Stop-and-go in der „Griechenland-Schlange“

Langes Warten, wenig Drama: Deutschlands größter Flughafen ächzt zum Ferienstart

Lange Schlangen bildeten sich zum Ferienstart am Frankfurter Flughafen.

Lange Schlangen bildeten sich zum Ferienstart am Frankfurter Flughafen.

Frankfurt am Main. In der absurd langen Schlange ist ein Raunen zu vernehmen. „Es geht weiter“, sagt eine Frau, andere fangen ironisch an zu jubeln und zu applaudieren. Kurz darauf macht die gesamte Truppe, bestehend aus mehreren Tausend Urlauberinnen und Urlaubern, ein paar Schritte nach vorne – um dann wieder stehen zu bleiben. Ein paar Stunden wird das noch so weitergehen.

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Auch Thomas Riehl steht in der „Griechenland-Schlange“, wie sie von einigen Fluggästen inzwischen genannt wird. Einige hier wollen nach Rhodos, andere nach Saloniki. Dafür steht auch Riehl mit seiner Frau Sabrina und den Kindern Lio und Till an, vor Ort soll es auf einen Campingplatz gehen. Zunächst ist das Ziel aber der Check-in-Schalter von Aegean Airlines am Frankfurter Flughafen – und der ist noch in weiter Ferne.

„Unsere Probleme sind auch eure Probleme“: Flughafen-Mitarbeiter protestieren in Frankfurt

Zum Ferienstart haben am Frankfurter Flughafen Beschäftigte für mehr Lohn und Wertschätzung ihrer Arbeit demonstriert.

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Das Problem: „Man hat uns erzählt, wir sollen drei Stunden vorher da sein. Nun stehen wir hier, der Schalter hat aber noch gar nicht geöffnet“, sagt der Vater dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die Schlange zieht sich inzwischen einmal durchs gesamte Terminal. Mehrere Hundert Meter ist sie lang, in der Mitte wird sie von Airport-Mitarbeiterinnen und ‑Mitarbeitern geteilt, um einen Durchgang zu ermöglichen. Riehl und seine Familie stehen noch im hinteren Teil der Schlange – und sind auf das Schlimmste vorbereitet. „Ich hoffe, dass wir mit den Kindern vorgelassen werden – sonst könnte das knapp werden“, sagt der Vater.

Thomas Riehl (rechts) mit Sabrina, Lio und Till.

Thomas Riehl (rechts) mit Sabrina, Lio und Till.

„Geordnete und stabile Prozesse“

Es ist einer von vielen Urlauben, die an diesem Samstag mehr als stressig beginnen. Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland sind an diesem Wochenende in die Ferien gestartet – rund 200.000 Menschen sollen vom Frankfurter Flughafen abfliegen, am Freitag waren es schon 180.000.

Immerhin: Während die Schlangen an den Check-in-Schaltern seit dem frühen Morgen immer länger werden, blieb das ganz große Drama bislang aus – anders als am Flughafen Köln-Bonn, wo aggressive Reisende für Polizeieinsatz sorgten. Der Flughafenbetreiber Fraport spricht von einem „geordneten und stabilen Prozessen in den Terminals“, dafür sorgen auch zusätzliche Arbeitskräfte, die Fraport, die Fluggesellschaften sowie die Bundespolizei mobilisiert hatten.

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Auch die Zahl der ausgefallenen Flüge hält sich am Samstag in Grenzen. Anders als Ende Juni am Flughafen Düsseldorf, zum Ferienstart in Nordrhein-Westfalen, gibt es in Frankfurt keine langen Schlangen an den Serviceschaltern, keine verzweifelten Touristen mit annullierten Flügen. Nur zwei Flüge, einer von Swiss Air nach Genf und einer von United Airlines nach Chicago, gehen an diesem Samstagvormittag nicht planmäßig in die Luft.

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„Andere Flughäfen kriegen das besser hin“

Unzufrieden sind viele Reisende aber trotzdem. In der „Griechenland-Schlange“ stehen auch Michaela Vornholt und Kornelia Tauchmann. Die beiden Frauen schieben einen großen Wagen mit Gepäck vor sich her. Darauf befinden sich Utensilien, die sie für eine Tierschutzorganisation nach Rhodos fliegen wollen. Anschließend will Vornholt auf der Insel ihren Urlaub genießen.

„Wir hoffen, dass alles ankommt“, sagt Vornholt. Drei Stunden vorher sei man extra zum Flughafen gefahren – nur um dann festzustellen, dass der Schalter noch gar nicht geöffnet habe. „Andere Flughäfen kriegen das deutlich besser hin“, sagt Vornholt. Das bemängeln auch Martin Schenker und Ekaterini Tzaroudi, die ebenfalls nach Rhodos wollen – zum Schalter geht es nur langsam voran. „Wir bleiben optimistisch, dass alles klappt“, sagt Schenker.

Martin Schenker und Ekaterini Tzaroudi wollen nach Griechenland – und müssen stundenlang in der Check-in-Schlange ausharren.

Martin Schenker und Ekaterini Tzaroudi wollen nach Griechenland – und müssen stundenlang in der Check-in-Schlange ausharren.

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Stella Georgradon-Moch ist froh, dass sie und ihre Familie „heute nicht mit Lufthansa fliegen“ müssen, wie sie sagt. Die Mutter spielt auf die zahlreichen Flugausfälle an – bis Ende August hatte die Airline weitere 2000 Flüge gestrichen. Als Grund nennt das Unternehmen Personalmangel und einen hohen Krankenstand unter den Beschäftigten. Der Flug der Familie soll aber pünktlich in die Luft gehen. „Wir freuen uns auf vier Wochen Sonne“, sagt Georgradon-Moch.

Stella Georgradon-Moch und ihre Familie freuen sich auf einen Urlaub in der Sonne – wenn es am Check-in denn mal weiterginge.

Stella Georgradon-Moch und ihre Familie freuen sich auf einen Urlaub in der Sonne – wenn es am Check-in denn mal weiterginge.

Abseits der „Griechenland-Schlange“ geht es an diesem Samstag deutlich schneller zu. Vielen Menschen warten zeitweise vor den Schaltern der Fluggesellschaft Condor in die USA, auch Reiseziele in den europäischen Süden sind stark frequentiert. Esra Al-Mansoor und ihr Freund Nils wollen nach Istanbul fliegen – und bleiben trotz des Andrangs „entspannt“, wie sie sagen. „Wir sind fünf Stunden vor Abflug am Flughafen angekommen – und das war auch notwendig“, sagt das Pärchen.

„Das werden harte Wochen“

Warum das „notwendig“ ist, weiß Gewerkschaftssekretär Christoph Miemietz von Verdi. Der massive Personalmangel in der Branche sei auch Wochen nach Beginn des großen Urlaubsbooms nicht behoben, sagt er dem RND. Während der Corona-Pandemie hätten die Fluggesellschaften Personal abgebaut, andere Beschäftigte hätten sich auch selbst neue Jobs gesucht. „Abgesehen davon herrscht ein Krankenstand von etwa 20 Prozent“, erklärt der Gewerkschafter.

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Die Folge: An allen wichtigen Abfertigungsstellen fehlen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das gelte sowohl für die Check-in-Schalter als auch für den Sicherheitsbereich, das Be- und Entladen der Flugzeuge und für die Airlines selbst – denn ohne Flugbegleiter kann ein Flugzeug nicht abheben.

Miemietz spricht von weiteren „harten Wochen“, auf die sich Flugreisende einstellen müssten, wahrscheinlich bis in den Herbst hinein. Immerhin: „Die Unternehmen stellen inzwischen wieder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein“. Das sorge langfristig für eine gewisse Entspannung.

Die Schlange vor den Check-in-Schaltern zieht sich quer durchs Terminal.

Die Schlange vor den Check-in-Schaltern zieht sich quer durchs Terminal.

Lohndumping und Corona-Krise

Grund für die Entwicklung ist für Christoph Miemietz auch das Lohndumping, das in der Branche gang und gäbe sei. „Das rächt sich jetzt“, sagt der Gewerkschafter, insbesondere auch durch die Pandemie. Die Arbeitsplätze in der Branche seien unattraktiv geworden, viele seien etwa in die Logistik oder zur Bahn abgewandert.

Und dann sei da auch noch die körperliche und seelische Belastung der Beschäftigten. Gerade jetzt an stressigen Tagen am Frankfurter Flughafen bekämen diese den Frust der Fluggäste zu spüren – obwohl sie am wenigsten dafür könnten.

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Immerhin: Davon ist an diesem Samstag am Frankfurter Flughafen nichts zu sehen. Die Reisenden stehen genervt, aber ruhig in ihren Schlangen, zu Tumulten kommt es nicht.

Demo von Mitarbeitern geplant

Im Gegensatz dazu wollen allerdings einige Beschäftigte am Samstag ihren Ärger zum Ausdruck bringen. Für den Nachmittag ist im Terminal 1 eine Demonstration angekündigt. Etwa 50 Mitglieder der unbekannten Gruppe „Flughafen ArbeiterInnen“ wollen zusammenkommen und protestieren.

Laut einem Flyer seien der „Personalmangel“, der „Qualitätsmangel“ und das „Chaos am Flughafen“ Anlass für die Demo. Verantwortlich seien, so heißt es weiter, „die Flughafenchefs“. Zum Protest eingeladen seien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von „Gategourmet“ (Cateringdienstleister der Lufthansa), dem Bodenverkehrsdienstleister Wisag, der Fraport und deren Töchter ASG, Frasec, Fraground „und andere“.

Der Flughafenbetreiber Fraport hatte die Pläne vorab kritisiert. „Das Demonstrationsrecht respektieren wir selbstverständlich, aber mit Blick auf das erste Ferienwochenende halten wir Zeit und Ort für diese Protestaktion für absolut unpassend“, so ein Sprecher gegenüber dem „Business Insider“.

Erst vor wenigen Wochen habe man bekannt gegeben, den Fraport-Beschäftigten mehr Gehalt zu zahlen, als im Notlagentarifvertrag ursprünglich vereinbart wurde. Das gilt für die meisten ab dem 1. August, für Mitarbeiter von Fraground ist der Notlagentarifvertrag seit dem 1. Juli aufgehoben.

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Rund 200.000 Passagiere fliegen am Samstag vom Frankfurter Flughafen.

Rund 200.000 Passagiere fliegen am Samstag vom Frankfurter Flughafen.

Packen für den Notfall

Thomas Riehl ist mit seiner Familie in der Schlange derweil wieder einige Meter nach vorne gerückt. Was aber nicht heißt, dass die Sorge vor einem verpatzten Urlaub kleiner geworden ist. „Man liest ja viel vom Kofferchaos“, sagt der Vater dem RND. „Wir haben vorsichtshalber ein paar Kleidungsstücke im Handgepäck, um wenigstens ein paar Tage über die Runden zu kommen“, so Riehl.

Zudem habe die Familie das Gepäck deutlich reduziert. „Statt normalerweise sechs Koffern nehmen wir diesmal nur zwei mit.“ Darin sei mitunter auch das Spielzeug für Lio und Till. „Wir hoffen, dass alles ankommt.“

Und wenn man dann wirklich mal auf dem Campingplatz in Griechenland angekommen sei, dann mache die Familie drei Kreuze.

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