Leiter des Fremdenverkehrsamtes im Interview

Krieg in der Ukraine: Sind Reisen nach Polen aktuell sicher?

Die längste Holzseebrücke finden Urlauberinnen und Urlauber in Polen, genauer im Ostseebad Sopot.

Die längste Holzseebrücke finden Urlauberinnen und Urlauber in Polen, genauer im Ostseebad Sopot.

Zwei Jahre Corona-Pandemie haben der Tourismusbranche hart zugesetzt. Anfang 2022 gab es dann ein vorsichtiges Aufatmen: Die Buchungszahlen stiegen, die Aussichten auf die Osterferien und die Sommersaison waren positiv. Doch dann begann Russland den Krieg in der Ukraine. Länder wie Polen, Tschechien oder die Slowakei sind Hauptziel von geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern. Angesichts dieser Situation wächst die Verunsicherung bei Reisenden. Das merkt auch Konrad Guldon, Leiter des polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin.

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Herr Guldon, erleben Sie aktuell eine Verunsicherung bei Reisenden aufgrund des Kriegs in der Ukraine?

Angesichts der unfassbaren Bilder des Krieges möchten einige Menschen jetzt generell nicht in Urlaub fahren – ob nach Italien, in die Türkei oder nach Polen. Das müssen wir natürlich akzeptieren. Wir wissen aber auch, dass viele nach zwei Jahren Corona-Beschränkungen und Homeoffice erschöpft sind und sich nichts sehnlicher wünschen, als sich zu erholen und wieder einmal etwas Neues zu sehen. Auch dieses Bedürfnis nach Reisen ist legitim. Momentan ist es eher die Presse in Deutschland, die verständlicherweise vermehrt bei uns nachfragt als die Endkunden.

Konrad Guldon, Direktor des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Berlin

Konrad Guldon ist der Direktor des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Berlin.

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Werden Reisen nach Polen für Ostern aktuell vermehrt storniert?

Solche Stornierungen sind uns nicht bekannt, aber ich möchte nicht ausschließen, dass das im Einzelfall passiert. Die polnische Hotel- und Tourismusbranche bereitet sich auf den Saisonstart vor, der mit einer weiteren Lockerung der Corona-Maßnahmen einhergehen wird. Derzeit wird bei uns über eine vollständige Aufhebung des Pandemiestatus noch in diesem Frühjahr diskutiert. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt mit rund 200 je 100.000 Einwohner sehr viel niedriger als in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern. Schon seit einiger Zeit steht Polen deshalb auch nicht mehr auf der Liste der Hochrisikogebiete des Robert Koch-Instituts.

Was sagen sie Reisenden, die aktuell zögern? Ist Urlaub in Polen denn aktuell sicher?

Aktuell können wir feststellen, dass die Situation in Polen nicht unsicherer ist als in Deutschland. Bei deutschen Gästen sind vor allem Reiseziele im Westen unseres Landes beliebt, also etwa die Ostseebäder Swinemünde und Kolberg oder das Riesengebirge. Diese Destinationen sind ähnlich weit vom Kriegsgeschehen entfernt wie beispielsweise Berlin. Der Südosten unseres Landes, der unmittelbar an die Ukraine grenzt, wurde bisher nur von einem kleinen Teil der deutschen Gäste besucht.

Gibt es denn Einschränkungen für Reisende im Land?

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Wir gehen nicht davon aus, dass unsere ausländischen Urlaubsgäste größere Einschränkungen hinnehmen müssen. Aber sie werden überall im Land die Zeichen der Solidarität mit unserem Nachbarland Ukraine sehen. Natürlich stehen grenznahe Zentren wie etwa Przemyśl oder Rzeszów angesichts des Zustroms von Flüchtenden vor der Herausforderung, humanitäre Hilfe zu organisieren. Das private, kommunale und staatliche Engagement hier ist aber immens und es gelingt uns auch mit Hilfe unserer europäischen Partner, die Menschen schnell und unkompliziert in sichere Unterkünfte in ganz Europa zu vermitteln.

Insgesamt sind seit Februar etwa zwei Millionen Menschen als Kriegsflüchtlinge nach Polen gekommen. Die meisten werden privat, einige auch in Sammelunterkünften beherbergt. Es ist nicht zu erwarten, dass etwa Hotels in Ferienorten wie Kolberg für die Flüchtlingsunterbringung genutzt werden.

Blicken Sie optimistisch auf die Sommersaison 2022?

Die Entwicklung stimmte uns zuletzt positiv. Nehmen wir beispielsweise die Zahlen der Fluggäste: Da sind wir zwar noch nicht beim Niveau vor der Corona-Pandemie angekommen. Unsere internationalen Airports konnten 2021 aber ein durchschnittliches Plus von rund 35 Prozent im Vorjahresvergleich erreichen. Ähnliche Stimmen erreichten uns aus den wichtigsten Sommerzielen an unserer Ostseeküste und in Masuren.

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Polen landete 2020 auf Platz sieben der beliebtesten Auslandsreiseziele der Deutschen. Warum konnte es, im Vergleich zu anderen, in der Pandemie profitieren?

Vor der Corona-Pandemie konnten wir in Polen ein kontinuierliches Wachstum bei der Zahl der deutschen Gästen beobachten. Zwar mussten wir 2020 den Zahlen der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) zufolge bei den längeren Urlaubsreisen einen Einbruch von 17,5 Prozent verkraften, aber viele andere Urlaubsländer hatten noch größere Einbrüche zu verzeichnen. So konnte Polen seinen Marktanteil sogar steigern. 2021 lagen die Ergebnisse auf einem ähnlichen Niveau.

Viele Gäste präferieren nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie Ziele in der näheren Umgebung, sie möchten auch nachhaltiger reisen. Polen hat den Vorteil, dass es für deutsche Gäste ein sehr nahes und leicht zu erreichendes Ziel ist, aber gleichzeitig auch mit einer Prise Exotik gewürzt und bezahlbar ist. Ganz klar profitiert von der Situation haben etwa aktiv- und naturtouristische Angebote wie auch das Camping- und Caravaningsegment. Besonders beliebt sind Pensionen oder kleine Schlosshotels im ländlichen Raum, die die nötige Ruhe und Abstand bieten.

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