„Ich realisierte, dass wir in der Falle saßen“: Das Trauma des Sturms auf das US-Kapitol

Am 6. Januar 2021 stürmten Anhänger des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump das Kapitol in Washington. (Archivbild)

Washington. Beim Sturm auf das US-Kapitol vor einem Jahr waren die meisten Kongressmitglieder in dem Gebäude längst in Sicherheit gebracht worden, als etwa drei Dutzend demokratische Abgeordnete noch auf der Empore ausharrten. Sie pressten ihren Körper auf den harten Marmorfußboden und suchten Deckung. Sie saßen auf der Empore fest, als Anhänger des damaligen Präsidenten Donald Trump am 6. Januar versuchten, die Türen einzuschlagen. Im Angesicht der Gefahr riefen sie ihre Familien an.

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Sie griffen sich Gegenstände, um sie als Waffen einzusetzen und bereiteten sich innerlich auf einen Kampf vor. Viele dachten, sie würden sterben. „Ich realisierte, dass wir in der Falle saßen“, sagt Jason Crow, ein Abgeordneter aus Colorado und früherer Ranger des Heeres, der in Irak und Afghanistan diente. „Sie hatten zuerst das Erdgeschoss evakuiert. Und sie haben uns vergessen.“

Die Abgeordneten waren sowohl Zeugen als auch Opfer eines beispiellosen Angriffs auf die amerikanische Demokratie. Mit einer kleinen Zahl von Kongressbediensteten und Medienmitarbeitern harrten sie in der Kammer aus, während sich die Kapitolspolizei mühte, den Mob zurückzuhalten. Erst etwa eine Stunde nach Beginn der Belagerung wurden sie schließlich in Sicherheit gebracht.

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Gasmasken, Explosionen, Schläge gegen verschlossene Türen

Vor dem Jahrestag des Sturms auf das Kapitol redete die Nachrichtenagentur AP mit zehn der Abgeordneten. Sie sprachen von einem traumatischen Erlebnis. Sie erinnern sich an das laute, hornissenartige Summen ihrer Gasmasken. An das explosionsartige Krachen von Tränengas in den Gängen vor der Tür. Die Schreie von Sicherheitskräften mit der Aufforderung, in Deckung zu bleiben. Die donnernden Schläge gegen Türen im Erdgeschoss. Zersplitterndes Glas, als die Aufrührer durch ein Fenster drängten. Das Rütteln am Knauf der verschlossenen Türen nur wenige Meter hinter ihnen.

Und am Prägnantesten: der laute Knall eines Schusses, der durch die Kammer hallte. „Ich habe in meinem Leben viele Schüsse gehört, und es war ganz klar, was das war“, sagt Crow. „Ich wusste, dass die Dinge ernstlich eskaliert waren.“

Der Schuss wurde von einem Polizeibeamten abgefeuert, der damit eine Trump-Anhängerin tötete. Sie hatte versucht, durch das eingeschlagene Fenster einer Tür zu kriechen, die zur Abgeordnetenkammer führt. Sowohl das Justizministerium als auch die Kapitolspolizei ermittelten zu dem Schuss und lehnten eine Anklageerhebung ab.

Trump wollte, dass seine Anhänger „wie der Teufel kämpfen“

Die verängstigten Abgeordneten kannten das Ansinnen des Mobs: den Kongress an der Beglaubigung des Wahlsiegs von Joe Biden und damit als künftigem Präsidenten zu hindern. Wie üblich hatte der Vizepräsident, Mike Pence, die Zeremonie im Abgeordnetenhaus geleitet.

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Trump hatte sich das anders vorgestellt. Er verbreitete Lügen über angeblichen Wahlbetrug, die sogar von seinem eigenen Justizministerium zurückgewiesen wurden. Und er übte Druck auf Pence aus, sich der Beglaubigung zu widersetzen - was ein Verstoß gegen die Verfassung gewesen wäre und politisches Chaos ausgelöst hätte. Pence weigerte sich, doch Trump hielt vor Beginn der Beglaubigungszeremonie eine Kundgebung ab, in der er Hunderte Anhänger aufrief, „wie der Teufel zu kämpfen“.

Die Abgeordnete Val Demings, eine frühere Polizeichefin aus Orlando in Florida, erschauderte, als die Polizei von einem „Durchbruch“ in das Gebäude sprach. Sie habe gewusst, dass das bedeute, dass die Polizei ihrer Verteidigungskette verlustig gegangen sei. Und als frühere Polizistin wisse sie, „dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan hätten, um diese Kette zu halten, um uns zu schützen“. Auf der Empore haben sie zu einem ihrer Kollegen gesagt: „Denk dran, wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte. Wenn wir heute alle sterben, kommt eine andere Gruppe und bestätigt“ den Wahlsieg Bidens.

Noch in der Nacht trat der Kongress erneut zusammen und beglaubigte Bidens Sieg.

„Die Emporen-Gruppe“

In den Tagen nach dem Angriff schlossen sich viele der Abgeordneten, die auf der Empore ausharrten, in einer Textbotschaften-Gruppe zusammen, aus der rasch therapeutische Gruppensitzungen hervorgingen. Sie nannten sich selbst „die Emporen-Gruppe“, und der Name blieb hängen. Noch heute tauschen die Mitglieder fast täglich Textbotschaften aus.

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Viele begaben sich später in Therapie. Bei manchen wurde posttraumatischer Stress diagnostiziert. Andere sagen, noch mehr habe sie die zunehmende Tendenz unter republikanischen Abgeordneten und Teilen der Öffentlichkeit traumatisiert, die damals ausgeübte Gewalt herunterzuspielen oder zu ignorieren.

Die Abgeordnete Annie Kuster entkam an jenem 6. Januar mit drei Kollegen durch die Türen der Empore, unmittelbar bevor die andere Abgeordneten dort eingeschlossen wurden. Als Kusters Gruppe den Gang erreichte, stürmte eine Gruppe Angreifer auf sie zu. „Wir drückten uns in den Fahrstuhl“, sagt Kuster. Sie habe „diesen unglaublichen Polizisten“ gefragt, was geschehe, wenn sich die Fahrstuhltür öffne „und sie uns töten“. Sie werde nie vergessen, wie er geantwortet habe: „Ich bin da, um Sie zu beschützen.“ Und „er war da, um unsere Demokratie zu beschützen“, sagt Kuster.

„Als mein Mann reinkam, schluchzte ich einfach nur“

Irgendwann entschied die Kapitolspolizei schließlich, dass das Obergeschoss sicher war, obwohl Aufständische unten noch immer versuchten, die Türen zu durchbrechen. Die Abgeordneten und die anderen Menschen wurden eilig nach draußen gebracht, über zahlreiche Treppen und Gänge. Beim Verlassen der Empore sahen sie, wie Beamte mit gezückter Waffe fünf oder sechs Aufständische am Boden festhielten - nur Zentimeter von den Türen zur Empore entfernt.

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Zwei Tage später war Kuster zurück zu Hause und schaute sich stundenlang Videomaterial von dem Aufstand an. Ihr Trauma wurde dadurch nur schlimmer. „Als mein Mann reinkam, schluchzte ich einfach nur“, erinnert sich Kuster. „Er nahm mich in den Arm und sagte: ‚Ich weiß nicht, ob es das Beste für dich ist, das anzuschauen.‘ Aber wir müssen der Realität dessen, was an diesem Tag passiert ist, ins Auge sehen - einem „Verbrechen gegen unser Land“, sagt Kuster.

RND/AP

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