Ex-Außenminister Gabriel ruft nach internationaler Afghanistan-Konferenz

Sigmar Gabriel, Außenminister a. D., ist seit 2019 Vorsitzender der Atlantikbrücke.

Sigmar Gabriel, Außenminister a. D., ist seit 2019 Vorsitzender der Atlantikbrücke.

Sigmar Gabriel (61) war von 2009 bis 2017 Bundesvorsitzender der SPD. Der frühere Ministerpräsident von Niedersachsen übernahm ab 2005 in der großen Koalition in Berlin drei Ministerämter: Umwelt (bis 2009), Wirtschaft (bis 2017) und zuletzt Außen (bis 2018). Aus dem Bundestag ist Gabriel ausgestiegen. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Atlantikbrücke, eines Vereins zur Förderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen.

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Herr Gabriel, die westliche Welt blickt gerade stumm vor Schreck auf die Trümmer der eigenen Afghanistan-Politik. Vielen ist unklar, wie es nun weitergehen kann. Haben Sie eine Idee?

Wir brauchen eine internationale Afghanistan-Konferenz. Je eher sie stattfindet, umso besser. Die Rolle des Gastgebers könnten die Europäer übernehmen, zu denken wäre aber auch an Katar, das ja schon seit Monaten eine vermittelnde Rolle spielt. An den Konferenztisch gehören nicht nur die Weltmächte USA, China und Russland. Diese drei sind wichtig, aber ihr Einfluss speziell auf Afghanistan wurde vielleicht immer auch ein wenig überschätzt. Eine Schlüsselrolle spielen aus meiner Sicht auch Pakistan und der Iran. In diesen beiden Staaten, direkte Nachbarn Afghanistans, laufen bekanntlich auch Atomprogramme. Und die Verbindung von Fundamentalismus und nuklearer Bedrohung mag man sich nicht vorstellen …

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Klingt kompliziert.

Das ganze Leben ist kompliziert. Aber im Ernst: Was soll denn die Alternative sein? Ich kenne keine. Will jemand die Taliban erneut mit Waffengewalt vertreiben? Das würde einen neuen Krieg bedeuten. Eine aktive westliche Diplomatie kann und muss jetzt einen Beitrag dazu leisten, dass ein großes Blutvergießen verhindert wird.

Vertrauen Sie denn den Taliban?

Zur Diplomatie gehört nun mal, dass man sich auch mit Leuten zusammensetzt, die ganz anders sind als man selber und deren Grundüberzeugungen man nicht teilt. Man kann natürlich Zusammenkünfte solcher Art auch grundsätzlich vermeiden, dann hat man im Leben mehr Zeit für sich selbst. Aber man hat dann auch weniger Einfluss. Tatsache ist: Die Amerikaner verhandeln schon seit zwei Jahren mit den Taliban. In Deutschland wurde der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck ausgelacht, als er schon im Jahr 2007 genau diesen Weg empfohlen hatte.

Sigmar Gabriel und der - inzwischen ins Ausland geflohene - Präsident von Afghanistan, Aschraf Ghani, in Kabul im Jahr 2018.

Sigmar Gabriel und der - inzwischen ins Ausland geflohene - Präsident von Afghanistan, Aschraf Ghani, in Kabul im Jahr 2018.

Mit welcher Linie sollte der Westen in diese Gespräche gehen?

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Wir wollen, dass von Afghanistan keine neue terroristische Bedrohung für die westliche Welt ausgeht. Das ist der zentrale Punkt. Mit den Taliban muss man also darüber reden, wie sie dies gewährleisten und nachweisen können. Es mag sein, dass es da auch zu Streit kommt innerhalb der Taliban, bei denen es ja diverse Strömungen gibt. Es gibt keine Erfolgsgarantie. Aber man wird hoffentlich mit jenen Taliban reden können, denen es schon immer darauf ankam, nur ja keine ausländischen Truppen im Land zu dulden; da gibt es eine lange nationalistische, identitäre Tradition. Die spannende Frage ist: Kann nach dem Abzug eine neue Art von Zusammenarbeit entwickelt werden, wenn der Westen diese Grundhaltung akzeptiert? Auch die Taliban wissen, dass ihr Land arm ist und dass eine Zusammenarbeit mit dem Westen in vielen Punkten in ihrem wohlverstandenen eigenen Interesse liegen kann.

Ist der Westen nicht schon abgemeldet in Afghanistan? Als große Gewinner sehen sich doch jetzt gerade Russland und China.

Das Chaos in Kabul ist eine Blamage für den Westen und bietet natürlich viel Anlass für Spott und Häme. Doch das Triumphgeheul dieser Tage in Moskau und Peking wird bald verklingen. In Wirklichkeit blicken Russland und China mit sehr gemischten Gefühlen nach Afghanistan. Beide fürchten einen durch übermütig werdende Taliban neu aufflackernden Fundamentalismus in ihren eigenen Einflusszonen. Russland hat dabei die früheren Sowjetrepubliken Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan im Blick, China fürchtet Unruhen in seiner an Afghanistan grenzenden muslimischen Provinz Xinjiang. Es gibt also quer durch die Region ein durchaus weitverbreitetes Interesse an Stabilität. Man kann nur hoffen, dass dieser Minimalkonsens genügt, um eine internationale Afghanistan-Konferenz in Gang zu bringen und der neuen Regierung in Kabul einen Rahmen zu setzen, der den jetzt eingetretenen Schaden in Grenzen hält.

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