Kritik an Nestlé

Warum der Schweizer Lebens­mittel­gigant so gehasst wird

Der Nahrungs­mittel­konzern Nestlé steht zunehmend in der Kritik.

Der Nahrungs­mittel­konzern Nestlé steht zunehmend in der Kritik.

Es war der Aufreger unter Fans des Start‑ups Ankerkraut. Der Hamburger Gewürzhändler teilte in dieser Woche mit, dass der Nahrungs­mittel­konzern Nestlé die Mehrheit an der Ankerkraut GmbH übernehmen werde. Anteile der bisherigen Investoren sowie Kontingente der Management­anteile überlässt man also dem Großkonzern.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In sozialen Medien hagelte es Kritik für diesen Schritt. Man sei nur ein Green­washing-Start-up gewesen und würde verkaufen, wenn man groß genug sei, hieß es da. Eine andere Nutzerin kritisierte, dass man eine Marke, die in Kooperation mit vielen Streamern auf Plattformen wie Youtube oder Twitch aufgebaut wurde, nicht schneller kaputt machen könne.

Doch warum ist der Aufschrei so groß? Warum gibt es so viel Kritik an Nestlé? Was macht der Konzern falsch, dass er von vielen so gehasst wird?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Grundwasser abpumpen und verkaufen

Das Unternehmen mit Sitz im schweizerischen Vevey ist der größte Nahrungs­mittel­konzern der Welt. In 186 Ländern beschäftigt Nestlé rund 300.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Konzern produziert unter anderem Flaschenwasser, Früh­stücks­flocken, Kaffee, Babynahrung, Süßwaren, Milchprodukte, Tiernahrung, ja sogar Kosmetik­produkte. An insgesamt mehr als 2000 Marken ist Nestlé beteiligt.

Größter Kritikpunkt an dem Megakonzern ist sein Umgang mit Trinkwasser. Wasser wird weltweit immer mehr zum Luxusgut, in vielen Staaten herrscht Knappheit. Nestlé wird vorgeworfen, in armen Ländern das Grundwasser abzupumpen, um es anschließend den Menschen in der jeweiligen Region wieder teuer zu verkaufen, berichten zahlreiche Quellen wie das „Handelsblatt“. Der Konzern wird immer wieder dafür kritisiert, Grund­wasser­speicher, in deren Besitz er ist, zu entwässern und dabei weder nachhaltig zu agieren noch auf die Folgen für die Umwelt zu achten.

Das Unternehmen ist der Meinung, dass Wasser bzw. der Zugang zu Wasser kein Grundrecht sei. Auf dem Welt­wasser­forum, einer Konferenz des Welt­wasser­rats, auf dem in regelmäßigen Abständen unter anderem über Wasser­versorgungs­probleme diskutiert wird, schlug Nestlé im Jahr 2000 vor, den Trink­wasser­zugang nicht mehr als ein Recht, sondern als ein Bedürfnis zu klassifizieren.

Entrüstung in Vittel

Auch Umweltschützer in Europa laufen Sturm, was den Umgang Nestlés mit Wasser betrifft. Für seine Mineral­wasser­marke Vittel in der gleichnamigen französischen Kleinstadt in den Vogesen pumpt der Konzern Hundert­tausende Kubikmeter Wasser pro Jahr ab. Medien­berichten zufolge soll der Grund­wasser­spiegel im Ort jährlich um bis zu 30 Zentimeter absinken.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein Problem, das Nestlé nach eigenen Angaben bereits seit über 30 Jahren bekannt ist. Der Werksdirektor von Nestlé Waters, Ronan Le Fanic, gab im Sommer 2020 zu, dass man mehr Wasser abpumpe, als sich natürlicher­weise regenerieren könne. Dadurch würde der Grund­wasser­spiegel seit 30 Jahren jedes Jahr ständig sinken.

Die US-amerikanische NGO Food and Water Watch errechnete, dass in den USA für 64 Prozent des abgefüllten Wassers kommunale Quellen für Leitungs­wasser genutzt werden. Demzufolge würde man für Wasser bezahlen, das normaler­weise fast kostenlos zu haben sei. Insgesamt würde Flaschenwasser 2000-mal mehr kosten als Leitungs­wasser. Die NGO erklärt: „Wenn Verkäufer von Flaschen­wasser nicht kommunales Wasser verkaufen, beuten sie gemein­schaftliche Quellen aus, die der Öffentlichkeit gehören, und verkaufen diese.“ Dies schade der Umwelt und zehre kommunale Wasser­ressourcen aus.

Mitarbeiter von Nestlé sagen selbst, dass sich Quellwasser besser verkaufe, weil es als authentischer und gesünder angesehen werde.

Palmöl für Schokoriegel

Doch Nestlé muss sich auch anderer Kritik erwehren. Bei der Herstellung des Schokoriegels Kitkat verwendet der Konzern Palmöl. Ölpalmen, aus denen die Zutat Palmöl gewonnen wird, werden auf Plantagen unter anderem in Indonesien und Malaysia angebaut. Für deren Bewrschaftung muss letztendlich Regenwald weichen, was wiederum weitreichende Folgen für das Weltklima hat.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laut der Umwlorganisation Greenpeace gehen in Indonesien wegen Palmöl jeden Tag rund 20 Quadrat­kilometer Regenwald verloren. Nach der 2010 ins Leben gerufenen Social-Media-Kampagne von Greenpeace „Give the orang-utan a break …“ reagierte Nestlé und kündigte auf seiner Homepage an, zukünftig nur noch „nachhaltig angebautes Palmöl für die Produkte zu verwenden“. Damit die Natur nicht zerstört werde, setze man auf Lieferketten, die klar zeigen würden, ob Regenwald für die Gewinnung von Palmöl illegal gerodet werde. Nach einem Bericht des „Guardian“ sei dieses Ziel jedoch nur teilweise eingehalten worden.

Tödliche Babynahrung

Bereits in den 70er- und 80er-Jahren brach der Skandal um Milch­pulver über den Konzern herein. Von Nestlé-Mitarbeiterinnen in Entwicklungs­ländern wurde damals Milchpulver verteilt. Da zur Zubereitung der Milch meist verunreinigtes Wasser genutzt wurde, starben viele Kinder. Die Mütter seien nicht umfassend genug über die Vor- und Nachteile von künstlich hergestellter Milch aufgeklärt worden, hieß es.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Im Oktober 2019 wurde dann bekannt, dass Säuglings­milch­produkte, auch von Nestlé, mit gesundheits­gefährdendem Mineralöl belastet waren. Das belegten unabhängige Laboranalysen, die die Verbraucher­organisation Foodwatch veröffentlichte. In den Produkten sollen Mineral­öl­rück­stände enthalten gewesen sein. Bei den Labortests wurden in dem Milchpulver sogenannte aromatische Mineral­öl­bestand­teile nachgewiesen, die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen.

Es sind also verschiede Produktsparten, in denen sich Nestlé heftiger Kritik stellen muss. Bis heute hat der Weltkonzern dies verhältnis­mäßig gut weggesteckt, die Fehler teilweise eingeräumt und stets Besserung gelobt. Doch das Image des Unternehmens scheint immer mehr angekratzt, sonst würde es die beißende Kritik der Ankerkraut-Fans nicht geben.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen