Hunger: die Krise im Schatten der Pandemie

Länder in Subsahara-Afrika, wie etwa Malawi und Kenia, sind besonders betroffen. (Symbolbild)

Länder in Subsahara-Afrika, wie etwa Malawi und Kenia, sind besonders betroffen. (Symbolbild)

Berlin. Im Schatten der Pandemie hat sich eine andere globale Krise verschärft. Rasant und für viele in der westlichen Welt nahezu unbemerkt hat die Zahl der hungernden Menschen zugenommen. „Die Covid-19-Pandemie hat zusätzlich bis zu 132 Millionen Menschen in akute Hungergefahr gebracht“, sagt die Präsidentin von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe, Dagmar Pruin, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die negativen Auswirkungen der Pandemie auf die Welternährung hätten in diesem Jahr voll durchgeschlagen.

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Diese erschütternde Bilanz hat wirtschaftliche und strukturelle Ursachen. So konnten etwa Bäuerinnen und Bauern im Lockdown ihre Produkte nicht mehr verkaufen und mussten sich verschulden, erklärt Pruin. „Millionen von Schülerinnen und Schülern fehlte das Schulessen.“ Die wirtschaftliche Krise habe vielen Staaten zudem die Möglichkeit genommen, die Pandemiefolgen über Sozialprogramme abzumildern. Nun hätten die Armen in den Städten kein Einkommen mehr, um sich etwas zu essen zu kaufen, sagt sie.

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Hilfsorganisationen teilen Gebiete in fünf Hungerstufen ein: Minimal/Kein Hunger, moderate Ernährungssicherheit, Nahrungskrise, Hungernotfall – und Hungerkatastrophe. Mindestens 584.000 Menschen befinden sich in Stufe fünf, heißt es im „Global Networks against Food Crisis“-Report aus dem vergangenen September. Der Bericht schließt 42 Länder beziehungsweise Territorien ein, von denen Daten bekannt sind. Aus abgeschotteten Ländern wie Venezuela und Nordkorea sind keine Daten verfügbar. Vermutlich leiden also noch Hunderttausende weitere Menschen Hunger.

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Länder in Subsahara-Afrika, wie etwa Malawi und Kenia, sind besonders betroffen. Nach Schätzungen der Weltbank war die Wirtschaft in Afrika 2019 noch um 2,4 Prozent gewachsen. 2020 schrumpfte sie dann um 3,3 Prozent. „Die von Covid-19 verursachte wirtschaftliche Störung hat die Hungerkrise in einen Abgrund getrieben“, sagte Sean Granville-Ross, Regionaldirektor für Afrika bei der Wohlfahrtsorganisation Mercy Corps, der Nachrichtenagentur AP.

Anwohner stehen inmitten von Häusern, die beschädigt wurden, als ein Benzinlaster umkippte und explodierte. Bei der Explosion im Norden des bitterarmen Karibikstaats Haiti sind im Dezember mindestens 61 Menschen ums Leben gekommen.

Anwohner stehen inmitten von Häusern, die beschädigt wurden, als ein Benzinlaster umkippte und explodierte. Bei der Explosion im Norden des bitterarmen Karibikstaats Haiti sind im Dezember mindestens 61 Menschen ums Leben gekommen.

Auch Menschen in Afghanistan, Brasilien und Haiti durchleben dramatische Nahrungsknappheit. Nicht nur die Pandemie ist verantwortlich, auch Dürren und militärische Konflikte eskalieren die Lage.

Brot-für-die-Welt-Präsidentin Pruin plädiert dafür, mit Ernteüberschüssen in Krisenfällen Engpässe zu überbrücken und hohe Preisanstiege zu verhindern. Wenn es in der Pandemie zu Lockdowns komme, sei es sehr effektiv, lokale Märkte zu unterstützen. Zudem setze sich die Hilfsorganisation für Sofortmaßnahmen wie Nahrungsgutscheine ein.

Geringe Impfquoten

Als Weiteres kommt hinzu: In einigen von Hunger betroffenen Regionen ist oft nur ein kleiner Teil der Bevölkerung geimpft. In Malawi etwa sind weniger als 5 Prozent gegen Corona immunisiert. Das liegt an fehlender Logistik, Impfskepsis in Teilen der Bevölkerung – und am Impfstoffmangel. Zwar verteilte die Covax-Initiative bis Ende Dezember 907 Millionen Impfstoffdosen an 144 Länder und Territorien, für Doppel- oder sogar Dreifachimpfungen ist das jedoch nicht ausreichend.

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Virusvarianten sind dort wahrscheinlicher, wo der Schutz in der Bevölkerung geringer ist. Es ist ein Teufelskreis: Je länger die Pandemie die ärmeren Staaten beschäftigt, desto größere Auswirkungen könnte sie auf die Hungerkrise haben. „Die Pandemie hat die soziale Ungleichheit auf dem Land und in den Städten massiv verschärft und damit auch den Hunger“, unterstreicht Pruin.

Ein Lösungsansatz für eine gerechtere Impfstoffverteilung wäre die vorübergehende Freigabe der Patente, wofür sich beispielsweise die USA ausgesprochen haben. Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) hält davon nichts, wie sie kürzlich im RND-Interview sagte. Das wiederum kritisiert die Linkspartei. „Ohne weltweite Impfgerechtigkeit kein Sieg über die Pandemie“, sagt die Co-Chefin Susanne Hennig-Wellsow dem RND.

„Impfstoffe an arme Staaten zu spenden, wie es Deutschland bisher getan hat, ist keine Lösung. Wir müssen die Hürden einreißen, also die Patente freigeben und die Produktion in weltweit bestehenden Fabriken mit Finanzhilfen ankurbeln.“ Hennig-Wellsow verlangt von der Bundesregierung, sich der Initiative einiger Staaten zur Aussetzung der Impfpatente anzuschließen.

Omikron hat sich in vielen afrikanischen Ländern bereits weit verbreitet. Sie stürzt manche in die nächste wirtschaftliche Krise. Die Weltnahrungsknappheit muss Pruin zufolge ganz oben auf die politische Agenda. „Es wäre ein wichtiges Signal, wenn sich die neue Bundesregierung für eine Sondersitzung des Welternährungsausschusses (CFS) starkmachen würde“, fordert sie.

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