklären heißt nicht rechtfertigen. Wenn wir versuchen, eine Entscheidung zu erklären, heißt das nicht automatisch, dass wir uns dahinter stellen. Wir haben häufig eine andere Position zu Schiedsrichterentscheidungen als ein Fußballfan, der mit seinem Verein mitfiebert – und der nicht so bereit ist, sich darauf einzulassen, dass der Schiedsrichter im Recht sein könnte.

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Wie sehen Sie Ihre Rolle als Schiedsrichteranalyst denn selbst?

Wir wollen in erster Linie mehr Verständnis wecken. Einmal für das Regelwerk: Warum sind bestimmte Regeln so und nicht anders, wie werden sie in die Praxis umgesetzt – warum haben Schiedsrichter so entschieden? Uns geht es darum, um Verständnis zu werben für das Amt des Schiedsrichters, das alles andere als einfach ist. Wir versuchen Empathie für die Unparteiischen zu wecken.

Die Zahl der Schiedsrichter ist dramatisch gesunken in den letzten Jahren.

Alex Feuerherdt

Fühlen Sie mit den Schiedsrichtern mit?

Ich selbst habe einen langjährigen Schiedsrichterhintergrund und kenne das Amt deshalb sehr gut. Mitfiebern ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Aber es sind natürlich auch Kollegen, in die ich mich hineinversetzen kann – auch wenn ich selber nicht in der Bundesliga gepfiffen habe. Außerdem bin ich seit Langem in der Aus- und Fortbildung für Schiedsrichter und als Schiedsrichterbeobachter tätig.

Was für Auswirkungen haben die zunehmenden verbalen, aber auch tätlichen Angriffe auf Schiedsrichter für den Nachwuchs?

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Die Zahl der Schiedsrichter ist dramatisch gesunken in den letzten Jahren. Wir hatten 2008 über 80.000 aktive Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen – heute sind es nur noch rund 50.000. Das Hauptproblem ist nicht, neue Schiedsrichter zu gewinnen – sondern sie zu halten. Wahnsinnig viele Schiedsrichter hören vor allem innerhalb der ersten drei Jahre wieder auf. Der Hauptgrund dafür ist die fehlende Wertschätzung.

Was sind die Gründe dafür?

Das Klima auf den Plätzen ist insgesamt rauer geworden. Es werden deutlich mehr Spiele abgebrochen, es gibt mehr Angriffe auf Schiedsrichter und Ausschreitungen. Das hat mit der Corona-Zeit und der gesellschaftlichen Gesamtstimmung zu tun; das spiegelt sich auf dem Fußballplatz wider. Und natürlich kriegen auch alle mit, wie außerhalb des Platzes über Schiedsrichter geredet wird. Das macht das Amt und auch die Nachwuchsgewinnung nicht einfacher.

Ihre Bekanntheit und die von „Collinas Erben“ ist auch durch Ihre TV-Auftritte als Experte für „Sky“ gestiegen. Kommt es auch zu Anfeindungen, wenn Leute Sie auf der Straße erkennen?

Meine Erfahrungen im direkten Kontakt sind tatsächlich völlig anders. Das ist auch typisch für soziale Medien: In persönlichen Gesprächen habe ich noch keine negativen Erfahrungen gemacht – im Gegenteil. Diskussionen werden fachlich und auf Augenhöhe ausgetragen. Da erlebe ich nicht ansatzweise das, was in den sozialen Medien passiert. Die Anonymität dort ändert das soziale Verhalten.

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Ist Ihr Twitter-Rückzug definitiv?

Ob wir irgendwann auf Twitter weitermachen, werden wir in Ruhe besprechen. Es gab ziemlich viel Zuspruch von Twitter-Nutzern, von Medien, von Schiedsrichtern. Dass sich sogar Schiedsrichter aus der Bundesliga gemeldet haben, war sehr aufmunternd und aufbauend. Aber erwartungsgemäß gab es auch viele Reaktionen in die Richtung: Endlich sind sie weg, wir haben es geschafft, sie zu vertreiben – die hat eh keiner gebraucht. Da hat sich die dominante Stimmung von Samstag fortgesetzt.

Haben Sie auch daran gedacht, sich komplett als Schiedsrichterexperte zurückzuziehen?

In keiner Sekunde. Das ist viel zu sehr mit meinem eigenen Leben verwoben, ich bin seit 1985 Schiedsrichter, seit 37 Jahren. Wir machen unseren „Collinas Erben“-Podcast weiter, ich schreibe Kolumnen, arbeite als TV-Experte. Ich steige gerne in die Bütt. Da müsste schon deutlich mehr passieren, bis ich an den Punkt komme, an dem ich nicht mehr weitermache. Das will ich mir nicht alles kaputtmachen lassen.

Alex Feuerherdt

Alex Feuerherdt, Jahrgang 1969, betreibt seit 2012 gemeinsam mit Klaas Reese den Schiedsrichter-Podcast „Collinas Erben“. Feuerherdt leitete von 1985 bis 2005 regelmäßig Fußballspiele, zuletzt in der Oberliga. Bis heute ist er als Schiedsrichterausbilder und -beobachter tätig und pfeift gelegentlich Spiele. Für den Pay-TV-Sender „Sky“ arbeitet Feuerherdt als Schiedsrichterexperte.

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