Experten von Wirkung überrascht

Günstig, aber tödlich: Wie die Ukraine türkische Drohnen gegen Putins Truppen einsetzt

Eine in der Türkei hergestellte Drohne Typ Bayraktar TB2 wird während einer Probe für eine Militärparade in Kiew anlässlich des Unabhängigkeitstages gezeigt. (Archivbild)

Eine in der Türkei hergestellte Drohne Typ Bayraktar TB2 wird während einer Probe für eine Militärparade in Kiew anlässlich des Unabhängigkeitstages gezeigt. (Archivbild)

Ankara. Seit drei Wochen halten die russischen Bombardements nun schon an, und doch schlagen sich die ukrainischen Truppen bisher erstaunlich wacker. Ihre Städte verteidigen sie nicht zuletzt mit Drohnen aus türkischer Produktion, mit denen sie blitzartige Attacken auf die russischen Angriffstruppen ausführen. In ihrer Tödlichkeit ist die Taktik zur Überraschung westlicher Militärexperten ziemlich effektiv.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle News zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Bayraktar TB2 heißen die unbemannten Luftfahrzeuge. Bestückt sind sie mit leichtgewichtigen, lasergelenkten Bomben. Ihre Wirkung entfalten sie in der Regel in Konflikten mit niedrigem Technologieniveau. An Dutzende Länder hat die Türkei die Fluggeräte schon verkauft, etwa an Aserbaidschan, Libyen, Marokko und Äthiopien.

Experte: Drohnen waren gerade zu Kriegsbeginn wirkungsvoll

In der Frühphase des Ukraine-Konflikts hätten die Drohnen unerwartet erfolgreiche Angriffe ausgeführt, noch ehe russische Kräfte in der Lage gewesen seien, ihre Luftabwehr auf dem Schlachtfeld aufzubauen, sagt Jack Watling von der Forschungseinrichtung Royal United Services Institute mit Sitz in London.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dabei sollten die TB2 eigentlich keine besondere Wirkung erzielen, da es sich um langsam fliegende Luftfahrzeuge für mittlere Flughöhen handle, die einen gleichermaßen großen elektromagnetischen Fußabdruck und Radarquerschnitt hätten. Letzteres bedeutet, dass sich die Drohnen über Radar leichter orten lassen können. „Und die Russen haben sehr leistungsfähige Luftabwehrsysteme, so dass sie abgeschossen werden müssten“, erklärt Watling. „Das Terrain ist sehr offen und ermöglicht gute Radarerfassung.“

Mit der Zeit dürften sich die russischen Truppen besser organisieren und ihre Luftabwehr stärker in Stellung bringen. Dann dürfte der Spielraum für den Einsatz der Drohnen schrumpfen. Schon jetzt lasse sich beobachten, dass die Ukraine Umsicht walten lassen müsse, wenn es darum gehe, wann sie die Fluggeräte aufbiete, sagt der Experte.

Drohnen werden im Internet gefeiert

Lob für die Effizienz der türkischen Drohnen kam auch vom britischen Verteidigungsminister Ben Wallace. Einer der Wege, über die die ukrainischen Truppen Luft- und Feuerunterstützung bekämen, erfolge über die türkischen unbemannten Fluggeräte, die ihrer Artillerie und ihren Versorgungslinien Munition lieferten, sagte Wallace unlängst im Parlament in London. Dies sei ungemein wichtig, um den russischen Vormarsch zu bremsen oder zu blockieren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch abseits des Schlachtfelds werden die Drohnen abgefeiert - und zwar in den sozialen Medien. Videos von durch Bayraktars zerstörten russischen Panzern sind zu Internethits geworden - und zu wichtigen Werkzeugen im Informationskrieg der Ukraine. Deren Botschafter in der Türkei, Wasyl Bodnar, teilte Videos von Drohnenangriffen auf Twitter, darunter eines, das offenbar einen Konvoi demolierter russischer Militärfahrzeuge zeigt. Es gibt sogar ein „Bayraktar“-Lied mit Beats, die rhythmisch mit dem Geräusch von Explosionen zusammenfallen. Es wurde bei YouTube hochgeladen und wird im ukrainischen Radio gespielt.

„Solange sie noch immer hereinfliegen, solange sie noch bewaffnet sind, werden sie nützlich sein. Sie werden vor allem nützlich für die Propaganda-Seite sein“, erklärt Aaron Stein, Forschungsdirektor am Foreign Policy Research Institute in den USA. „Die Videos haben die Leute in Verzückung versetzt, weil sie einen Luftangriff in hoher Auflösung zeigen.“

Kosten: unter zwei Millionen Euro

Die Türkei begann schon im Jahr 2019 damit, die Drohnen an die Ukraine zu verkaufen. Kiew nutzte sie im Kampf gegen von Moskau unterstützte Separatisten im Donbass in der Ostukraine, was der Kreml als einen „destabilisierenden“ Schritt bezeichnete.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Über Details rund um die Drohnenverkäufe an Kiew halten sich türkische Regierungsvertreter bedeckt. Wie viele Fluggeräte im Einsatz sind und ob es Nachschub für die Ukraine gibt, ist also unklar. Unabhängige Schätzungen gehen von 20 bis 50 Drohnen vom Typ Bayraktar in der Ukraine aus. Sie sollen pro Stück unter zwei Millionen Dollar (rund 1,8 Millionen Euro) kosten.

Produziert werden sie vom Rüstungsunternehmen Baykar, das der Familie von Selcuk Bayraktar gehört. Dieser ist der Schwiegersohn des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan. Bayraktar ist der technische Direktor bei Baykar.

Militärexperte: „Ich nenne es den Toyota Corolla der Drohnen“

Die Drohnen des Unternehmens sollen sowohl in Konflikten in Libyen den Ausschlag gegeben haben als auch im Kampf des türkischen Verbündeten Aserbaidschan mit von Armenien unterstützten Truppen in der umstrittenen Region Bergkarabach 2020. Eingesetzt hat Ankara die Drohnen auch gegen kurdische Kämpfer in der Türkei, im Norden Iraks und in Syrien.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Militärexperte Stein findet, dass die vergleichsweise günstigen Drohnen eine anhaltende Wirkung auf die Kriegsführung als nützliches Werkzeug der Zermürbung haben dürften. „Ich nenne es den Toyota Corolla der Drohnen. Es macht nicht alles, was dein Luxus-Sportauto macht, aber 80 Prozent davon, nicht wahr?“

RND/AP

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen