Sanktionen ohne Wirkung?

Chinas Freundschaft zu Russland zeigt sich auch in den Handelsbilanzen

Der russische Präsident Wladimir Putin mit Chinas Staatschef Xi Jinping bei einem Treffen Anfang Februar.

Der russische Präsident Wladimir Putin mit Chinas Staatschef Xi Jinping bei einem Treffen Anfang Februar.

Wer die jüngsten Handelszahlen aus China genauer unter die Lupe nimmt, der findet einen eindrücklichen Beweis für die strategische Neuausrichtung der Volksrepublik: Der gemeinsame Handel mit Moskau ist in den letzten zwei Monaten im Vergleich zum Vorjahres­zeitraum um fast 40 Prozent gewachsen – mehr als dreimal so schnell wie der Warenverkehr mit der Europäischen Union. Mittlerweile ist das jährliche Handelsvolumen zwischen den zwei strategischen Partnern bereits rund 150 Milliarden Dollar wert, Tendenz stark steigend.

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+++ Alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

In Brüssel dürfte man ob solcher Zahlen ins Stocken geraten, schließlich wissen Europas Regierungs­vertreter bestens über die Schlüsselrolle Bescheid, die der Volksrepublik bei den Russland-Sanktionen unweigerlich zukommt. Die Repressionen gegen Moskau können nämlich nur fruchten, wenn Peking nicht für seinen strategischen Partner in die Bresche springt.

In einer Videokonferenz am Dienstag jedenfalls waren sich der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz, der französische Präsident Emmanuel Macron und Chinas Staatschef Xi Jinping Angaben zufolge einig: Beim russischen Krieg in der Ukraine soll eine diplomatische Lösung her.

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Solidarität mit Russland? Auch mithilfe von Propaganda

Fest steht: Nach außen lehnt China die bilateralen Sanktionen kategorisch ab. Am Beispiel Nordkorea konnte man in den vergangenen Jahren beobachten, wie sehr Peking die Strategie der internationalen Staaten­gemeinschaft konterkariert hat: Illegale Kohlelieferungen chinesischer Schmuggler haben dem Regime von Kim Jong Un praktisch das Überleben gesichert. Auch gegenüber Russland hatte zuletzt Außenminister Wang Yi am Montag betont, dass man den bilateralen Handel ganz normal fortsetzen würde.

Und ausgerechnet die chinesischen Konsumenten legen auf jene Normalität noch eine Schippe drauf. In den letzten Tagen haben sie, angestachelt durch die kreml­freundlichen Propaganda­berichte der Staatsmedien, ihre Solidarität zu Russland entdeckt.

Auf der E-Commerce-Plattform JD.com haben etliche Chinesinnen und Chinesen dem einzigen offiziell von der russischen Botschaft legitimierten Onlineshop zu einer regelrechten Goldgräber­stimmung verholfen. Der Shop, dessen zunächst 100.000 Followerinnen und Follower sich innerhalb weniger Tage verzehnfacht hatten, bedankte sich ob der ausverkauften Produkte von Schokoladen­tafeln bis hin zu Wodkaflaschen für die „Freundschaft in schwierigen Zeiten“.

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Werden chinesische Firmen von den Russland-Sanktionen profitieren?

Ob umgekehrt auch chinesische Firmen angesichts der neuen Situation profitieren können, bleibt fraglich. Dass viele westliche Firmen von Apple über Samsung bis Ikea sich aus Russland zurückziehen, hinterlässt zumindest ein Vakuum für die Konkurrenz aus Fernost. Xiaomi ist bereits jetzt der zweiterfolgreichste Smartphoneproduzent in Russland, die Lenovo-Laptops aus Hongkong rangieren in ihrem Segment ebenfalls an zweiter Stelle.

„Da die Sanktionen Russland zu einem wirtschaftlich isolierten Paria machen, wird China nicht zu Hilfe eilen“, heißt es jedoch in einem Bericht der Wirtschaftsberatung Gavekal Dragonomics mit Sitz in Shanghai. Für die meisten chinesischen Firmen sei die russische Kaufkraft zu klein, um deswegen sanktioniert zu werden oder die westlichen Märkte außer acht zu lassen.

Bezeichnenderweise hat die nationalistische „Global Times“ letzte Woche einen Artikel publiziert, der von den Chancen chinesischer Technologiefirmen in Russland geschwärmt hatte – nur, um nach wenigen Stunden still und heimlich wieder gelöscht zu werden.

China sieht Chancen – Russlands Lösung ist das aber nicht

Tatsächlich jedoch eröffnet Russlands Entkopplung vom internationalen Swift-System die Möglichkeit, den chinesischen RMB international aufzuladen. Je mehr der RMB auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen verwendet wird, umso besser ist China vor Wechselkursschwankungen geschützt. Und derzeit wird Russland seine Öl- und Gaslieferungen in die Volksrepublik wohl als eine der wenigen Möglichkeiten, an Auslandsdevisen zu kommen, stark forcieren.

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Bereits 2015 hat China sein Zahlungssystem Cips eingeführt, das langfristig eine Antwort auf Swift darstellen soll. Bislang ist man davon noch weit entfernt, nur rund 75 Banken erkennen das System überhaupt an, bei Swift sind es rund 11.000. Doch zumindest in Russland werden nun einige Banken hinzukommen, die notgedrungen auf das chinesische System wechseln.

All dies kann jedoch nicht überdecken, dass China, selbst wenn es wollte, die Sanktionen gegen Russland nicht vollständig abfedern kann. Einige der benötigten Produkte, darunter spezifische Halbleiter, werden in der Volksrepublik schlicht noch nicht gefertigt.

Zudem, so argumentiert der Ökonom Paul Krugman in der „New York Times“, sei die geographische Lage für einen raschen Ausbau des Handels zwischen den zwei Ländern wenig vorteilhaft: Moskau ist nahezu 6000 Kilometer von der chinesischen Ostküste entfernt, und der Warentransport führt nur über ein schon jetzt bereits überlastetes Zugnetz.

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