Interview über Waffen und Verhandlungen

Selenskyj-Berater: Deutschland hat mit Waffenlieferungen zu lange gezögert

Alexander Rodnyansky, einer der Berater des ukrainischen Präsidenten Selenskyj.

Alexander Rodnyansky, einer der Berater des ukrainischen Präsidenten Selenskyj.

Fühlt sich die Ukraine von Deutschland im Stich gelassen, Herr Rodnyansky?

So drastisch würde ich das nicht formulieren. Wir sind dankbar für die Hilfe, die wir von allen europäischen Partnern und besonders auch von Deutschland bekommen. Wir brauchen aber gerade jetzt deutlich mehr Unterstützung. Ganz konkret benötigen wir mehr Waffen von Deutschland. Es gibt zum Beispiel viele Waffen aus den Beständen der NVA, mit denen wir umgehen können und die uns sehr helfen würden. Außerdem geht uns bald die Munition aus, wir brauchen dringend Nachschub. Mit weiteren Sanktionen gegen Russland würde uns Deutschland auch sehr helfen. Wir brauchen schnell ein Energieembargo, damit Russland den Krieg nicht mehr weiterfinanzieren kann. Ein Stopp von Öl-, Gas- und Kohlelieferungen ist eine sehr wichtige Frage für den Frieden in ganz Europa. Nicht nur die Sicherheit der Ukraine steht bei diesem Krieg auf dem Spiel.

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Was genau braucht die Ukraine jetzt konkret?

Wir brauchen alle denkbaren Waffen zur Luftabwehr, zum Beispiel das S-300 Raketenabwehrsystem. Davon hat Deutschland einige in seinen Beständen. Denn wenn es keine Flugverbotszone gibt, müssen wir uns auf andere Weise wehren können. Dann brauchen wir natürlich Panzerfäuste und Munition für Granatenwerfer und Raketenwerfersysteme. Wir haben unseren westlichen Partnern lange Listen gegeben mit Waffen, die wir dringend brauchen.

„Die Chancen auf eine friedliche Lösung sind so gering, dass niemand ernsthaft daran glaubt.“

Alexander Rodnyansky,

Berater des ukrainischen Präsidenten Selenskyj

Welche Rolle spielt Deutschland für Sie?

Für uns in der Ukraine ist Deutschland ein wichtiger Partner und hat großen Einfluss auf Russland, wenn es ein Energieembargo beschließt. Über die letzten 15 Jahre gab es eine sehr starke russische Wirtschaftslobby, die Deutschland abhängig von russischen Rohstoffen gemacht hat. Bei Waffenlieferungen nimmt Deutschland ebenfalls eine wichtige Rolle ein. Wir haben viele wichtige Partner, besonders die Amerikaner und die Engländer unterstützen uns mit vielen Waffen. Aber Deutschland hatte zunächst die Waffenlieferungen von anderen Staaten blockiert. Das darf es nicht noch einmal geben. Wir brauchen auch deutlich mehr Waffenlieferungen aus Deutschland, um uns gegen Russland zu wehren.

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Warum ist Deutschland so zögerlich bei Waffenlieferungen?

Das ist eine gute Frage. Ich vermute, dass es noch immer viele grundsätzliche Bedenken bei Waffenlieferungen in Kriegsgebiete gibt. Aber ich merke, dass viele Politikerinnen und Politiker gerade umdenken. Manche sagen, sie wollen nicht dazu beitragen, dass Russland den krieg weiter eskalieren lässt. Aber was soll noch passieren? Wir haben schon jetzt einen großen Krieg mitten in Europa.

Hätte es denn den Krieg beeinflusst, wenn Deutschland früher Waffen geliefert hätte?

Ja, absolut. Es war ein großer Fehler, so lange mit den ersten Waffenlieferungen zu warten. Die USA und Großbritannien haben viel früher gemerkt, was Russland vor hat und dass sie der Ukraine auch mit Waffen helfen müssen. Damit haben sie den Krieg für Russland teurer und schwieriger gemacht. Deutschland hat das leider verpasst und viel zu lange gezögert. Deshalb haben wir jetzt ein größeres Problem, als wenn Deutschland uns von Anfang an militärisch unterstützt hätte. Im Nachhinein wissen wir, dass alle Treffen westlicher Staatschefs mit Putin sinnlos waren. Die wahre Natur des russischen Regimes hat sich nun mit diesem Krieg offenbart. Die Welt weiß jetzt, dass man mit Russland nicht verhandeln kann. Darüber müssen wir gar nicht mehr sprechen.

Sie glauben also nicht an einer Lösung durch Verhandlungen?

Nein, Putin will auf jeden Fall eine militärische Lösung. Das sehen wir gerade alle sehr gut in der Ukraine. Jeder, der noch an Dialog glaubt, liegt falsch. Eine Lösung durch Dialog ist ein Wunschdenken. Genau diese Hoffnung auf eine Lösung durch Verhandlungen will Putin für sich ausnutzen, um weitere Sanktionen zu verhindern. Er will Öl und Gas weiter in die EU verkaufen und deshalb kommt es ihm sehr gelegen, wenn die Deutschen an einen schnellen Frieden glauben. Putin will aber eine militärische Lösung und die verfolgt er mit allen Mitteln.

Warum verhandelt die Ukraine dann überhaupt noch?

Wir können ja nicht „Nein“ zu den Verhandlungen sagen. Wir müssen jeder Verhandlung eine Chance geben. Aber wir sagen auch ganz klar, wie sich Russland in den Verhandlungen verhält und wie realistisch die Chancen auf eine Einigung stehen.

Wie hoch schätzen Sie denn die Chancen ein?

Nicht sehr groß. Ich kann Ihnen keine Prozentzahl nennen, aber die Chancen auf eine friedliche Lösung sind so gering, dass niemand ernsthaft daran glaubt. Wir sehen, dass Russland gerade die nächste Offensive vorbereitet. Wenn Putin ernsthaft an einer Lösung durch Verhandlungen interessiert wäre, würde er das nicht tun. Russland bombardiert die Städte und daran hat sich nichts geändert und wird sich auch nichts ändern.

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Ja, aber das steht für uns überhaupt nicht zur Diskussion. Auf diese Forderungen würden wir niemals eingehen. Niemand rüttelt an der territorialen Integrität unseres Landes. Wir geben keine Gebiete auf – nicht jetzt im Krieg und auch nicht in Zukunft. Das Letzte, was die Menschen in diesen Gebieten wollen, ist ein Teil von Russland zu werden. Russland würde sich mit diesen Gebieten auch niemals zufrieden geben. Wenn wir jetzt diese Territorien an Russland abtreten, dann würde das Russland nur noch zu weiteren Eroberungskriegen ermuntern.

Lassen Sie uns zum Schluss noch über Präsident Selenskyj sprechen. Wie hat ihn der Krieg verändert?

Die letzten drei Jahre haben den Präsidenten sehr verändert. Er ist viel härter, viel durchsetzungsfähiger und entschlossener geworden. Und jetzt zeigt er noch einmal ganz starke Führungsqualitäten: Er verliert keine Zeit, handelt konzentriert, effektiv und hält das Team um sich herum zusammen. Er ist es auch, der die Moral der Soldaten und aller anderen Menschen im Land durch seine Reden unterstützt.

Von wem erhofft sich Präsident Selenskyj jetzt am meisten?

Die Ukraine braucht zur Zeit jede Hilfe, die sie bekommen kann. Vor allem aber brauchen wir die Hilfe der Nato-Partner. Wir hoffen auf mehr militärische Hilfe und wirtschaftlichen Druck auf Russland. Bei seinen Reden in den Parlamenten Europas in den vergangen Tagen hat der Präsident um Unterstützung gebeten und viele Menschen bewegt. Immer wieder wurden Hilfen versprochen. Diese Unterstützung brauchen wir jetzt schnell, um uns gegen Russland verteidigen zu können.

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