35 Jahre Tschernobyl: Tourismus mit Mahnung am Katastrophenort

Ein Sightseeingbus steht am Kontrollpunkt Dytjatky am Eingang der Geisterstadt Prypjat in der Nordukraine. Die heute verlassene Stadt wurde 1970 im Zusammenhang mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl gegründet und nach dem Reaktorunglück geräumt.

Ein Sightseeingbus steht am Kontrollpunkt Dytjatky am Eingang der Geisterstadt Prypjat in der Nordukraine. Die heute verlassene Stadt wurde 1970 im Zusammenhang mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl gegründet und nach dem Reaktorunglück geräumt.

Kiew. Die Zone um den Unglücksreaktor von Tschernobyl kündet vom schlimmsten Atomunfall, den die Welt je erlebt hat. Wie ein unheilvolles Mahnmal wirkt die weite Leere um das einstige Nuklearkraftwerk. Aber 35 Jahre nach der Explosion setzt die Ukraine auch auf eine Wiederbelebung des Sperrgebiets.

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„Dies ist ein Ort der Tragödie und der Erinnerung“, sagt Bohdan Boruchowski, der stellvertretende Umweltminister der Ukraine. „Aber es ist auch ein Ort, an dem man sehen kann, wie Menschen die Folgen einer globalen Katastrophe bewältigen.“ Diese Katastrophe geschah, als der Unglücksreaktor Nummer vier am 26. April 1986 explodierte und radioaktives Material in die Luft spie. Nach dem Willen der Regierung soll es 35 Jahre später aber ein „neues Narrativ“ geben, über eine „Zone der Entwicklung und Wiederbelebung“, wie Boruchowski sagt.

Das ikonische Riesenrad befindet sich im Vergnügungspark in der Geisterstadt Prypjat in der Nordukraine.

Das ikonische Riesenrad befindet sich im Vergnügungspark in der Geisterstadt Prypjat in der Nordukraine.

Am Tag nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl, rund 110 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew, wurde nur die nahe gelegene Arbeiterortschaft Prypjat evakuiert. Die Öffentlichkeit wusste zunächst nichts von der Bedrohung. Auch die zwei Millionen Einwohner von Kiew wurden nicht informiert. Erst als in Schweden erhöhte Radioaktivität gemessen wurde, erfuhr die Welt vom Super-GAU in der Ukraine.

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Schließlich mussten mehr als 100.000 Menschen die Umgebung verlassen, ein 2600 Quadratkilometer großes Sperrgebiet wurde eingerichtet. Innerhalb dieser Zone versuchten Arbeiter, verstrahlten Müll zu entsorgen. Über den Reaktor wurde hastig ein Sarkophag gestülpt. Dennoch trat bis 2019 noch Radioaktivität aus, bis das gesamte Kraftwerk in einen riesigen Schutzmantel gehüllt wurde. Darunter begannen Roboter mit dem Zerlegen des Reaktors. Bei den Behörden wuchs die Zuversicht, das Gebiet künftig wieder nutzen zu können.

„Unser Tourismus ist einzigartig“

Für Vizeminister Boruchowski zählt dazu auch der Tourismus. „Unser Tourismus ist einzigartig, es ist nicht ein klassisches Konzept des Tourismus“, betont er. „Dies ist ein Gebiet des Nachdenkens und der Reflexion, ein Areal, auf dem man die Folgen menschlicher Fehler sehen kann, aber man kann auch menschliches Heldentum sehen, das diese korrigiert.“ Nach einer hochgelobten TV-Miniserie 2019 verdoppelte sich bereits die Besucherzahl in der Region Tschernobyl – und die Behörden setzen darauf, dass der Fremdenverkehr nach Corona weiter zunimmt.

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Eine der traurigen Attraktionen sind die Ruinen von Prypjat, einst eine moderne Arbeiterstadt mit 50.000 Einwohnern. Damit die Besucher besser zwischen den Trümmern durchlaufen können, werden derzeit neue Wege angelegt.

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Im einstigen Kraftwerk selbst gehen die Abbauarbeiten weiter. Boruchowski zufolge werden die vier Reaktoren erst 2064 zerlegt sein. Auf dem Areal sollen künftig außerdem abgebrannte Brennelemente der vier letzten Atomkraftwerke des Landes zwischengelagert werden. Weil der Atommüll nicht wie bisher nach Russland gebracht wird, will die Ukraine so geschätzt etwa 165 Millionen Euro pro Jahr sparen.

Eine Person hält einen Geigerzähler nähe des Roten Waldes in der Nordukraine.

Eine Person hält einen Geigerzähler nähe des Roten Waldes in der Nordukraine.

„Wir tun unser Möglichstes, damit dieses Gebiet, in dem keine Menschen leben können, mit Gewinn genutzt wird und dem Land einen Profit verschafft“, sagt Serhij Kostjuk, Chef der für das Sperrgebiet zuständigen Behörde. Auch wenn die Strahlungswerte als niedrig genug gelten, um Tourismus und Arbeit auf dem Gelände zu ermöglichen, so ist das Wohnen dort nach wie vor nicht gestattet. Dennoch leben in der Zone, die 30 Kilometer um das Kraftwerk gezogen wurde, mehr als 100 Menschen – dem Verbot zum Trotz.

Zu ihnen gehört der 85-jährige Jewgeni Markewitsch. „Es ist ein großes Glück, zuhause zu wohnen“, sagt der ehemalige Lehrer, „aber es ist traurig, dass es nicht mehr ist wie früher.“ In seinem Garten baut der ehemalige Lehrer Kartoffeln und Gurken an – die aber lässt er untersuchen. „Um mich etwas zu schützen“, sagt Markewitsch. Langzeitfolgen der radioaktiven Strahlung von Tschernobyl für die menschliche Gesundheit sind ein anhaltendes Thema der wissenschaftlichen Debatte.

Touristen stehen am Checkpoint Dytjatky vor dem Eingang der Tschernobyl Sperrzone in der Nordukraine.

Touristen stehen am Checkpoint Dytjatky vor dem Eingang der Tschernobyl Sperrzone in der Nordukraine.

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Zur Überraschung vieler, die über lange Zeit hinweg eine Todeszone um Tschernobyl erwartet hatten, kündet der Tierbestand von neuem Leben: Bären, Bisons, Wölfe, Luchse, Wildpferde und Dutzende Vogelarten haben sich in der menschenfreien Region breitgemacht. Die Tiere hätten sich viel widerstandsfähiger gegen Radioaktivität erwiesen als angenommen, erklären Forscher. Das könnte noch ein Zusatzargument für Besucher sein.

Tschernobyl soll Unesco-Welterbe werden

Die Ukraine möchte die Zone um Tschernobyl jetzt als Unesco-Welterbe anerkennen lassen. Sie sei ein herausragender Ort für die gesamte Menschheit, betonen die Behörden. Tschernobyl dürfe aber kein „Spielplatz für Abenteurer“ werden, mahnt Kulturminister Oleksandr Tkatschenko. Wer immer auch die Zone besuche, solle sie mit dem Bewusstsein ihrer historischen Bedeutung und Erinnerung verlassen.

RND/AP

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