Szenario zum Russland-Ukraine-Konflikt

„Teuer“ und „verlustreich“: Historiker hält allumfassende russische Invasion für unwahrscheinlich

Ein ukrainischer Soldat patrouilliert in einem Schützengraben entlang der Demarkationslinie zwischen der Ukraine und den besetzten selbst ernannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk. Der Leipziger Osteuropahistoriker Stefan Troebst geht nicht von einem Drei-Seiten-Angriff Russlands in Richtung Kiew aus.

Berlin. Der Leipziger Osteuropahistoriker Prof. Stefan Troebst rechnet nicht mit einer umfassenden russischen Drei-Seiten-Invasion in Richtung Kiew, Charkiw und Odessa, hält es aber durchaus für möglich, dass die beiden selbst ernannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk ihren Machtbereich mit russischer Hilfe auf das gesamte Territorium der Donbassregion ausweiten.

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„Das könnte entweder durch die Verstärkung der russischen Drohkulisse gegenüber der ukrainischen Zentralregierung oder durch eine Militäraktion russischer Streitkräfte über die jetzt bestehende Kontaktlinie hinaus geschehen“, sagte Troebst dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Der Vorstoß könnte Troebst zufolge möglicherweise auch über die russisch-ukrainische Grenze im ukrainisch kontrollierten Norden des Gebietes Luhansk erfolgen – gegen die beiden Großstädte Kramatorsk und Slovjansk, die 2014 schon einmal von den Separatisten besetzt waren und später mit Raketen beschossen wurden.

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„Das wäre dann ein klassischer Krieg zwischen Russland und der Ukraine, allerdings regional beschränkt“, sagte Troebst. Moskau könnte sich dabei auf die vormalig sowjetischen Verwaltungsgrenzen der beiden Gebiete Donezk und Luhansk berufen und erneut inszenierte Volksabstimmungen und Pseudowahlen abhalten.

Operation an der Schwarzmeerküste könnte wirtschaftliche Destabilisierung bringen

Mittel- und langfristig wäre das nach Troebsts Einschätzung aus russischer Sicht jedoch „kein besonders guter Plan“, der auch viel Geld kosten würde. Moskau bekäme „ein paar Kohleminen zusätzlich und die Stahlwerke von Mariupol, dafür aber auch jede Menge zusätzlicher Pensionäre“.

Ein wesentlich wirksameres Szenario zur ultimativen wirtschaftlichen Destabilisierung der Ukraine wäre aus Troebsts Sicht eine begrenzte Militäroperation gegen den westlichen Abschnitt der ukrainischen Schwarzmeerküste und die dortigen Häfen Tschornomorks, Odessa, Mykolajyv und Cherson. „Das wäre für die kombinierten russischen Schwarzmeer- und Ostseeflotten, die ja schon vor Ort sind, kein Problem“, sagte Troebst.

Sie könnten auf dem Landweg durch die mittlerweile stark aufgerüstete Armee der unter russischem Einfluss stehenden Dnjestr-Republik (Transnistrien) sowie Truppen auf der Krim unterstützt werden. Troebst hält es für möglich, dass ein solcher Handstreich innerhalb von 72 Stunden erfolgen könnte.

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Teuer, verlustreich, Widerstände: Experte hält Invasion in Zentralukraine für unwahrscheinlich

Eine allumfassende Invasion in die gesamte Ost- und Zentralukraine seitens Russlands erscheint dem Osteuropa-Historiker unwahrscheinlich, da das „ein gigantisches Okkupationskorps auf unbestimmte Zeit binden würde“. Das wäre aus Troebsts Sicht „teuer, gegebenenfalls verlustreich und möglicherweise auch mit der Konsequenz von Widerstandsnestern, partisanenähnlichen Formationen und Terroraktionen verbunden“.

Der Anblick gefallener russischer Soldaten habe schon 2014 bei der Bevölkerung in den betroffenen Regionen massive Unruhe ausgelöst.

Nach Troebsts Einschätzung zielt Moskaus Kalkül eher auf eine Aufrechterhaltung der Kriegsangst in der Ukraine wie im Westen, massive Emigrationsbewegungen aus der Ukraine samt Flüchtlingsproblemen in der EU sowie einen Verfall der Währung Hryvnja, Kapitalflucht und dramatische Zunahme der Verarmung der verbliebenen Bevölkerung.

„Irgendwann gibt es dann wieder eine neue prorussische Zentralregierung wie zu Zeiten von Präsident Viktor Janukowytsch“, sagt Troebst. Janukowytsch lebt seit seiner Absetzung und Flucht 2014 in Russland.

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