Interview mit Politologin

Pornos, Lockdownpartys und Trinkgelage: Was ist los in Westminster?

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, spricht während der wöchentlichen Fragestunde Prime Minister’s Questions (Fragen an den Premierminister) im britischen Unterhaus.

Hannah White, Politologin von der Denkfabrik „The Institute for Government“, beschäftigt sich in ihrem neuen Buch „Held in Contempt: What is wrong with the House of Commons“ mit der Frage, inwiefern im britischen Unterhaus geltende Regeln und Konventionen missachtet werden. Im RND-Interview erklärt sie, warum britische Politiker für so viele Skandale sorgen und was das mit Premier Boris Johnson zu tun hat.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Frau White, es scheint ja tatsächlich einiges im Argen in Westminster: Partys während des Lockdowns, Trinkgelage, pornoschauende Abgeordnete, übergriffige Parlamentarier. Was ist los im britischen Parlament?

Wir gehen hier zweifelsohne durch eine besonders schlechte Phase. Und es ist tatsächlich gar nicht so leicht zu erklären, woran das liegt. Denn eigentlich wurde in den letzten Jahren viel Aufwand betrieben, um die Situation zu verbessern.

Tatsächlich?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, neu eingerichtete Mechanismen im Parlament sollen es erleichtern, dass man Fehlverhalten von Abgeordneten melden kann. Als die Berichte zu dem pornoschauenden Tory Ende April aufkamen, hat der Fraktionsführer Chris Heaton-Harris außerdem umgehend Ermittlungen eingeleitet. Das wäre früher nicht passiert. Es kommen mehr Fälle ans Licht und es wird mehr darüber gesprochen.

Neil Parish, konservatives Mitglied des britischen Unterhauses, wurde nach Vorwürfen, er habe im Unterhaus auf seinem Handy Pornos angeschaut, von der konservativen Fraktion suspendiert.

Neil Parish, konservatives Mitglied des britischen Unterhauses, wurde nach Vorwürfen, er habe im Unterhaus auf seinem Handy Pornos angeschaut, von der konservativen Fraktion suspendiert.

Woran liegt es denn, dass sich männliche Abgeordnete ein solches Verhalten offenbar immer noch erlauben können?

Das liegt unter anderem an der Kultur in Westminster und an den Mechanismen, die dort wirken. Viele Abgeordnete, insbesondere Frauen, wundern sich zu Beginn ihrer Karriere darüber, welche Bedingungen sie im Parlament vorfinden, wie misogyn es beispielsweise ist. Doch um ihre Macht und ihren Einfluss nicht zu verlieren, finden sie sich damit ab. Schließlich sind es ganz bestimmte Personen, die sich für diesen Job entscheiden. Jeder hat ein Ego. Sie wollen Parlamentsabgeordnete bleiben und zudem ihre Wähler nicht enttäuschen. Es ist ein Handel, ein Kompromiss, den schließlich fast alle Abgeordneten eingehen. Damit bleibt dann alles beim Alten.

Frauen halten also auch still, weil sie Angst haben, dass sie am Ende den Kürzeren ziehen?

Genau. Das wurde auch im Zuge der Ermittlungen zu Neil Parish deutlich, dem Parlamentarier, der im Unterhaus Pornos geschaut hatte. Weibliche Kollegen hatten das Gefühl, wenn sie offen über den Vorfall sprechen, nicht etwa die Person, die sich falsch verhalten hat, die Konsequenzen trägt, sondern sie selbst. Das ist sehr beunruhigend, denn es zeigt, dass die Machtmechanismen im Parlament zugunsten von Männern wirken, nicht von Frauen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das erklärt aber nur zum Teil, warum sich diese Männer im Parlament so verhalten, oder?

Neben der Kultur in Westminster selbst spielt auch die Auswahl der Abgeordneten eine Rolle. Denn in vielen Wahlkreisen wählen die Menschen ja meist eine bestimmte Partei, häufig entweder Labour oder die Tories. Damit bestimmen schließlich die Parteien vor Ort, wer der nächste Abgeordnete wird. Diese Wahl treffen dann oft alteingesessene Mitglieder. Und die haben dann unter Umständen eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie ein Parlamentsabgeordneter zu sein hat.

Und dann ist da ja auch noch Boris Johnson. Welche Rolle spielt er denn dabei, dass die Lage im Parlament offenbar so außer Kontrolle geraten ist?

Der Premier geht einfach nicht mit gutem Beispiel voran. Partygate hat gezeigt, dass er davon ausgeht, dass bestimmte Regeln zwar für andere, nicht aber für ihn selbst gelten. Damit schuf er eine Atmosphäre, in der manche Parlamentarier denken, sie könnten es ihm gleich tun. Überraschend kam das Fehlverhalten Johnsons aber nicht. Er hat schließlich schon vor seiner Zeit als Premier immer wieder gegen Regeln und Konventionen verstoßen – beruflich und privat.

Und trotzdem wurde er gewählt?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, im Jahr 2019 hatten es viele leid, dass der Brexit nicht vorangeht. Johnson traute man zu, dass er es schafft, weil er gegen Regeln spielt. Eine Eigenschaft, die ihm nun angesichts der Partygate-Affäre zum Verhängnis werden könnte. Außerdem mögen ihn viele Menschen, weil es für die nichts Schlimmeres gibt als abgehobene Politiker, die wirken, als seien sie Teil einer großen Maschine. Und so ist Boris Johnson eben nicht. Deshalb vergeben sie ihm auch, wenn er mal keine Ahnung hat.

Gilt das auch für die Partys während des Lockdowns? Die lokalen Wahlen am Donnerstag galten diesbezüglich ja als erster wichtiger Stimmungstest.

Der Einfluss von Partygate auf die Wahlen war gemischt. Auf der einen Seite verlor die konservative Partei Hunderte Sitze – insbesondere in London und Südengland. Auf der anderen Seite hielten sich die Tories auf wichtigen englischen Schlachtfeldern im Norden Englands und in Wales.

Und was bedeutet das jetzt für Boris Johnson?

Das hängt davon ab, was für die konservativen Abgeordneten schwerer wiegt: die Tatsache, dass sie viele Wähler in Bezirken verloren haben, die einst in fester Hand der Tories waren, oder aber der Umstand, dass ihnen kürzlich konvertierte Wähler in Nordengland und Wales die Treue gehalten haben, trotz allem.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.