Von Israel bis Saudi-Arabien

Erdogan sucht Geld und neue Partner

Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, spricht während eines Besuchs auf der Dubai Expo 2020 anlässlich einer Zeremonie zum türkischen Nationalfeiertag.

Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, spricht während eines Besuchs auf der Dubai Expo 2020 anlässlich einer Zeremonie zum türkischen Nationalfeiertag.

Athen. Recep Tayyip Erdogan sieht den „Beginn einer neuen Ära in den türkisch-israelischen Beziehungen“. Nach jahrelangen heftigen Anfeindungen und schweren Zerwürfnissen, die sogar zur Abberufung der beiderseitigen Botschafter führten, empfängt Erdogan am Mittwoch den israelischen Präsidenten Izchak Herzog zu einem zweitägigen Staatsbesuch in der Türkei.

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Erdogans Treffen mit Herzog ist Teil einer außenpolitischen Wende der Türkei im Nahen Osten und Mittelasien. Erdogan geht auf Länder zu, mit denen er bisher im Streit lag. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe.

Herzogs Besuch ist die erste Visite eines israelischen Präsidenten seit 2003. Damals hatte Erdogan in Ankara gerade mit seiner islamischen Agenda das Amt des Ministerpräsidenten übernommen. Seither verschlechterten sich die ehemals engen Beziehungen zwischen beiden Ländern kontinuierlich.

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Erdogan hofierte die radikal-islamische Hamas, deren erklärtes Ziel die Auslöschung Israels ist. Einen Tiefpunkt erreichten die Beziehungen 2010, als das türkische Schiff „Mavi Marmara“ die Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen versuchte. Israelische Kommandos stürmten das Schiff und töteten zehn Türken.

Erdogans Rolle als Schutzpatron der Hamas vergiftete auch die Beziehungen der Türkei zu den Emiraten, Saudi-Arabien und Ägypten. Jetzt sucht der türkische Staatschef die Wiederannäherung. Mitte Februar reiste er in die Emirate. Kronprinz Mohammed bin Sajid al-Nahyan versprach, 10 Milliarden Dollar in der Türkei zu investieren – eine willkommene Finanzspritze für Erdogan, dessen Land in einer schweren Währungskrise steckt und von westlichen Investoren zunehmend gemieden wird.

Auch mit Armenien sucht Erdogan eine Annäherung

Noch im März will Erdogan den saudi-arabischen Kronprinz Mohammed bin Salman besuchen, den er 2018 für den Mord an dem Regimekritiker Jamal Kaschoggi in Istanbul verantwortlich machte. Auch mit Armenien sucht Erdogan eine Annäherung. Und er streckt seine Fühler sogar zum ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi aus, den er wegen der Ächtung der Muslimbrüder bisher scharf anfeindete.

„Politik kann man nicht mit Konfrontation machen, wir müssen den Weg des Friedens gehen“, sagte Erdogan Mitte Januar. Das hört sich nobel an. Tatsächlich aber ist der neue Kurs wohl vor allem von wirtschaftlichen Notwendigkeiten diktiert. Die Türkei hat sich politisch und wirtschaftlich unter Erdogan in den vergangenen Jahren immer stärker isoliert. Das gilt auch für die Energiepolitik, in der die Türkei stark von Russland abhängig ist.

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Ägypten und Israel planen mit Zypern und Griechenland Gaspipelines und Stromkabel. Die Leitungen sollen Energie aus dem östlichen Mittelmeer ins europäische Netz bringen. Die Türkei sieht in diesen Projekten eine Gefahr für ihre Rolle als Energiedrehscheibe. Erdogan möchte Israel und Ägypten dafür gewinnen, ihr Erdgas über die Türkei nach Westeuropa zu leiten. Damit hätte Ankara ein weiteres Druckmittel gegenüber der Europäischen Union in der Hand.

Feindselige Rhetorik gegenüber Griechenland verschärft

Das ist auch der Grund, warum Griechenland und Zypern von der Charmeoffensive des türkischen Staatschefs bisher nichts abbekommen. Im Gegenteil, Ankara hat die feindselige Rhetorik gegenüber Athen in jüngster Zeit deutlich verschärft. Die Türkei macht den Griechen und Zyprern im östlichen Mittelmeer nicht nur Wirtschaftszonen streitig, die den beiden EU-Ländern nach der UN-Seerechtskonvention zustehen. Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte im Februar, Griechenland verliere seine Souveränitätsrechte über zwei Dutzend Inseln, darunter Rhodos, Kos und Samos, weil es dort Militär stationiert und damit internationale Verträge verletzt habe.

Die Regierung in Athen bestreitet die türkische Auslegung der Verträge und verweist auf die militärische Bedrohung durch türkische Landungstruppen. Wenigstens bleiben die beiden zerstrittenen Nato-Partner trotz wachsender Spannungen im Gespräch: Am kommenden Sonntag empfängt Erdogan in seiner Istanbuler Residenz den griechischen Premier Kyriakos Mitsotakis zum Abendessen.

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