„Niemand hat mir am Morgen etwas gesagt"

Teilmobilmachung in Russland: Dramatische Abschiedsszenen vor Rekrutierungszentren

Polizisten halten einen Demonstranten während einer Demo in Moskau gegen die Verkündung der Teilmobilmachung fest. Der russische Präsident Putin hat mit sofortiger Wirkung eine Teilmobilisierung von Reservisten in Russland angeordnet.

Polizisten halten einen Demonstranten während einer Demo in Moskau gegen die Verkündung der Teilmobilmachung fest. Der russische Präsident Putin hat mit sofortiger Wirkung eine Teilmobilisierung von Reservisten in Russland angeordnet.

New York. Nach der von Kremlchef Wladimir Putin angeordneten Teilmobilmachung machen dramatische Abschiedsszenen in Russland in sozialen Medien die Runde. Auf Twitter kursierte am Donnerstag ein Video, das Männer beim Verlassen einer Arena zeigte, die offenbar als Rekrutierungszentrum dient. Ehe sie in Busse stiegen, umarmten sie wartende Angehörige. Viele weinten, einige hielten sich vor Kummer die Hand vor den Mund.

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In Moskau bekreuzigten sich Frauen vor einem Mobilisierungszentrum beim Anblick von Männern, die offenbar eingezogen werden sollten. Ein Vater umarmte seinen 25-jährigen Sohn, der nur seinen Vornamen Dmitri nennen wollte. Mit den Worten „Sei vorsichtig“ verabschiedete er sich von ihm.

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Dem russischen Medienunternehmen Ostoroschno Nowosti sagte Dmitri, er habe nicht damit gerechnet so schnell einberufen und losgeschickt zu werden, zumal er noch Student sei. „Niemand hat mir am Morgen etwas gesagt. Sie gaben mir den Einberufungsbescheid, wonach ich um 15 Uhr hier erscheinen sollte. Wir warteten anderthalb Stunden, dann kam der Einberufungsoffizier und sagte, dass wir jetzt gehen“, schilderte er. „Ich sagte: „Oh großartig!“ Ich ging raus und rief meine Eltern, meinen Bruder und alle meine Freunde an, um ihnen zu sagen, dass sie mich mitnehmen.“

Selenskyj ruft zu Protesten in Russland auf

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte russische Staatsbürger in seiner Videobotschaft am Donnerstagabend zum Protest gegen die Teilmobilmachung auf. Zugleich äußerte er Kritik an jenen, die sich dem Druck gebeugt hätten, in der russischen Armee zu kämpfen. Auch gegen Russen wandte er sich, die sich bisher nicht gegen den Krieg ausgesprochen haben. „Ihr seid bereits Komplizen bei all diesen Verbrechen, Ermordungen und Folterungen von Ukrainern“, sagte Selenskyj in seiner Ansprache, in der er ins Russische wechselte. Die russischen Staatsbürger warnte er zudem, dass sie „in ihren Tod geschickt“ würden. Den Russen blieben zum Überleben jetzt nur die Optionen, „zu protestieren, zurückzuschlagen, wegzurennen oder sich der ukrainischen Gefangenschaft zu ergeben“.

Selenskyj fordert nach Teilmobilmachung Russlands „harte Bestrafung und Isolation“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat vor den Vereinten Nationen eine Bestrafung Russlands für den Angriffskrieg gegen sein Land verlangt.

Details zu der Teilmobilmachung hat Putin nicht genannt, bisher heißt es lediglich, dass bis zu 300.000 Reservisten einberufen werden könnten. Die Verunsicherung im Volk scheint so groß zu sein, dass das russische Militär am Donnerstag die Einrichtung eines Callcenters bekanntgab, an das sich Bürger mit Fragen wenden könnten. Selenskyj behauptete, dass bis zu eine Million Männer in Russland eingezogen werden könnten. Ein Kremlsprecher wies dies zurück.

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Ausbildung braucht Zeit

In Washington sagte Pentagonsprecher Pat Ryder, die USA gingen davon aus, dass Russland für Ausbildung und Ausrüstung der neuen Soldaten Zeit brauchen werde. Daher dürften sich die russischen Probleme im Hinblick auf Kommandostruktur, Logistik und Truppenmoral erst einmal nicht beseitigen lassen.

Im Westen wird die Teilmobilmachung als ein Schritt der Verzweiflung nach jüngsten erheblichen ukrainischen Geländegewinnen in zuvor von Russland gehaltenen Gebieten gewertet. Zugleich riskiert Putin, dass der Unmut über die Invasion in die Ukraine im eigenen Land wächst: Nach seiner Anordnung kam es in Russland zu Anti-Kriegsprotesten, bei denen laut Aktivisten mehr als 1300 Menschen festgenommen wurden. Und viele wollen Russland nun schleunigst verlassen. Binnen kurzer Zeit waren Flugtickets ins Ausland ausgebucht.

RND/AP

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