Missbrauch durch Geistliche

Missbrauch in der katholischen Kirche: Reform und Verbrechen

In der Aschaffenburger Gemeinde Maria Geburt fand Mitte Februar anstatt des Sonntagsgottesdienstes eine Solidaritätsaktion mit den Missbrauchsopfern der katholischen Kirche statt. Hierbei berichteten auch Betroffene von ihren Schicksalen.

In der Aschaffenburger Gemeinde Maria Geburt fand Mitte Februar anstatt des Sonntagsgottesdienstes eine Solidaritätsaktion mit den Missbrauchsopfern der katholischen Kirche statt. Hierbei berichteten auch Betroffene von ihren Schicksalen.

Berlin. Norbert Denef hat Geschichte geschrieben in der römisch-katholischen Kirche Deutschlands. Er hätte lieber darauf verzichtet. Der 72-Jährige ist der Erste, der als Missbrauchsopfer eine Entschädigung durch seine Kirche durchsetzen konnte.

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25.000 Euro erhielt er 2005 vom Bistum Magdeburg für den Missbrauch durch einen Priester und einen Organisten im heimatlichen Delitzsch. Die wöchentlichen Übergriffe hatten begonnen, als Denef zehn Jahre alt und Messdiener war. Sie endeten mit seiner Flucht aus Delitzsch als 18-Jähriger.

Erst als er die 40 überschritten hatte, konnte Denef – Vater von zwei Kindern – nach einem Zusammenbruch das Schweigen brechen. Er redete 1993 in seiner Herkunftsfamilie erstmals über den Missbrauch und sein Leid, im Beisein der Täter.

Sein Fall wurde ein Jahr später das erste Mal öffentlich. Strafrechtlich waren die Taten verjährt. Der Priester starb unbehelligt, der Organist blieb es auch.

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Der Papst betet

Denef verlangte Entschädigung von der Kirche. 450.000 Euro für Arztbesuche, Therapien, gesundheitliche Folgeschäden. Das Bistum bot ihm zunächst Schweigegeld an. Als Denef sich beim Papst über diesen Umgang beklagte, schrieb Johannes Paul ein halbes Jahr später, er bete für ihn, dass er vergeben könne.

Norbert Denef am Ostseestrand in Scharbeutz. Für ihn ist das Training am Meer die beste Therapie.

Norbert Denef am Ostseestrand in Scharbeutz. Für ihn ist das Training am Meer die beste Therapie.

Der Mann, der inzwischen in Scharbeutz an der Ostsee lebt und schon vor Langem mit der katholischen Kirche gebrochen hat, hält nichts von deren Aufarbeitungsprozessen, der Suche nach Schuldigen und dem Ruf nach Strafen. „Es geht dabei nur um die Täter und den Schutz der Institution. Das System Kirche lässt sich nicht erneuern, diesen Betrieb muss man auflösen.“

Spätestens 2010 begann eine breite Öffentlichkeit zu begreifen, dass unter kirchlichen Dächern auch Böses schlummert. Damals machte Pater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs den Missbrauch an seiner Schule bekannt. Hier und anderswo meldeten sich weitere Opfer. Seitdem sind nahezu 5000 Missbrauchsfälle bekannt. Von knapp 2500 mutmaßlichen Tätern wurden gerade einmal 150 verurteilt. Das Problem: Viele Taten waren längst verjährt.

21,6 Millionen Euro als Anerkennung des Leids

Das sind die Ergebnisse von Gutachten, die seitdem von Diözesen in Auftrag gegeben worden sind. Sie einigten sich auch auf Zahlungen an die Betroffenen als Anerkennung des Leids, anfangs waren es 5000 Euro, inzwischen sind es 25.000 Euro und in Einzelfällen mehr. Insgesamt sind es bis heute rund 21,6 Millionen Euro.

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Denef, der schon lange für die Aufhebung von Verjährungsfristen bei Kindesmissbrauch kämpft, bezeichnet diese Summe als „Peanuts“ angesichts der „Zerstörung von Leben“ auf der einen und des Milliardenvermögens der katholischen Kirche in Deutschland auf der anderen Seite.

Die Erschütterung unter den einfachen Kirchenmitgliedern über Vergewaltiger und Fummler im Priestergewand ist heute noch groß. Allein 2020 traten 221.390 Katholikinnen und Katholiken aus ihrer Kirche aus. Seit 2010 verlor sie insgesamt knapp mehr als zwei Millionen Mitglieder durch Austritt.

1670 Kleriker beschuldigt

Eine von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene und 2018 veröffentlichte Analyse der in kirchlichen Personalakten zwischen 1946 und 2014 dokumentierten Missbrauchsfälle ergab 1670 Kleriker als Missbrauchsbeschuldigte. Es fanden sich Hinweise auf 3677 mutmaßliche Betroffene.

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„Das Ausmaß des Missbrauchs und der Umgang der Verantwortlichen damit haben mich erschüttert“: Harald Dreßing, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit.

„Das Ausmaß des Missbrauchs und der Umgang der Verantwortlichen damit haben mich erschüttert“: Harald Dreßing, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit.

Harald Dreßing, Leiter der Forensischen Psychiatrie am Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, hat die sogenannte MHG-Studie koordiniert. Er sagte bei Vorstellung des 370 Seiten zählenden Papiers, die Forscher hätten lediglich die Spitze des Eisbergs sichtbar gemacht. „Die Studienergebnisse zeigen, dass das Risiko sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen innerhalb der Strukturen der katholischen Kirche fortbesteht und konkrete Handlungen nötig sind, um Risikokonstellationen entgegenzuwirken.“

Laut Studie waren die Missbrauchsopfer zu 62,8 Prozent männlich und zu 34,9 Prozent weiblich. Bei 2,3 Prozent fehlten Angaben zum Geschlecht. Beim ersten sexuellen Missbrauch waren 51,6 Prozent der Betroffenen bis maximal 13 Jahre alt. Drei Viertel aller Opfer kannten die Täter aus einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung.

Verheerende Folgen

Die Folgen waren verheerend: körperliche Beschwerden, psychische Symptome wie Depression, Angst, Schlaf- oder Essstörungen, Flashbacks, Albträume, Vermeidungsverhalten, Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten sowie Alkohol- und Drogenkonsum. Betroffene berichten von Problemen in der Ausbildung und im Beruf, Problemen in Beziehungen und Partnerschaft oder in der Sexualität. Die gesamte Lebensplanung und -führung war bei vielen aus den Fugen geraten.

Als mögliche, nicht alleinige Ursachen nannten die Forscher, dass der Zölibat für bestimmte Personengruppen in spezifischen Konstellationen ein Risikofaktor für sexuelle Missbrauchshandlungen sein könne. Und dass ein autoritär-klerikales Amtsverständnis eher zum Schutz der Institution als zum Schutz der Kinder führen könne.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) hat Jesuitenpater Klaus Mertes für sein Engagement gegen sexuellen Missbrauch mit dem Verdienstorden ausgezeichnet.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) hat Jesuitenpater Klaus Mertes für sein Engagement gegen sexuellen Missbrauch mit dem Verdienstorden ausgezeichnet.

Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger durch katholische Kleriker darf nicht nur als individuelle Problematik einzelner Beschuldigter wahrgenommen werden, schreiben die Forscher. Er müsse auch als spezifische institutionelle Problematik der katholischen Kirche verstanden werden.

Missbrauch nicht rückläufig

2019 legten die Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg und Gießen (MHG) ein Update ihrer Studie vor und stellten fest, dass die Anzahl der sexuellen Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Priester im Zeitraum von 2009 bis 2015 nicht rückläufig, sondern in etwa konstant geblieben sei.

Fast wichtiger noch: Priester werden trotz ihres Weiheamtes und der damit verbundenen hohen moralischen Anforderungen nicht seltener wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern angezeigt als Männer in der Allgemeinbevölkerung. In manchen Jahren zwischen 2009 und 2015 lag die Zahl sogar darüber.

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„Es ist bemerkenswert, dass die Beschuldigungsquote von Priestern in den vergangenen Jahren nicht zurückgeht“, sagte Dreßing, „obwohl die Deutsche Bischofskonferenz bereits 2002 Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker erlassen hat, die in den Jahren 2010 und 2013 überarbeitet wurden.“

Kollision mit dem wahren Leben

Seitdem ringen Laien aus katholischen Gemeinden und die Bischöfe um einen Ausweg aus der Krise. Reform und Erneuerung sind plötzlich normale Vokabeln der Kleriker. Denn die Aufdeckung der Missbrauchsfälle – vor allem aber deren Vertuschungen bis in höchste Kirchenkreise – haben die katholische Welt in Deutschland heftig mit dem wahren Leben kollidieren lassen.

In den Debatten geht es nun um die Pflicht zur Ehelosigkeit von Priestern, die Rolle der Frauen in Führungsfunktionen der Kirche, die Weihe Homosexueller, mehr Mitsprache der Basis und fundamentale Gewaltenteilung. Die deutschen Bischöfe bekennen sich mehrheitlich zu dem Synodaler Weg genannten und 2019 begonnenen Prozess mit der Laienorganisation Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Norbert Denef steht am Ostseestrand, blinzelt in die Sonne und sagt: „Der Synodale Weg ist eine geniale Erfindung, um Zeit zu vertrödeln. Am Ende werden die Bischöfe ihre Macht gefestigt haben.“ Ausgerechnet der Vertreter des Vatikans in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, scheint Denefs Prophezeiung zu untermauern.

Rom interveniert

Bei der letzten Synodalversammlung Anfang Februar in Frankfurt ermahnte er die deutschen Bischöfe, bei ihren Reformbemühungen nicht die Einheit mit Rom aus den Augen zu verlieren. Die synodale Kirche verlange zwar die Teilnahme aller, so der Botschafter von Papst Franziskus, dürfe jedoch nicht mit Parlamentarismus gleichgesetzt werden, sondern sei eine Gabe des Heiligen Geistes und auf das Wort Gottes ausgerichtet.

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Der langjährige Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, spricht von einem „beschämenden Umgang kirchlicher Verantwortungsträger mit sexuellem Missbrauch“. Doch während die katholische Kirche erste Schritte zur Aufarbeitung von Missbrauch durch die Beauftragung juristischer Gutachten und von unabhängigen Aufarbeitungskommissionen gegangen sei, stehe die evangelische Kirche nicht annähernd so sehr im Fokus, obwohl es auch dort sehr viele Missbrauchsfälle zu beklagen gebe.

7,5 Millionen Euro an Betroffene

In der öffentlichen Wahrnehmung segelt sie beim Thema Missbrauch im Windschatten der katholischen Kirche, kritisiert Rörig. „Die gesteigerte Aufmerksamkeit für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche darf künftig nicht mehr dazu führen, dass der Umgang mit sexueller Gewalt in der evangelischen Kirche aus dem Blick gerät.“

Johannes-Wilhelm Rörig, langjähriger Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Johannes-Wilhelm Rörig, langjähriger Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

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Rund 900 Fälle seit 1950 sind durch sogenannte Anerkennungskommissionen der Landeskirchen bestätigt. Sie zahlten insgesamt 7,5 Millionen Euro an Betroffene. Gutachten oder Studien wie in der katholischen Kirche gibt es bei der EKD bislang nicht. 2020 startete ein Verbund ein Forschungsprojekt – erste Ergebnisse werden allerdings erst 2023 erwartet.

Evangelische Kirche mit ähnlichen Problemen

Dabei dürfte das Problem – auch wenn der Missbrauch in der evangelischen Kirche eher im Kontext von Jugendhilfe- oder Kinderbetreuungseinrichtungen geschah – in der Dimension ähnlich groß sein. Das jedenfalls ergab eine Dunkelfeldstudie der Universität Ulm aus dem Jahr 2019. Studienleiter Jörg Fegert geht davon aus, dass in beiden Kirchen jeweils bis zu 114.000 Kinder sexuell missbraucht worden sind.

Die katholische Kirche hat 2020 mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung eine „Gemeinsame Erklärung über verbindliche Kriterien für eine unabhängige Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland“ unterzeichnet. Alle Bistümer haben mit der Umsetzung begonnen, heißt es aus der Bischofkonferenz.

Bei der evangelischen Kirche gibt es so etwas nicht, und der Aufarbeitungsprozess stockt. Missbrauchsbeauftragter Rörig sagt: „Es wird völlig zu Recht die Frage gestellt, ob die Kirchen Missbrauch selbst aufarbeiten können und ob nicht eine viel stärkere staatliche Verantwortungsübernahme notwendig ist.“

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Betroffenenrat überwarf sich mit Kirchenführung

Das liegt vor allem am Umgang der Kirchenverantwortlichen mit den Opfern. Der Betroffenenbeirat der EKD hatte sich ein halbes Jahr nach seiner Gründung im Mai 2021 endgültig mit dem vom Braunschweiger Bischof Christoph Meyns geleiteten Missbrauch-Beauftragtenrat der EKD überworfen.

Der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns.

Der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns.

„Der Beauftragtenrat der EKD hat immer wieder durchsickern lassen, man habe offenbar die falschen Betroffenen für den Beirat ausgewählt oder dass deren Traumatisierung eine Arbeit in dem Gremium nahezu unmöglich mache“, erzählt Katharina Kracht vom Betroffenenbeirat. „Das ist jedoch falsch und reine Vermeidungsstrategie der Kirche. Sie entzieht sich damit ihrer Verantwortung als Täterorganisation im Aufarbeitungsprozess.“

Der frühere Katholik Norbert Denef winkt ab. „Mit der Suche nach Schuldigen drehen sich die Kirchen im Kreis. Und am Ende sind allein wir schuld an ihrem Dilemma. Wir, die Opfer.“

Zur Information: Dunkelfeldforschungen der vergangenen Jahre haben ergeben, dass etwa jeder siebte bis achte Erwachsene in Deutschland sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlitten hat. Jede fünfte bis sechste Frau ist davon betroffen. Sexueller Missbrauch wird am häufigsten zu Hause durch eigene Angehörige erlebt, jedoch berichten Kinder und Jugendliche auch von sexueller Gewalt in Institutionen, insbesondere in Schulen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und Sportvereinen. 2020 wurden in Deutschland rund 14.500 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch angezeigt. Die Anzeigen bezogen sich zu etwa 73 Prozent auf betroffene Mädchen. Hinzu kommen 1528 Anzeigen von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen und Jugendlichen sowie 21.868 Fälle sogenannter Kinder- und Jugendpornografie.

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