Wie sich ukrainische Zivilisten auf eine mögliche Invasion Russlands vorbereiten

Eine Gruppe von Frauen trainiert in Charkiw den Umgang mit Waffen. Einige Menschen in der zweitgrößten Stadt der Ukraine bereiten sich darauf vor, im Falle einer russischen Invasion zurückzuschlagen.

Eine Gruppe von Frauen trainiert in Charkiw den Umgang mit Waffen. Einige Menschen in der zweitgrößten Stadt der Ukraine bereiten sich darauf vor, im Falle einer russischen Invasion zurückzuschlagen.

Charkiw. Sollte Russland angreifen, seien sie bereit, ihr ziviles Leben aufzugeben und einen Guerillakrieg gegen eine der weltweit größten Militärmächte zu führen, sagen manche Bewohner Charkiws. Die Lage in der zweitgrößten Stadt der Ukraine gilt als besonders brisant. Dennoch wird erwartet, dass auch anderswo viele Ukrainer Ähnliches tun würden.

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Charkiw, das nur 40 Kilometer von der Grenze zu Russland und den dort versammelten Zehntausenden russischen Soldaten entfernt liegt, ist eines der industriellen Zentren der Ukraine. Es gibt dort zwei Fabriken, in denen Panzer gebaut oder instand gesetzt werden.

„Diese Stadt muss geschützt werden“, sagt Viktoria Balesina, die Jugendlichen Tischtennis beibringt und ihr kurzgeschnittenes Haar tiefviolett färbt. Sie müssten etwas tun, dürften nicht in Panik verfallen und nicht in die Knie gehen, sagt sie. Die 55-Jährige ist nur eine von vielen, die so denken. Oft haben sie nicht mehr gemein als den Wunsch, ihre Heimatstadt zu verteidigen und das Bemühen darum, Ukrainisch statt Russisch zu sprechen.

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Frauen treffen sich wöchentlich, um Verteidigungstaktiken zu lernen

Für Balesina veränderte sich das Leben 2014 grundlegend. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und den darauffolgenden Protesten wurde sie unter Druck gesetzt, an pro-russischen Veranstaltungen teilzunehmen, erinnert sie sich. Doch Balesina, die in Charkiw zur Welt kam, dort aufwuchs und ihr ganzes Leben russisch sprach, entschied sich, fortan ukrainisch zu sprechen. Außerdem schloss sie sich einer Gruppe Frauen an, die sich wöchentlich in einem Bürogebäude trafen, um Verteidigungstaktiken zu erlernen. Inzwischen ist nicht nur Balesinas Ukrainisch nahezu perfekt, sie kann auch eine Maschinenpistole nachladen.

Zwar ist es nicht das Leben, das die 55-Jährige erwartet hat. Aber sie hat es als notwendig akzeptiert. Viele andere in ihrem Umfeld hingegen sympathisieren mit Russland. Sie werde die Stadt nicht für diese Leute verteidigen, sondern für die Frauen, mit denen sie trainiert, sagt Balesina.

Swetlana Putilina ist ebenfalls Teil der Frauengruppe. Die 50-Jährige, deren Ehemann Militär-Imam in der ukrainischen Armee ist, hat für ihre Familie und ihre Gruppe geplant, wer Kinder und ältere Angehörige in Sicherheit bringt und wie die Frauen ausrücken werden. „Wenn es möglich ist und unsere Regierung Waffen ausgibt, werden wir sie nehmen und unsere Stadt verteidigen“, sagt die dreifache Mutter, die bereits drei Enkel hat. Wenn nicht, habe sie zumindest eine der Dienstwaffen ihres Mannes zu Hause, und wisse, wie man sie benutzt.

Zahnärzte, Tischtennistrainerinnen und Hausfrauen – laut US-Geheimdiensten der Alptraum Moskaus

In einem anderen Teil Charkiws bereitet sich Oleksandr Dikalo auf den Ernstfall vor. Der Leiter einer staatlichen Zahnklinik schleppt Behandlungsstühle in den labyrinthartigen Keller, der als Notunterkunft für die Bewohner des 16-stöckigen Hauses, in dem sich die Klinik befindet, ausgewiesen ist.

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Auch Dikalo, der einst als Soldat der sowjetischen Armee in Ostdeutschland stationiert war, weiß, wie man eine Waffe bedient. Mit seinen 60 Jahren ist er zwar zu alt, um sich den zivilen Schutzeinheiten anzuschließen, die im ganzen Land gebildet werden, aber auch er ist bereit, Charkiw zu verteidigen. „Wir müssen Hand in Hand gegen den Aggressor kämpfen“, sagt Dikalo.

Zahnärzte, Tischtennistrainerinnen und Hausfrauen, die als Guerillakämpfer ihre mit Schutzkellern ausgestattete Heimatstadt verteidigen, wären Experten und US-Geheimdienstmitarbeitern zufolge ein Alptraum für Russland.

Würden die USA einen möglichen Aufstand unterstützen?

Die Russen wollten die ukrainischen Kampftruppen zerstören und nicht in eine Lage geraten, in der sie ein Gebiet besetzen müssen und es mit Zivilisten und einem Aufstand zu tun bekommen, sagte James Sherr, ein Experte für russische Militärstrategie, vergangene Woche vor einem britischen Parlamentsausschuss.

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In Washington gibt es unterdessen vermehrt Stimmen, die sich für die Unterstützung eines potenziellen Aufstands in der Ukraine durch die CIA und das Pentagon aussprechen. Ein durch die USA gestützter Aufstand könnte eine russische Invasion im großen Stil möglicherweise verhindern. Russland bestreitet, einen Angriff zu planen.

Von Geheimdiensten eingesehene Umfragen unter ukrainischen Bürgern deuteten stark darauf hin, dass es im Falle einer Invasion aktiven Widerstand geben würde, sagen zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen, die anonym bleiben wollten.

Charkiw ist die Hoffnung vieler Beteiligter – aber nicht alle teilen sie

Ob die Lage eskaliere, könnte von Charkiw abhängen, sagte kürzlich auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. „Charkiw hat mehr als eine Million Einwohner. Es wäre nicht einfach eine Besetzung, sondern der Beginn eines großflächigen Krieges“, sagte er der US-Zeitung „Washington Post“.

Vor einer derartigen Eskalation fürchtet sich Anton Dozenko. Mit 18 Jahren war er noch in der Protestbewegung aktiv, die die pro-russische Regierung 2014 zu Fall brachte. Inzwischen ist er 24 Jahre alt und hat genug von den Umwälzungen in seiner Heimat.

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„Das ist ein dummer Krieg, und ich denke, dass das alles auf diplomatischem Wege gelöst werden könnte. Das Letzte, was ich tun möchte, ist mein Leben, mein wertvolles Leben, für etwas Sinnloses zu opfern“, sagt Dozenko während er vor einem Charkiwer Nachtclub eine Zigarette raucht. Die jungen Menschen, die drin tanzen, würden ihm zustimmen, sagt er auf Russisch. „Wenn der Krieg beginnt, werden alle davonlaufen.“

Charkiw: Front- und Heimatstadt

Genau das will eine nationalistische Jugendgruppe verhindern, die sich wöchentlich auf einer verlassenen Baustelle trifft, um Manöver zu üben. Die Männer, die sich dieser Gruppe oder den staatlichen Einheiten anschließen, haben bereits bewiesen, dass sie den kommenden Herausforderungen gewachsen sind, wie einer der Ausbilder sagt, der sich Pulsar nennt.

Charkiw sei nicht nur seine Heimatstadt, sondern auch „eine Frontstadt, die wirtschaftlich und strategisch wichtig ist“, sagt er und fügt hinzu, dass viele Einwohner Charkiws bereit seien, „ihresgleichen bis zum Ende zu schützen“.

In der Hauptstadt Kiew und in Lwiw im Westen des Landes ist die Stimmung ähnlich. Sowohl ihre Generation als auch ihre Kinder seien bereit, sich zu verteidigen, sagt Maryna Zeluiko, eine 40-jährige Bäckerin, die sich gemeinsam mit ihrer 18-jährigen Tochter in Kiew als Reservistin gemeldet hat. „Die Ukrainer haben eine lange Tradition im Guerillakrieg. Wir wollen nicht gegen die Russen kämpfen. Es sind die Russen, die uns bekämpfen.“

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RND/AP

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