Während in der Ukraine Krieg ist: Ist Urlaub gerade moralisch vertretbar?

Die Silhouette einer Frau, die durch einen Flughafen läuft.

Die Silhouette einer Frau, die durch einen Flughafen läuft. Das Thema Urlaubsplanung verunsichert gerade viele Menschen.

Auf Tiktok posten ukrainische Soldaten Videos aus dem Panzer, auf Facebook, Twitter und Instagram werden Spendenaufrufe geteilt und Profilfotos mit Ukraine-Flaggen versehen. Und dann lacht beim Scrollen durch den Feed plötzlich eine Reiseinfluencerin glücklich in die Kamera. Sie sitzt mit einem Cocktail am Strand der thailändischen Urlaubsinsel Koh Samui.

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Glückliche Bilder posten, Reisen planen, während in einem europäischen Land Krieg herrscht. Es ist ein Thema, das emotionalisiert und derzeit vor allem in sozialen Netzwerken diskutiert wird: Ist Urlaub gerade moralisch vertretbar? „Der Kontrast auf Social Media kann in der aktuellen Situation durchaus verstörend wirken oder gar wütend machen“, sagt Psychologin und Reisebloggerin Barbara Horvatis-Ebner dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Jedoch sei es nicht zielführend, in moralische Statements abzurutschen.

Psychologin: Reisen als nötige Ablenkung

Denn umgekehrt helfe es auch vielen Menschen, sich mit Urlaubsbildern im Instagram-Feed abzulenken und der Flut an dramatischen Nachrichten eine Zeit lang zu entkommen, sagt die Psychologin, die sich auch mit den Auswirkungen des Reisens auf die psychische Gesundheit beschäftigt. „Alles was Menschen hilft, mit Situationen umzugehen ist legitim, wenn es anderen nicht schadet.“

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Krisenzeiten hätten immer das Potenzial, Gefühle von Hilflosigkeit und Kontrollverlust auszulösen. Und die Nachrichten zum Krieg sowie die dadurch ausgelösten Ängste treffen die Menschen zu einem Zeitpunkt, an dem viele ohnehin ausgelaugt sind. Durch Naturkatastrophen, ausgelöst vom Klimawandel. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie mit persönlichen Verlusten, Lockdowns, Verboten – und Reisebeschränkungen, welche das Fernweh aufgestaut haben.

Umso wichtiger sei es, sich der Emotionsflut nicht dauerhaft hinzugeben, sondern sich regelmäßig abzulenken. „Ablenkung bedeutet nicht, die Augen vor der Situation zu verschließen. Aber es ist einfach nicht gesund, sich 24 Stunden am Tag mit Kriegsberichterstattung auseinandersetzen und von seinen Ängsten überrollt zu werden“, sagt Horvatis-Ebner. Selbstfürsorge sei daher enorm wichtig. Jedem Menschen könne etwas anderes helfen – der Job, Kochen, Freunde treffen, Gartenarbeit oder eben ein Urlaub.

„Reisen schafft Glücksmomente, positive Gefühle und Handlungsfähigkeit, die wir als Ausgleich brauchen“, sagt die Psychologin. Außerdem senken Momente des Genusses das Stresslevel. Unterwegs könne man einfach mal durchatmen, Abstand vom Alltag gewinnen und das Gedankenkreisen durch neuen Input unterbinden.

Reiseverzicht nicht sinnvoll

Ein allgemeiner Reiseverzicht ist aber nicht nur aus persönlicher, sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive nicht sinnvoll. „Es ist in der aktuellen Situation wichtig, Solidarität zu zeigen, sich privat zu engagieren und zu spenden. Aber das hat nichts mit dem Wunsch nach Reisen zu tun. Von einem generellen Reiseverzicht profitiert niemand“, sagt Antje Monshausen, Leiterin der Arbeitsstelle Tourism Watch von Brot für die Welt, gegenüber dem RND.

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Zwei Jahre Corona-Pandemie haben dem Tourismussektor stark zugesetzt. Die UN-Tourismusorganisation UNWTO geht bislang von weltweiten Corona-Schäden von mehr als 3 Billionen Euro im Tourismus aus.

Besonders hart getroffen davon sind in Entwicklungs- und Schwellenländern, weil den Regierungen dort meist das Geld für Sozial- und Konjunkturprogramme fehlt. „In Europa ist jeder zehnte Job im Tourismussektor verloren gegangen, in Afrika ist es jeder dritte“, sagt Monshausen.

Auch wegen der Abhängigkeit vom internationalen Reiseverkehr seien die Einbrüche gravierender gewesen. Eine Kompensation durch Inlandstourismus ist in Schwellenländern sei nicht in dem Maße möglich gewesen wie in Europa.

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Inwieweit der Krieg in der Ukraine das Buchungsverhalten der Menschen nach zwei Pandemiejahren tatsächlich beeinflusst, ist Reiseexperten zufolge noch nicht absehbar.

Grundsätzlich stünden die Zeichen bei den Menschen nach zwei Jahren Pandemie auf Urlaub, das zeigten die eingehenden Reisebuchungen aktuell sehr deutlich, sagte der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig, im Vorfeld der Anfang März digital stattfindenden internationalen Reisemesse ITB Berlin. Jedoch werde der Krieg Russlands in der Ukraine „einen dunklen Schatten der Unsicherheit“, so Fiebig.

Was bringt ein Russland-Reiseboykott?

In der Reisebranche haben inzwischen viele Unternehmen ein Zeichen gesetzt und Russland-Reisen aus dem Programm genommen. Reedereien wie Tui und MSC Cruises laufen St. Petersburg nicht mehr an. Veranstalter wie FTI, DER Tours, Berge & Meer, Lernidee Erlebnisreisen und Hauser Exkursionen sagen Russland-Touren vorerst ab. Außerdem ist der Flugverkehr nach Russland durch Luftraumsperrungen weitestgehend eingestellt.

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Sollte sich diese Situation irgendwann ändern, dürften sich viele Reisende die Frage stellen: Möchte ich in dieses Land reisen? Generell müssten sich Touristinnen und Touristen bei jeder Reise bewusst sein, dass diese auch eine stabilisierende Wirkung auf die politischen Verhältnisse im Land haben, so Monshausen. „Die Machthaber, die Regierungen, verdienen durch Einreisegebühren und Steuern und können durch die schönen Reisebilder ihr Image in der Welt verbessern.“

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Zukünftig – und nicht erst seit dem Angriff auf die Ukraine – gelte für Reisen nach Russland das, was Reisende grundsätzlich in allen Ländern mit autokratischer Regierung oder eingeschränkten Menschenrechten beachten sollten: „Man sollte so reisen, dass möglichst viel Geld bei kleinen Unternehmen landet – und eben nicht in den Staatskassen oder bei den Oligarchen“, sagt Monshausen.

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