Von der Corona-Idee zur Campingalternative: Pop-up-Camps vermitteln Stellplätze auf Zeit

Pop-Up Camper sind oft mit autarken oder semi-autarken Reisemobilen unterwegs.

Pop-up-Camper sind oft mit autarken oder semiautarken Reisemobilen unterwegs.

Die Corona-Pandemie hat 2020 viele Großveranstaltungen und Festivals ausgebremst – und gleichzeitig den Campingboom noch weiter angeschoben. Aus diesem Umstand entstand das Unternehmen Pop-Up Camps: Es ermöglicht Veranstaltern, Flächenbetreibern, aber auch Privatleuten, ungenutzte Flächen zeitweise als Campingstellplätze anzubieten. Vor etwas mehr als einem Jahr ist das Angebot gestartet und seither gewachsen. Wieso die Corona-Idee auch langfristig eine Alternative zum klassischen Campingurlaub bilden könnte, erklärt Pop-Up-Camps-COO (Chief Operating Officer) Gratian Permien im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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Herr Permien, mit 45 Stellplätzen auf einem Festivalgelände in der Lüneburger Heide haben Sie Ihr Angebot vergangenes Jahr gestartet. Jetzt bieten 500 Gastgeber und Gastgeberinnen Stellplätze über das System an. Wie hat sich das Angebot entwickelt?

Es ist immer noch Camping. Es ist immer noch temporär – beziehungsweise Pop-up. Aber es hat sich insofern verändert, als wir jetzt deutlich sehen können, dass sich drei Camp-Klassen bei uns herauskristallisieren. Das eine nenne ich am liebsten „Peer-to-Peer-Camping“. Soll heißen: von privat an privat. Das sind kleine, nicht genehmigungspflichtige Plätze zum Beispiel in einem Garten, auf einer Wiese, auf einem Parkplatz. Dann gibt es Pop-up-Camps von Anbietern wie einem Kanuverleih oder einer Gokart-Bahn, die ihr Angebot dadurch erweitern, dass Menschen dort auch übernachten können. Bei einigen Orten ist das wirklich mehr als praktisch, zum Beispiel bei Weingütern. Und dann gibt es die Großcamps: Das sind von Veranstaltern oder Flächenbetreibern geplante und genehmigte temporäre Camps, die in der Regel auch eine Infrastruktur brauchen und deutlich mehr Stellplätze anbieten als die kleineren Camps.

Gratian Permien, COO von Pop-Up Camps

Gratian Permien, COO von Pop-Up Camps

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Was bedeutet Pop-up-Camping, insbesondere auch in Abgrenzung zum klassischen Campingplatz?

Der wichtigste Unterschied: Ein Pop-up-Camp ist temporär. Wie lange es angeboten wird, ist unseren Gastgebenden überlassen. Die Saison ist ohnehin sehr kurz, 80 Prozent der touristischen Übernachtungen in Deutschland finden in den Monaten Juli und August statt. Allein das spricht für Pop-up und eine Mehrfachnutzung von Flächen. Das ist deutlich nachhaltiger, als eine Fläche zu betreiben, die in den Nebensaisons nicht komplett ausgelastet wird.

Pop-up spricht aber auch eine andere Zielgruppe an als das klassische Camping. Anstatt zwei, drei, vier Wochen an einem Ort ein Lager aufzuschlagen, begreifen Pop-up-Camper und -Camperinnen ganz im Sinne des Vanlife eher den Weg als das Ziel, die Mobilität als Reiseerlebnis: Wir nennen sie die „Anderscamper“.

Also müssen Reisende im Pop-up-Camp auf Komfort verzichten?

Möglicherweise ja. Wer den lokalen Griechen am Platz, eine Kinderbetreuung und ein Waschhaus mit Münzduschen möchte, wird solche erwartbaren Leistungen bei den meisten Pop-up-Camps nicht vorfinden. Aber unsere Gastgeber und Gastgeberinnen beschreiben sehr deutlich, was sie anbieten können und was nicht. Einige Gastgebende bieten Zusatzleistungen an wie Duschen, Stromanschluss, Grill-, Fahrrad- oder SUP-Verleih, die man von vornherein mitbuchen kann. Bei den meisten ist das aber ehrlicherweise nicht inkludiert. Für die eben angesprochenen „Anderscamper“, die mit autarken oder semiautarken Mobilen oder sogar mit Fahrrad, Zelt und Klappspaten kommen, ist das aber gar nicht so wichtig. Aber klar: Es gibt hier keinen Full-Service – sondern den Charme des Unerwarteten, der Improvisation.

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Improvisation ist das Stichwort. Schließlich entstand die Idee zu Pop-up-Camps im vergangenen Jahr auch als Reaktion darauf, dass die Campingplätze alle überfüllt waren, richtig?

Genau das war letztes Jahr die Ausgangssituation. Bedingt durch die Pandemie sind viele Menschen einfach im Inland geblieben, und das hat das Campingplatzangebot in Deutschland stark belastet. Insbesondere an Nordsee und Ostsee, aber auch am Bodensee und im Harz, den typischen Campingzielen in Deutschland. Wir wollten dann gern ein Alternativangebot schaffen, und zwar eins, das ein Campingmodell institutionalisiert, welches wir uns als Camper selbst wünschen: improvisiert, sehr nah am Gastgeber und am Detail, immer neu und überraschend. Außerdem wollten wir dem Problem des immer weiter ausufernden Wildcampings etwas entgegensetzen.

Vielmehr noch empfanden wir es als charmanten und sinnvollen Gedanken, die Leute im Land zu halten, vor Ort attraktive Angebote zu schaffen. Es ist eben viel nachhaltiger, wenn wir alle ein bisschen näher an unserem Zuhause bleiben. Dass wir mobil sind und sein wollen, ist ja völlig in Ordnung. Aber man muss sich fragen, ob es immer Tausende von Kilometern sein müssen, damit es einen Erholungseffekt gibt. Wir finden: Die Nahdistanz sollte ein Revival erfahren.

Wohnmobile und Campingplätze in der Hochsaison sind seit Beginn der Corona-Pandemie rar. Deshalb wurde das Unternehmen Pop-Up Camps 2020 gegründet (Symbolbild).

Wohnmobile und Campingplätze in der Hochsaison sind seit Beginn der Corona-Pandemie rar. Deshalb wurde das Unternehmen Pop-Up Camps 2020 gegründet (Symbolbild).

Also ist Pop-Up Camps auch mehr als eine Notlösung?

Klar! Pop-Up Camps war eine Corona-Idee. Wir haben uns dann im Winter in die Augen geschaut und überlegt, wie es mit Pop-Up Camps weitergehen soll. Wir waren uns relativ schnell einig darüber, dass es weitergehen soll, weil es einen Mehrwert gibt, auch über die Pandemie hinaus. Denn jedes Angebot, das es jemandem, der Urlaub und Erholung sucht, leichter macht, eben nicht in den Flieger zu steigen und um den Globus zu fliegen, ist aus unserer Sicht absolut begrüßenswert und zeitgemäß.

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Welche Pläne hat Pop-Up Camps für die Zukunft?

In diesem Jahr haben wir zunächst ein stabiles Team aufgebaut. Jetzt sind wir gerade dabei, eine größere Finanzierungsrunde zusammenzustellen. Wir haben zwar schon Tausende Buchungen im System, aber das allein trägt noch nicht durch die Nebensaison. Infolgedessen werden wir dann unsere Technik noch einmal neu aufbauen und für die mobile Nutzung optimieren. Außerdem wollen wir mit Camper- und Vanvermietern verstärkt zusammenarbeiten. Hauptthema der kommenden Wochen und Monate wird Camping als Veranstaltungsformat, zum Beispiel im Rahmen von Messen oder als komplett neues Veranstaltungsformat. Von diesen größeren „Themen-Camps“ werden wir nächstes Jahr mindestens zehn realisieren.

Ansonsten bleiben wir zunächst im deutschsprachigen Raum – alles andere würde unsere Idee konterkarieren und entgegen unserer Überzeugung anreizen, dass Menschen sich über mehrere Ländergrenzen hinweg bewegen. Wenn wir unser Angebot auch auf andere Märkte ausdehnen, dann so, dass sich auch dort ein Campingbinnenmarkt entwickelt, also beispielsweise Reisende aus UK auch in UK Urlaub machen können.

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