Newsletter „Klima-Check“

Klima gegen Kunst?

Das von Just Stop Oil herausgegebene Foto zeigt zwei Demonstrantinnen, die Vincent van Goghs berühmtes Werk „Sonnenblumen“ von 1888 in der National Gallery in London mit Dosensuppe beworfen haben.

Das von Just Stop Oil herausgegebene Foto zeigt zwei Demonstrantinnen, die Vincent van Goghs berühmtes Werk „Sonnenblumen“ von 1888 in der National Gallery in London mit Dosensuppe beworfen haben.

Liebe Leserinnen und Leser,

Vermeer, van Gogh, Monet: Der Protest der jungen Klimaaktivisten und Klimaaktivistinnen richtet sich derzeit häufig gegen die Kunst. In Potsdam etwa haben Mitglieder der Letzten Generation vor einigen Tagen Kartoffelbrei gegen ein Bild des Impressionisten Claude Monet geworfen. Viele Menschen haben dafür wenig Verständnis. „Nicht nur die Würde des Menschen ist unantastbar, auch die eines Kunstwerks. Deshalb: Finger weg“, schrieb etwa der Protestforscher Wolfgang Kraushaar in einem Gastbeitrag im „Tagesspiegel“. Andere – wie etwa die Journalistin Aja Romano fragen sich: Warum weckt der mögliche Verlust eines Gemäldes in uns so viel mehr Emotionen, so viel mehr Widerwillen als die Zerstörung der Welt?

„Die Klimakrise bringt uns um“

Denn nichts anderes geschieht derzeit. „Die Klimakrise bringt uns um“, warnt UN‑Generalsekretär António Guterres. Das haben in dieser Woche wieder einmal zahlreiche Studien, Berichte und Prognosen gezeigt. Wir steuern auf eine Erwärmung von 2,5 Grad zu – mit all den katastrophalen Auswirkungen, die das nach sich zieht. Doch was die Staaten dagegen unternehmen, ist nicht einmal annähernd ausreichend. Und auch die großen Ölunternehmen, gegen die sich etwa der van-Gogh-Suppenwurf von Just Stop Oil richtete, spielen dabei natürlich eine wichtige Rollen, wie unsere Infografik der Woche zeigt.

 

Faktencheck der Woche

Auf der Erde wird es wohl bald spürbar leerer. Millionen Tierarten könnten nach Einschätzung von Expertinnen und Experten in den kommenden Jahrzehnten aussterben, weil sie ihre Lebensräume verlieren. Das hat Folgen für zahlreiche Ökosysteme und auch für den Menschen. Die Forschung hofft, dieses Massensterben zu stoppen – und zwar, indem einfach bedrohte Tierarten geklont werden. Kann das funktionieren? Ein Faktencheck.

Klonen allein wird das Artensterben nicht verhindern. Dafür ist es zu ineffizient.

Klonen allein wird das Artensterben nicht verhindern. Dafür ist es zu ineffizient.

Wie klont man Tiere?

Tiere zu klonen ist ein sehr aufwändiger Prozess. Dafür braucht es zuallererst Erbmaterial des Tieres, das geklont werden soll. Häufig stammt dieses aus den Zellkernen von Hautzellen. Außerdem benötigt wird eine Eizelle, idealerweise vom gleichen Tier. Unter dem Mikroskop wird dann der Zellkern der Eizelle entfernt und durch den Zellkern aus der Hautzelle, in dem sich die zu klonende DNA befindet, ersetzt. Mithilfe von Strom wird die Eizelle aktiviert und sie beginnt, sich zu teilen. Somatischer Zellkerntransfer heißt dieses Verfahren.

Gibt es bereits Tiere, die auf diese Weise geklont wurden?

1996 wurde erstmals ein Tier mithilfe des somatischen Zellkern­transfers geklont. Es war das Schaf Dolly. Sein Erbmaterial stammte aus einer Euterzelle eines bereits geschlachteten Tieres. Im Alter von sechs Jahren musste Dolly jedoch wegen einer schweren Lungen­entzündung eingeschläfert werden.

Die Forschung ging weiter: In den USA klonte die Firma Revive & Restore etwa ein Przewalski-Pferd und ein Schwarzfuß­frettchen. Jüngstes Beispiel ist Maya, eine Polarwölfin. Sie war dieses Jahr in China zur Welt gekommen. Auch zu kommerziellen Zwecken wird teilweise geklont. Dennoch sind geklonte Tiere weiterhin sehr selten.

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Warum?

Klonen ist in gewisser Weise ein Glücksspiel. Auf dem langen Weg vom befruchteten Embryo bis zum lebenden Tier gibt es viele Stolpersteine. Zum Beispiel müsse die Eizelle den zellfremden Zellkern innerhalb von 24 Stunden umprogrammieren, erklärt Claudia Klein, Leiterin des Friedrich-Loeffler-Instituts für Nutztiergenetik in Neustadt (Niedersachsen). „Das ist, als ob ich bis morgen lernen müsste, einen Düsenjet zu fliegen. Das wird schiefgehen.“

Die Erfolgsquote bleibt gering. Sie liege zwischen 2 und 3 Prozent, sagt Klein. Das heißt: Wenn man 100 genetisch modifizierte Eizellen verpflanzt, entstehen dabei maximal zwei bis drei lebende geklonte Tiere. Weil das Verfahren so komplex ist, ließe sich die Erfolgsquote auch nicht wesentlich steigern.

Ist es dann überhaupt möglich, das Artensterben mithilfe des Klonens zu stoppen?

Klonen allein wird das Artensterben nicht verhindern. Dafür ist es zu ineffizient. Und gleichzeitig gibt es zu viele Tiere, die vom Aussterben bedroht sind. Aktuell stehen mehr als 41.000 Tierarten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN). Alle diese Tiere zu klonen, um sie zu retten, ist undenkbar. Einzelne Arten auszuwählen, die es wert sind, geklont zu werden, ist es ebenfalls. Je exotischer die zu klonenden Tiere sind, desto schwieriger wird es auch, an Eizellen heranzukommen. Außerdem lassen sich gar nicht alle Tiere klonen.

Welche Tiere können nicht geklont werden?

Der somatische Zellkerntransfer funktioniert nur bei Säugetieren, Fischen, Amphibien und einigen Insektenarten. Vögel, Reptilien und eierlegende Säugetiere wie Schnabeltiere können dagegen nicht auf diese Weise geklont werden. Für sie braucht es andere Verfahren, um vom Aussterben bedrohte Rassen zu konservieren: Statt Eizellen könnten beispielsweise primordiale Keimzellen genutzt werden, erklärt Genetikerin Klein. Das sind Zellen, aus denen sich später bei männlichen Tieren die Spermien und bei weiblichen Tieren die Eizellen entwickeln. Neben den primordialen Keimzellen kann auch einfach Sperma der Tiere eingefroren werden, das sich dann zu beliebiger Zeit verpflanzen lässt. Dieses Verfahren eigne sich auch bei landwirtschaftlichen Nutztieren, sagt Klein.

Was sagen Umwelt- und Naturschutz­verbände zum Klonen?

Für den WWF Deutschland ist das Klonen kein Ausweg aus der Bio­diversitäts­krise. „Anstatt zu versuchen, die Symptome zu kurieren, müssen wir unsere Kräfte darauf fokussieren, die Ursachen des Artensterbens zu beheben“, meint die Umwelt­organisation. „Das sind vor allem die Zerstörung der Lebensräume von Tieren und Pflanzen, die Übernutzung der Natur, die Klimakrise und die Umwelt­verschmutzung. Darauf richten wir unsere Arbeit.“

Ohne intakte Lebensräume ist es ohnehin sinnlos, bedrohte Tierarten zu klonen. Sie würden schnell wieder aussterben, wenn sie keine Nahrung finden, von Krankheiten dahingerottet oder vom Menschen durch Landwirtschaft oder Rodung verdrängt werden. Klonen kann – wenn überhaupt – also nur ein zusätzliches Mittel zur Arterhaltung sein.

 

Infografik der Woche

Die 99 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler finden deutliche Worte: „Öl- und Gasunternehmen machen Rekordgewinne, während ihre Produktions­strategien weiterhin das Leben und Wohlergehen der Menschen untergraben.“ Für den aktuellen „Lancet Countdown 2022“, der sich vor allem mit den Auswirkungen der Erderhitzung auf die Gesundheit beschäftigt, haben sie die derzeitigen Förder­strategien der größten Öl- und Gasunternehmen auf ihre Kompatibilität mit dem 1,5‑Grad-Ziel untersucht – unabhängig von deren Behauptungen und Zusagen. Ihr Ergebnis: Es braucht dringend mehr und stärkere Vorschriften, Kontrollen und Rechenschafts­pflichten.

 

Verbrauchertipp der Woche

Nach erbittertem Ringen hat sich die EU darauf geeinigt, dass neue Autos ab 2035 emissionsfrei sein müssen. Was bedeutet die Entscheidung für Autofahrerinnen und Autofahrer?

Bereits zugelassene Fahrzeuge sind von dem Vorhaben nicht betroffen. Wie sich aber eine Entscheidung auf die Preise für gebrauchte Verbrenner auswirkt, ist unklar. Ein generelles Verkaufsverbot für gebrauchte Autos mit Verbrennungsmotor ist nicht vorgesehen. Wie sich die neuen Regeln aber auf andere Bereiche wie den Ausbau von Ladeinfrastruktur oder die Tankstellen­abdeckung auswirken, ist ebenfalls noch offen. Pläne, Autos mit Verbrennungsmotor komplett von Straßen zu verbannen, sind bislang nicht im Gespräch. Realistisch ist, dass durch ein Verkaufsverbot klassische Benziner und Diesel automatisch immer seltener werden.

 

Der RND-Klima-Podcast – hier hören

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Die gute Nachricht

Das von der US‑amerikanischen Weltraumbehörde Nasa zur Verfügung gestellte Bild zeigt einen Blick auf den Carina-Nebel (Carina Nebula). Diese „Landschaft“ ist der Rand einer nahe gelegenen, jungen Stern­entstehungs­region namens NGC 3324 im Carina-Nebel.

Das von der US‑amerikanischen Weltraumbehörde Nasa zur Verfügung gestellte Bild zeigt einen Blick auf den Carina-Nebel (Carina Nebula). Diese „Landschaft“ ist der Rand einer nahe gelegenen, jungen Stern­entstehungs­region namens NGC 3324 im Carina-Nebel.

Im Grunde bestehen alle Menschen aus Sternenstaub. Dieser Satz ist nicht nur wissenschaftlich korrekt, erklärt RND-Kolumnistin Insa Thiele-Eich. Der Gedanke kann uns auch angesichts des Klimawandels Mut machen. „Der menschengemachte Klimawandel fordert von uns in den kommenden Jahren gewaltige Transformationen wie zum Beispiel eine Energiewende – und dass die nicht einfach wird, merken wir aktuell mehr denn je“, schreibt sie. „Wenn ich mir jedoch in Erinnerung rufe, dass wir alle aus Sternenstaub entstanden sind – mehr nicht! –, dann ist es doch wirklich erstaunlich, was die Menschheit in ihrer Geschichte schon alles erreicht hat.“

 

Aktuelle Hintergründe

 

Termine

  • Sonntag, 30. Oktober: Der Deutsche Umweltpreis wird übergeben. Die mit 500.000 Euro dotierte Auszeichnung wird seit 1993 jährlich von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt verliehen.
  • Dienstag, 1. November: Der Welt-Vegan-Tag wurde 1994 zum 50. Jahrestag der Gründung der britischen Vegan Society ins Leben gerufen. An diesem Tag soll mit Kampagnen für eine Ernährung ohne Fleisch oder Tierprodukte wie Eier und Milch geworben werden.
  • Freitag, 4. November: Die 41. Konferenz der Antarktis-Kommission CCAMLR soll beendet werden. Bei dem zwölftägigen Treffen geht es um die Einrichtung wichtiger Meeres­­schutz­gebiete im Südpolar­meer. Das Vorhaben wurde bisher immer von China und Russland blockiert.
 

Am 6. November beginnt die Welt­klima­konferenz der Vereinten Nationen. In Ägypten beraten knapp 200 Staaten zwei Wochen lang darüber, wie der Kampf gegen die Erderhitzung beschleunigt werden kann. Die Zeit drängt. Alles darüber lesen Sie dann in unserer nächsten Ausgabe.

Ihre

Anna Schughart und Laura Beigel

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