Fünf Jahre nach Ausschreitungen in Heidenau: Ein Ort will seine Ruhe

So wurde Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am 26. August 2015 in Heidenau empfangen.

So wurde Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am 26. August 2015 in Heidenau empfangen.

Berlin/Heidenau. Im Rathaus von Heidenau wollen sie nichts mehr sagen. In die sächsische Stadt unweit von Dresden sei wieder “Ruhe eingekehrt”, heißt es im Büro von Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU). Deshalb wolle man “die ganze Sache nicht wieder aufwärmen”.

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Also: kein Interview.

Fünf Jahre ist es her, dass mehrere Hundert Menschen den Zugang zu einem zweigeschossigen Praktiker-Baumarkt in Heidenau blockierten, in dem bis zu 600 Flüchtlinge untergebracht werden sollten. Organisierte Rechtsradikale unter Führung der NPD randalierten, mit Zustimmung oder tätiger Mithilfe der sprichwörtlich gewordenen “besorgten Bürger”, warfen mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern und attackierten Polizisten, von denen 31 verletzt wurden.

52 der 320 bereits anwesenden Flüchtlinge waren Kinder.

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Die Ausschreitungen in jenen heißen Sommernächten waren so heftig, dass am 25. August der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) anreiste und einen Tag später sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich beschämt und abgestoßen zeigte.

Von Gabriels Besuch ist der Satz haften geblieben: “Bei uns zu Hause würde man sagen, das ist Pack, was sich hier herumgetrieben hat.” Er findet daran bis heute nichts Falsches.

Stadt Heidenau ist weiter gespalten

In Heidenau selbst sind die Tage unvergessen. “Die Gefahr einer Eskalation wie vor fünf Jahren scheint mir jetzt nicht gegeben”, sagt die evangelisch-lutherische Pfarrerin Erdmute Gustke, die “erschrocken” war über die sich entladende Gewalt. Ansonsten hätten sich die Positionen der Heidenauer aber vermutlich nicht grundlegend verändert.

“Es gibt weiterhin ernst zu nehmende latente Fremdenfeindlichkeit”, berichtet die Theologin – “und gleichzeitig sehr viele engagierte Jugendliche, Frauen und Männer, die sich für ein gutes Miteinander einsetzen.” So sei ein “Netzwerk Heidenau” entstanden, in dem sich Wohlfahrtsverbände und Vertreter der Stadt ebenso engagierten wie Kirchengemeinden und Vereine. Da würden Begegnungen organisiert und Filme gezeigt, da werde Deutschunterricht gegeben und gemeinsam gekocht.

Die Flüchtlingsunterkunft gibt es längst nicht mehr. Schon im April 2016 zogen die letzten Flüchtlinge aus. Ein Unternehmen der Region nutzt die Räume als Lager für Möbel. Unter den 16.400 Einwohnern der Stadt leben gerade mal noch 115 Flüchtlinge – dezentral.

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Dafür hält die juristische Aufarbeitung der Ausschreitungen an. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Dresden sind noch fünf Strafverfahren gegen insgesamt zwölf Angeklagte anhängig. Darunter seien zehn Personen bereits verurteilt, aber noch nicht rechtskräftig, heißt es.

Insgesamt wurden 77 Ermittlungsverfahren geführt und 31 Angeklagte rechtskräftig abgeurteilt. Die Vorwürfe lauteten: schwerer Landfriedensbruch, gefährliche Körperverletzung, Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Von Berlin aus betrachtet waren die Nächte von Heidenau eine Etappe eines aufgeheizten Sommers, in dem vor allem die ländlichen Regionen Ostdeutschlands gegen den Zuzug von Asylsuchenden rebellierten. Für die Bundesregierung ging es im wahrsten Sinne des Wortes darum, Flagge zu zeigen.

“Ich erinnere mich noch gut an meinen damaligen Besuch in Heidenau, und ich konnte weder damals noch kann ich heute Fakten von Emotionen trennen”, sagt Gabriel. “Denn wenn von außerhalb angereiste Ausländerhasser und Rechtsradikale versuchen, die in Heidenau lebenden Bürgerinnen und Bürger aufzuhetzen und sogar damit drohen, eine Flüchtlingsunterkunft niederzubrennen, dann ist es mir unmöglich, darauf kühl und emotionslos zu blicken.”

Mutiger Bürgermeister

Der inzwischen aus der Politik ausgeschiedene Sozialdemokrat betont zwar: “Man durfte damals und man darf heute in Deutschland zur Frage der Flüchtlingsaufnahme unterschiedliche Meinungen haben und die auch sagen.” Die Grenze sei jedoch dort überschritten, wo offen zur Gewalt gegen Menschen aufgefordert werde.

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Dies hätten damals angereiste Neonazis getan, und dazu dürfe man nicht schweigen. Da sei das Wort “Pack” angebracht.

“Mir fällt für diejenigen, die dort bis hin zur Brandstiftung gehen wollten und ihre hetzerischen Parolen verbreitet haben, auch heute noch kein schönerer Begriff ein”, sagt Gabriel. “Ich fand es richtig, denjenigen, die sich zu dem ‘wahren deutschen Volk’ erklären wollten und doch nichts anderes waren als Volksverhetzer, sprachlich mal eine Grenze zu setzen. Denn das, was sich diese Rechtsradikalen da angemaßt haben, ist ja gerade nicht Deutschland und übrigens auch nicht Heidenau.”

Die Gespräche auf der Straße mit den Einwohnern seien nämlich völlig normal und unaufgeregt gewesen. Wenn sich heute nicht zuletzt AfD-Vertreter von dem Begriff “Pack” gemeint empfänden, dann könne er nur sagen: “Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm passt.”

Der im August 2015 als “Volksverräter” beschimpfte Bürgermeister hat unterdessen keinen Grund, sich zu verstecken – im Gegenteil. Jürgen Opitz rief seinerzeit zur “Solidarität mit den Flüchtlingen” auf. Doch offenbar ist die Ruhe in Heidenau unverändert so brüchig, dass er das Thema lieber nicht noch einmal anrührt.

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