Interview zum Krieg gegen die Ukraine

Migrationsforscher Knaus: „Europa steht vor größter Flüchtlings­katastrophe seit Zweitem Weltkrieg“

Gerald Knaus ist ein österreichischer Soziologe und Migrationsforscher. Der 52-Jährige ist Mitgründer und Vorsitzender der Denkfabrik European Stability Initiative (ESI), die Migrationskonzepte ausarbeitet.

Berlin. Herr Knaus, mehr als eine Million Menschen sind bereits aus der Ukraine geflohen. Wie viele Menschen werden das Land noch verlassen?

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Das hängt vom Verlauf des Krieges ab. Aber in einer Woche haben schon so viele Menschen die EU erreicht wie im gesamten Bosnienkrieg. Diese Geschwindigkeit zeigt, dass wir in Europa vor der schnellsten und größten Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg stehen. Wenn man sich Wladimir Putins Kriegsführung in der Vergangenheit anschaut, kann man Ideen von Flüchtlingszahlen erhalten.

Was genau meinen Sie?

Putins Kriegsführung in Tschetschenien hat dazu geführt, dass ein Viertel der Tschetschenen vertrieben worden ist. Darauf müssen wir uns einstellen. Ein Viertel der Ukrainer entspräche zehn Millionen Menschen. Das ist bei der aktuellen Dynamik durchaus möglich, sollte der Krieg so weitergehen.

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Rechnen Sie damit, dass ein großer Teil auch nach Deutschland kommt?

Die Europäische Union setzt darauf, dass ein Großteil der Ukrainer sich selbst in die Länder verteilt, wo sie Kontakte haben. Darüber hinaus wird es aber viele Menschen geben, denen man beim Ankommen helfen muss. Eine große Zahl wird nach Deutschland kommen, weil Deutschland 2015 bereits Erfahrung mit vielen Flüchtlingsaufnahmen gemacht hat. Andere Staaten, darunter Polen, haben das nicht.

In den vergangenen Jahren haben die Kommunen die Aufnahmekapazitäten aber zurückgefahren. Wie müssen sie sich auf die ankommenden Menschen vorbereiten?

Die Situation ist eine andere als im Jahr 2015: Die Ukrainer haben einen geklärten Rechtsstatus und müssen kein Asyl beantragen. Wenn es viele Freiwillige gibt, die Ukrainer zeitweise unterbringen wollen, werden Massenunterkünfte weniger gebraucht. Danach sieht es gerade aus. Eine staatliche, finanzielle Unterstützung für private Flüchtlingshelfer muss in Betracht gezogen werden.

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Polen wird kritisiert, weil es dem Land nun offenbar leichter fällt, Ukrainer aufzunehmen als Menschen aus Syrien oder welche, die über die Belarus-Route gekommen sind. Ist das eine Doppelmoral?

Ich halte nichts davon, die Umstände zu vergleichen. Wie sich Polen an der Grenze zu Belarus verhalten hat, habe ich sehr kritisiert. Da wurden Europarecht und Menschenrechte gebrochen. Objektiv gesehen ist die Situation momentan aber eine andere.

Weil Krieg im Nachbarland herrscht.

Ja. Belarus hat Menschen aus dem Irak angelockt, die nicht vor einem Krieg geflohen sind. Nach einem Weg zu suchen, diese Migration zu stoppen, ist legitim. Polens Weg der Gewalt ist es aber nicht – er ist unmoralisch und illegal. Jetzt fliehen aus dem Nachbarland Menschen vor Bomben. Sie haben mit der Visafreiheit das Recht, in die EU zu kommen. Dass Polen emotional anders reagiert als auf Lukaschenkos perfide Strategie, ist nachvollziehbar.

Überrascht Sie die Einigkeit der EU-Staaten in der Frage des Schutzstatus der Geflüchteten?

Es ist richtig, dass die EU-Richtlinie, die nach den Balkankriegen entwickelt wurde, nun erstmals genutzt wird. Die Einigkeit gibt es, weil die Gesellschaften in jedem EU-Land die gleichen Bilder sehen. Sie wissen, was in der Ukraine passiert. Wenn alle das Gleiche sehen, haben alle die gleiche empathische Reaktion. Das war im Syrien-Krieg anders.

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Warum?

In einigen Länder wurde viel über den Krieg berichtet, in anderen Ländern wenig bis gar nicht. In manchen Ländern gab es überhaupt keine syrischen Flüchtlinge. Da hatten es die Populisten leicht, Angst zu machen.

Könnte diese Einigkeit nun zu einer Reform des EU-Asylsystems führen oder gar einem Verteilungsschlüssel?

Die EU muss die Idee eines fairen Verteilungsschlüssels aufgeben. Man kann Menschen nicht gegen ihren Willen verteilen. Das ist bürokratisch auch nicht umsetzbar. Für die strikte Verteilung, wie sie innerhalb Deutschlands erfolgt, braucht es einen über diese Krise hinausgehenden Konsens in der EU und Organisationskapazitäten. Beides wird es so bald nicht geben.

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Aber braucht es mit Blick auf weitere Migrationskrisen nicht eine Reform?

Die große Herausforderung ist nicht der fehlende Verteilungsschlüssel, sondern die Lage an den Grenzen. Die Gesetze, die wir haben, werden ständig gebrochen. Etwa an den Grenzen zwischen Kroatien und Bosnien oder Griechenland und Türkei. Darüber hinaus braucht es Wege, die Empathie zu stärken. Das ist der Schlüssel. In Deutschland wäre es gut, wenn noch mehr Gruppen und Städte nach vorne treten und Hilfe aktiv anbieten. Selbst nur zur helfen, wenn andere proportional gleich viel tun, ist absurd und führt zu weniger Empathie.

Ist die deutsche Gesellschaft nach zwei Jahren Pandemie resilient genug für diese Krise?

Die aktuelle Reaktion der Zivilgesellschaft zeigt, dass die Aufnahme von Menschen wie im Jahr 2015 immer noch möglich ist. Es ist auch eine Chance für Europa: Wir können den nicht aufnahmebereiten Ländern – etwa Japan oder Südkorea – zeigen, dass Europa seine Werte nicht aufgibt. Dann nehmen sie sich vielleicht ein Beispiel.

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