Katholische Kirche am Scheideweg: Das sagen Kirchenfunktionäre und Laien

„Mein G*tt diskriminiert nicht“ steht zu Beginn der Dritten Synodalversammlung der deutschen Katholiken auf einem Protestschild.

„Mein G*tt diskriminiert nicht“ steht zu Beginn der Dritten Synodalversammlung der deutschen Katholiken auf einem Protestschild.

Berlin. Die katholische Kirche steht unter Erneuerungsdruck. Das zuletzt veröffentlichte Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freising hat die Rufe nach Reformen, Machtteilung und mehr Basisbeteiligung lauter werden lassen.

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Unter diesen Vorzeichen startete am Donnerstag die dritte Vollversammlung des sogenannten Synodalen Wegs in Frankfurt am Main. Die Präsidentin des Zentralkomitees der Katholiken (ZDK), Irme Stetter-Karp, glaubt, dass es zu Einigungen auf Reformen in der katholischen Kirche kommt. „Ich bin optimistisch, dass wir in dieser Versammlung die notwendigen Grundlagen dafür schaffen, dass die Bischöfe ins Handeln kommen können“, sagte sie im Deutschlandfunk. Das dürfe nicht erst in ein paar Jahren geschehen, sondern jetzt. „Sonst haben sie uns als Laien verloren.“

Dass Gewalt mit Machtmissbrauch, Rollenbildern und mangelnder Partizipation zu tun hat, sei eindeutig, mahnte Stetter-Karp. „Wir können noch so viele Gutachten veröffentlichen, es wird immer wieder die gleichen Muster zeigen.“ Daher komme es jetzt auf schnelle Veränderungen an.

Das sagen Kirchenfunktionäre:

Beate Gilles, Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz

Dr. Beate Gilles ist seit letztem Jahr Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz.

Dr. Beate Gilles ist seit letztem Jahr Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz.

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„Die Lage der Kirche ist dramatisch. Wir stecken in einer tiefen, fundamentalen Krise. Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Kirche sind verloren gegangen – das trifft uns bis ins Mark. Die Bistümer haben sich zur Aufarbeitung verpflichtet, und es wird weitere Analysen und Aufdeckungen geben, wo nicht angemessen agiert wurde und wer Täter geschützt und Betroffene nicht gesehen hat. Das erschüttert jedes Mal, aber es ist wichtig, jeden Fall sichtbar zu machen.

Gleichzeitig haben die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee deutscher Katholiken sich auf einen Reformweg gemacht, der in einer beeindruckenden Geschwindigkeit die Themen wie Macht, Beteiligung, Sexualmoral konkretisiert und Lösungsvorschläge macht. Das schenkt mir Mut.

Denn: Kirche sind vor allem die Gemeinden, in denen der Glaube lebendig ist, sind unsere Caritas-Einrichtungen mit mehr als 1,2 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sind unsere 908 katholischen Schulen, sind 600.000 Jugendliche im BDKJ. Ja, die Kirche hat gesündigt. Und ebenso ein entschiedenes Ja: Sie ist zur inneren Reform bereit. Daran arbeiten wir, daran lassen wir uns messen.“

Heiner Koch, Erzbischof von Berlin

Erzbischof Heiner Koch.

Erzbischof Heiner Koch.

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„Menschen, denen Kirche Leid zugefügt hat, die in Angst leben, eine Kirche, die sich zu langsam reformiert: Auch wenn es massive Gegengründe gibt, bleibe ich zuversichtlich. Mich trägt die Hoffnung auf eine Kirche, die sich nicht um sich selbst und ihr Image, sondern um die Menschen kümmert. Diese Hoffnung wird sich erfüllen, wenn ich mit anderen Verantwortung übernehme und Macht mit ihnen teile.

Ich sehe die vielen, die uns verlassen, aber ich bin gleichzeitig dankbar für die, die uns in die Pflicht nehmen, die auftreten statt auszutreten, für die Mutigen von #OutInChurch und von Betroffeneninitiativen, für die vielen, die in Stille und Verlässlichkeit ihren Dienst in der Kirche erfüllen.

Ich gehe voller Hoffnung weiter auf dem Synodalen Weg trotz mancher Anspannung und Verärgerung bei aller Verschiedenheit der Ansichten und Überzeugungen. Ich bin zuversichtlich, dass wir zusammenbleiben. Vor allem aber bin ich sicher, dass Gott bei uns und seiner Kirche bleibt und mit uns weitergeht.“

Eva Maria Welskop-Deffaa, Caritas-Präsidentin

Eva Maria Welskop-Deffaa ist Präsidentin der Caritas, dem größten Wohlfahrtsverband Deutschlands.

Eva Maria Welskop-Deffaa ist Präsidentin der Caritas, dem größten Wohlfahrtsverband Deutschlands.

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„Trauer und Wut, Verzweiflung und schwindende Hoffnung: Diesen Gefühlen begegnen wir in diesen Tagen immer mehr. Auch viele Mitarbeitende der Caritas, auch ich hadern mit unserer Kirche. Der Missbrauch und die Vertuschung des Missbrauchs haben Menschen in ihrem tiefsten Innern verletzt. Aber ich erlebe tagtäglich auch den ganz konkreten Beitrag, den die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden der Caritas in unseren Einrichtungen und Diensten für Menschen in Not leisten. Sie geben Zeugnis von einer anderen Kirche, von einer Kirche tätiger Nächstenliebe.

Wenn unsere Kolleginnen und Kollegen an den Krankenbetten stehen, in den Unterkünften für Wohnungslose, in den Beratungsstellen, dann wird in ihrem Handeln der Gott erfahrbar, der alle Nöte hört, der alle Sprachen spricht. Hoffnung macht mir auch der Reformwille, den ich sehr stark spüre, nicht zuletzt im Synodalen Weg. Diesen Prozess der deutschen katholischen Kirche für einen Neuanfang unterstützt die Caritas ganz konkret, indem Caritas-Persönlichkeiten in den Arbeitsstrukturen des Synodalen Weges mitwirken und indem wir mit eigenen Vorschlägen Reformprozesse anstoßen.“

In unserer Bildergalerie lesen Sie, was Laien über die Zukunft der Kirche denken

Viele Gemeindemitglieder hadern inzwischen mit ihrer Kirche, manche denken sogar an Austritt:

Die Lage der katholischen Kirche in Deutschland war lange nicht mehr so prekär wie derzeit. Ob der Synodale Weg wirklich ein Ausweg ist? Kirchenkritiker bezweifeln das und werfen Bischöfen eine Täuschungsstrategie vor.

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Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx bittet hingegen katholische Kirchenzweifler darum, nicht voreilig aus der Kirche auszutreten. „Wir brauchen auch die kritischen Geister, wir brauchen die Suchenden, die Fragenden, die Zweifelnden, die Verärgerten“, sagte er am Mittwochabend in einer Predigt im Münchner Liebfrauendom.

Mitarbeit: Kristian Blasel / Ulf Dahl / Jérôme Lombard / Stefan Rothe / Benjamin Waetzold / Dominic Welters

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