Nach Rückzug von Reedereien

Türkei wird zur Drehscheibe für Russlands Außenhandel

Trafen sich bereits im Juli in Teheran: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Kremlherrscher Wladimir Putin.

Kein anderer westlicher Staats- oder Regierungschef ist in den vergangenen Jahren so oft nach Russland gereist wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Sein Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin in Sotschi am Freitag ist bereits die achte Visite seit 2019. Auch Russlands Krieg gegen die Ukraine hat die Männerfreundschaft der beiden Politiker nicht beeinträchtigt. Erdogan und Putin ticken in ihrem autoritären Führungsstil nicht nur ähnlich, sie brauchen auch einander – trotz aller Interessengegensätze.

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Für den türkischen Staatschef ist Russland nicht nur als Gas- und Öllieferant wichtig. Der russische Staatskonzern Rosatom baut auch das erste Atomkraftwerk der Türkei. Bei seinen Plänen für eine weitere Militäroperation in Nordsyrien ist Erdogan ebenfalls auf Putins Zustimmung angewiesen. Russland ist die wichtigste Schutzmacht des syrischen Despoten Baschar al-Assad und hat die Lufthoheit über Syrien, während die Türkei die Oppositionskräfte um die „Freie Syrische Armee“ unterstützt.

Bedeutung der Türkei für Russlands Handel wird immer größer

Umgekehrt bekommt die Türkei jetzt eine immer größere Bedeutung für Russlands Handel mit dem Westen. Nachdem westliche Reedereien wie Maersk, Hapag Lloyd, CMA CGM und MSC sowie die großen Speditionsunternehmen den Verkehr nach Russland weitgehend eingestellt haben und allenfalls Lebensmittel und humanitäre Güter dorthin liefern, springen türkische Transportfirmen in die Bresche. Damit wird die Türkei zum Umschlagplatz für den Warenverkehr von und nach Russland.

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Ein ukrainischer Soldat fotografiert eine beschädigte Kirche in Mariupol.

Mit Raketen auf Kirchen: Wie Russland die ukrainische Kultur zerstört

Rund 400 Museen, Kirchen, Denkmale und Archive sind bislang im russischen Angriffskrieg in der Ukraine zerstört oder schwer beschädigt worden. Kulturwissenschaftler und Künstler kritisieren, dass Russland eine zielstrebige Vernichtung ukrainischer Kultur und Identität anstrebt.

Die Güter werden in türkischen Häfen auf türkische Schiffe umgeladen, die sie dann zu russischen Schwarzmeerhäfen bringen. Andere Ladungen werden auf dem Landweg per LKW über Georgien nach Russland gebracht. Auch das Luftfrachtgeschäft boomt. Turkish Airlines fliegt, ungeachtet der Sanktionen des Westens gegen Russland, mehrmals täglich von Istanbul nach Russland. Auch Aeroflot und andere russische Gesellschaften, die von westlichen Flughäfen verbannt sind, landen in der Türkei.

Russische Spediteure öffnen Büros in der Türkei

Wie die türkische Wirtschaftszeitung „Dünya“ berichtet, eröffnen jetzt immer mehr russische Außenhandelsfirmen und Spediteure Büros in der Türkei. Das unterstreicht die neue Bedeutung des Landes als Drehscheibe für den Russland-Handel. Einer der betriebsamsten Umschlagplätze ist laut „Dünya“ der südtürkische Mittelmeerhafen Mersin. „Hier kommen Ladungen aus aller Welt an, die für Russland bestimmt sind, die Lagerhäuser in Mersin sind überfüllt“, zitiert „Dünya“ Mehmet Serkan Erdem, den Türkei-Manager des italienischen Logistikunternehmens Rif Line. Medikon Shipping, eine der größten türkischen Reedereien, hat jetzt einen neuen Linienverkehr von Mersin über Izmir und Istanbul zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk aufgenommen.

Weitere Frachtschiffe mit Getreide verlassen Häfen in der Ukraine

Die Lieferungen von Getreide aus der Ukraine sollen helfen, Lebensmittelengpässe zu vermeiden.

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Die Drehscheibe Türkei nutzen nach Informationen aus Branchenkreisen auch deutsche Unternehmen, die etwa in Asien produzieren. Früher lieferten sie direkt nach Russland, jetzt wählen sie den Transportweg über die Türkei. Die türkischen Spediteure und Reedereien prüfen nach eigenen Angaben, ob die transportieren Güter auf einer der Sanktionslisten der EU und anderer westlicher Länder stehen. In diesem Fall verweigere man den Transport, heißt es. Aber wie eingehend diese Kontrollen sind, lässt sich schwer beurteilen.

Bekommt Russland auch Kampfdrohnen aus der Türkei?

Politisch weitaus brisanter als die Warentransporte zwischen der Türkei und Russland wäre ein anderes Geschäft, das Putin und Erdogan dem Vernehmen nach bei ihrem Treffen in Sotschi besprechen wollten. Russland hat nach Erdogans Angaben Interesse an türkischen Kampfdrohnen des Typs Bayraktar TB2 gezeigt, wie sie die Ukraine bereits erfolgreich gegen die russischen Invasoren einsetzt. Die Nato-Partner beobachten Erdogans Nähe zu Putin und seine Waffengeschäfte mit Russland wie die Beschaffung des Luftabwehrsystems S-400 seit Langem mit Misstrauen.

Noch hält man Erdogan zugute, dass er dank seiner guten Kontakte zu Putin das Abkommen über die Getreidelieferungen aus der Ukraine einfädeln konnte. Aber wenn der Nato-Staat Türkei jetzt wirklich Kampfdrohnen an Russland liefern würde, die dann gegen die Ukraine eingesetzt werden könnten, würde Erdogan wohl eine rote Linie überschreiten.

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