„Überhaupt nicht State of the Art"

„Was sie dort zeigen, ist 1918“: Ex-Nato-General Domröse kanzelt Russlands Kriegsführung ab

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt die Ausrüstung der Bodentruppen und einen Konvoi in Khilchikha, Belarus. (Symbolbild)

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt die Ausrüstung der Bodentruppen und einen Konvoi in Khilchikha, Belarus. (Symbolbild)

Hans-Lothar Domröse ist ein ehemaliger General des Heeres der Bundeswehr. Zuletzt war er als Nato-General von Dezember 2012 bis März 2016 Oberbefehlshaber des Allied Joint Force Command Brunssum mit Stützpunkt in den Niederlanden. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) zeigt er sich überrascht ob des technisch und taktisch veralteten Vorgehens von Putins Armee. „Wäre das bei der Nato so gelaufen, wir hätten unsere Kommandeure schon lange abgelöst.“

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Herr Domröse, Russland scheint den Kampf um das größte Atomkraftwerk in Europa vorerst gewonnen zu haben. Warum bringt Moskau ein Atomkraftwerk in der Ukraine unter seine Kontrolle?

Es geht meines Erachtens um Energiekontrolle. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Russen ein Interesse an der Zerstörung eines Atomkraftwerks haben. Beim Atomunfall von Tschernobyl hatten sie selbst große Verluste.

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Nimmt man als Russland bei Kämpfen so nah an Atomreaktoren nicht in Kauf, dass auch sensible Gebäude des Kraftwerks zerstört werden? Kann man überhaupt so genau zielen?

Das kann man schon. Präzision ist zumindest bei der Nato-Standard, bei den Russen hingegen nicht, wie es scheint. Die gehen scheinbar robuster vor. Die aktuellen Ereignisse zeigen aber eins deutlich: Solche kritischen Infrastrukturen müssen geschützt werden und das kann man auch. Gegen Bedrohung aus der Luft und vom Boden; Nah- und Nächstschutz nennen wir das.

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Und kann der Westen die Ukraine dabei unterstützen, die anderen drei AKW im Land besser zu schützen als das, was jetzt in russische Hand gefallen ist?

Nein. Das halte ich für ausgeschlossen. Das ist schweres Geschütz, dafür braucht man Hightechsysteme. Also erstens können die Ukrainer das nicht so schnell bedienen, zweitens hat man so etwas auch nicht „in den Regalen verfügbar“. Wir haben ja selbst Lücken im Schirm. Und drittens sind wir dann in einer Situation, in der man nicht mehr nur schultergestützte Waffen liefert, sondern schweres Geschütz und damit wäre man Kriegspartei.

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Ein AKW muss ja auch von Fachleuten betrieben werden. Was ist, wenn diese Fachleute ihren Arbeitsplatz verlassen. Ein Atomunfall würde auch viele Nato-Bündnispartner betreffen.

Sollte ein AKW hochgehen, dann wäre es sicher ein schwerer Unfall, der sogenannte GAU. Selbst wenn so etwas passieren würde, wäre so ein Unfall kein Bündnisfall für die Nato aus meiner Sicht. Man könnte im Zweifelsfall auch mit Fachpersonal unterstützen. Aber solche Leute haben die Russen auch selbst.

Das heißt, die Russen haben das AKW auch technisch unter Kontrolle.

Das kann ich mir vorstellen, ja. Zur Not muss man eben auch die ukrainische Besatzung, die da ist, zur Weiterarbeit motivieren oder zwingen. Die Ukrainer, die dort arbeiten würden ihren Arbeitsplatz vermutlich auch nicht aufgeben wollen, rein technisch betrachtet. Für das Betreiben und Sichern des AKWs fühlen die Angestellten dort eine Verpflichtung. Die finden es sicher nicht schön, jetzt einen neuen Boss zu haben, aber es geht am Ende nur darum, das AKW sicher zu betreiben.

Vier Kampfjets der Russen haben den Luftraum von Schweden verletzt. Nexta und der kremlkritische Radiosender Echo Moskwy berichten von sogenannten Sicherheitsanforderungen von Russland an Schweden und Finnland. Was sollen diese Provokationen?

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Das gehört zum Ritual. Die Zahl solcher Luftraumverletzung der Russen an unterschiedlichsten Stellen in Europa ist im Jahr dreistellig. Quasi immer, bei jedem Manöver versuchen es die Russen, Lufträume zu verletzen. Ob in England, Island, Norwegen, Schweden, Finnland, das ist Standard. Ich würde es nicht überbewerten. Interessanter ist die andere Forderung. Sicherheitsgarantien für Russland von Schweden und Finnland, das ist glatter Unsinn. Wieso soll Schweden versichern, dass Russland sicher ist? Oder Finnland? Das ist ja eine Umkehrung der Vorzeichen. Das ist völlig abstrus, wenn es stimmt. Russland ist weder durch Schweden, noch durch Finnland oder die Nato bedroht. Putin ist persönlich bedroht – die russische Diktatur ist bedroht durch Freiheitswillen der Bevölkerung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Von nichts anderem.

Stockholm zeigt sich trotzdem in Sorge um die strategisch so wichtige Insel Gotland. Warum ist Gotland in schwedischer Hand so wichtig für den Westen?

Es geht darum, das Territorium insgesamt zu schützen, von vorne bis hinten. Und Gotland war lange soldatenfrei. Jetzt ist wieder eine Kompanie dort so, dass die Russen nicht unbemerkt landen und die Insel besetzen können.

Wladimir Putin hat vor allem junge Soldaten vorgeschickt. Sie sollen zwischen 18 und 23 Jahre alt sein. Sie haben nur altes Material aus Sowjetzeiten zur Verfügung. Was ist das für ein Zug zu Kriegsbeginn?

Es klingt vielleicht zynisch, aber man sagt nicht umsonst „War is a young mens game“ (Anm. d. Red: „Krieg ist etwas für junge Menschen“). Das heißt, der Einsatz von jungen Leuten in Kriegen ist natürlich. Unsere Soldatinnen und Soldaten sind auch jung. Hauptleute sind auch bei uns um die 30 Jahre alt, Leutnante immer um 23. Soldaten sind natürlich in jedem Alter da. Aber denken Sie an unsere Wehrpflicht zurück, da waren auch alle maximal um die 20 Jahre alt. Das ist also etwas Natürliches.

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Glauben Sie denn den Erzählungen der Ukraine, dass festgenommene russische Soldaten alle denken, das alles sei eine Übung?

Kann sein. Sie benehmen sich teilweise zumindest wie in einer Übung. Technisch taktisch bin ich entsetzt von der russischen Kriegsführung. Für uns im positiven Sinne. Russland soll militärisch eine Weltmacht sein. Eine Hightech Force ist aber agiler, schneller, wendiger, flexibler, ist irgendwie überzeugender. Was die da im Norden machen, ist ja ein einschlafender Angriff. Diese 60 Kilometer Kolonnen ist wie ein Schlafwagen. Wäre das bei der Nato so gelaufen, wir hätten unsere Kommandeure schon lange abgelöst. Also ich bin erstaunt, dass sie im Grunde Armee 2.0 demonstrieren und nicht 4.0. Die Truppen sind scheinbar gar nicht vernetzt, gar nicht digitalisiert. Die Armee scheint starrsinnig und unflexibel, soweit man das aus der Entfernung beurteilen kann. Überhaupt nicht State of the Art.

Also dachten wir lange, die Russen sind viel stärker, als sie sind?

Ja und auch viel cleverer. Was sie dort zeigen, ist 1918. Es ist ein Jammer, dass die Ukraine nun auch nichts entgegenzusetzen hat. Die Russen boxen bislang deutlich unter Gewicht.

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Der ukrainische Präsident Selenskyj hat heute in der „Bild“-Zeitung gesagt, die Grenze für Putin wäre der ehemalige Grenzstreifen durch Deutschland. Wie klingt das für Sie?

Das nehmen wir jetzt mal wörtlich. Erstens verstehe ich den ukrainischen Präsidenten, der sich bewundernswert tapfer zeigt. Das möchte ich ausdrücklich sagen, denn er tritt gerade alleine gegen eine Weltmacht an. Nach der Lehre schafft es einer alleine gegen eine Weltmacht nicht. Insofern ist er in einer verzweifelten Situation und macht das aus meiner Beobachtung hervorragend, wenn ich das sagen darf. Zweitens: Wir müssen ernst nehmen, was Putin in seiner Hassrede gesagt hat: die Ukraine müsse entnazifiziert und entwaffnet werden. Und wir dürfen nicht vergessen, was er von der Nato schriftlich gefordert hat: Er will zurück in das Jahr 1997. Da war Deutschland die Grenze der Nato Richtung Osten. Polen, die Balten, Rumänien, also alle Staaten ostwärts der Elbe, wenn sie so wollen, waren nicht in der Nato und noch nicht in der EU. Und da will er wieder hin. Das ist ja seine Forderung, die natürlich abgelehnt wird vom Westen. Selenskyj spielt jetzt auf das an, was nach der Ukraine für Russland kommen könnte. Und natürlich muss man das ernst nehmen. Das macht die Nato ja jetzt auch. Die Ostflanke in Polen wird von den Amerikanern verstärkt, wir sind in Litauen und so weiter. Das heißt, die ganze Ostflanke wird verstärkt, um zu verhindern, dass das passiert, was Selenskyj hier als „schlimmsten Fall“ voraussagt.

Und Putin besiegen kann am Ende nur eine Russin oder ein Russe?

Ich denke ja. Das muss von innen gelöst werden. Die Frage der Regierungsführung muss ein Land selbst entscheiden. Auch in Nazideutschland gab es diese Versuche. Wenn man den Vergleich bringen darf, bei uns war es der Graf Stauffenberg und andere tüchtige Widerstandskämpfer. Nur muss man bedenken, damals war Deutschland auf dem Rückzug und schon fast am Ende. Putin ist ja aus seiner Sicht noch auf dem Vormarsch.

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